Berlin, 6. Oktober 2026: Die Amadeu Antonio Stiftung stellt anlässlich des Wintersemesters exklusive Zahlen zu Antisemitismus an deutschen Hochschulen vor und lanciert die 23. Aktionswochen gegen Antisemitismus „Für einen Campus ohne Judenhass“.
Laut einer qualitativen Erhebung der Anti-Defamation League, die im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung exklusiv für den deutschen Raum ausgewertet wurde, haben 85 % der jüdischen Studierenden in Deutschland ihre jüdische Identität bereits mindestens einmal im akademischen Jahr 2024/2025 verborgen. Jede*r dritte jüdische Studierende kennt jüdische Kommiliton*innen, die körperlich bedroht oder angegriffen wurden oder Kommiliton*innen, die in einem antiisraelischen Kontext angegriffen wurden. Damit liegt Deutschland über dem internationalen Vergleichswert. Im neuen Lagebild Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung berichten Betroffene von psychischer und körperlicher Gewalt. Die Amadeu Antonio Stiftung sieht darin eine Einschränkung der Bildungs- und Wissenschaftsfreiheit.
Tahera Ameer, Vorständin der Amadeu Antonio Stiftung: „Jüdinnen*Juden können an deutschen Hochschulen nicht mehr sicher studieren. Antisemitismus zeigt sich offen: in Seminaren, auf dem Campus, in Studierendenparlamenten. Jüdische Studierende erleben Ausgrenzung, Hass und Bedrohungen. Viele verbergen ihre Identität, meiden Veranstaltungen oder meiden den Campus. Hochschulen sollen Orte der Freiheit und einer offenen und respektvollen Auseinandersetzung sein. Wenn Jüdinnen*Juden dort ihre Identität verbergen und um ihre Sicherheit fürchten müssen, haben diese Institutionen versagt. Universitäten dürfen keine No-Go-Areas für Jüdinnen*Juden sein.“
Als Antwort auf den allgegenwärtigen Antisemitismus an Hochschulen startet die Amadeu Antonio Stiftung heute die 23. Aktionswochen gegen Antisemitismus mit dem Schwerpunkt Antisemitismus auf dem Campus. Das größte zivilgesellschaftliche Netzwerk gegen Judenhass bündelt 2026 rund 250 Veranstaltungen im Zeitraum vom 6. Oktober bis in den November hinein, zeigt Haltung durch die Plakataktion „Für einen Campus ohne Judenhass“ und startet eine Petition, um Judenhass an deutschen Hochschulen zu bekämpfen.
Dr. Nikolas Lelle, Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus: „Seit dem 7. Oktober 2023 haben sich deutsche Hochschulen zu einem zentralen Ort antisemitischer Mobilisierung entwickelt. Aber die Lage ist nicht aussichtslos: Es gibt viele Engagierte, die diesem katastrophalen Zustand etwas entgegensetzen. Die Aktionswochen gegen Antisemitismus bündeln dieses Engagement und setzen sich für einen Campus ohne Judenhass ein. Hochschulen tragen Verantwortung für den Schutz aller Studierenden, deswegen fordern wir, dass jede Hochschule ein verbindliches Schutzkonzept entwickelt, qualifizierte, unabhängige Antisemitismusbeauftragte einsetzt und Prävention, sowie Fortbildungen gegen Antisemitismus verbindlich werden.“
Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland: „Seit dem 7. Oktober ist es nicht möglich an deutschen Hochschulen zu studieren, ohne Antisemitismus zu erfahren. Zwischen judenfeindlichen Schmierereien und Seminaren, in denen Israel dämonisiert wird, haben wir jüdischen Student*innen gelernt, unsere Identität zu verstecken und jeden Schritt nach Sicherheitsaspekten zu planen. Viele Vorfälle werden nie öffentlich, weil wir Angst haben, dass die Situation für uns Jüdinnen*Juden dadurch noch schlimmer wird. Und Hochschulleitungen schweigen oft lieber, als sich offen mit uns Jüdinnen*Juden zu solidarisieren.“
Das „Zivilgesellschaftliche Lagebild Antisemitismus #15: In feindlicher Umgebung. Zur Lage an den Hochschulen nach dem 7. Oktober“ ist hier abrufbar.
Über die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus:
Die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus sind ein deutschlandweites Netzwerk von Organisationen und Initiativen, die jährlich in dem Aktionszeitraum verschiedene Veranstaltungen sammelt und fördert. Das Netzwerk wird koordiniert von der Amadeu Antonio Stiftung und dem Anne Frank Zentrum und schärft bereits seit 2003 das Bewusstsein für Antisemitismus in Deutschland.
Über die Amadeu Antonio Stiftung:
Die Amadeu Antonio Stiftung, die 1998 gegründet wurde, hat das Ziel, eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus wendet. Die Stiftung ist gemeinnützig und steht unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse.
