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Solidarisch auf dem Platz: Sportvereine vernetzen sich gegen Rechtsextremismus und Ausgrenzung

Foto: IFC Rostock

In Rostock kamen im Oktober 13 Vereine aus dem gesamten Bundesgebiet für ein Vernetzungswochenende zusammen. Ihr Ziel: Sportvereine als demokratische Orte stärken, Diskriminierungen bekämpfen und Solidarität leben.

Von Vera Ohlendorf

Sport ist für alle da. Das ist der Grundsatz, den Verbände, Landessportbünde oder der Deutsche Olympische Sportbund oft betonen. Nicht überall entspricht das der Realität: Diskriminierungen, Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus gibt es auch in Sporthallen, auf Fußballplätzen und in Fankulturen. Immer wieder versuchen Rechtsextreme, Einfluss auf Vereinsstrukturen zu nehmen. Viele Sportvereine setzen dem eine klare demokratische Haltung entgegen. 13 von ihnen haben Mitte Oktober am sogenannten Sternetreffen in Rostock teilgenommen. Mit dabei waren Vereinsvertreter*innen aus Leipzig, Halle, Köln, Berlin, Braunschweig, Ahrensburg, Kiel, Jena und Flensburg. Die Amadeu Antonio Stiftung förderte die Vernetzung und finanzierte die Verpflegung und Sachkosten.

Netzwerk für diskriminierungsarmen Sport

Das Sternetreffen findet seit 2019 jährlich an wechselnden Orten statt. Gegründet wurde es von Vereinen, die den Namen „Roter Stern“ tragen und ein progressives Verständnis von Sport und gesellschaftlicher Verantwortung teilen. Inzwischen sind auch andere emanzipatorische Sportvereine Teil des Netzwerks. In verschiedenen Workshops verständigten sich die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen in der Kinder- und Jugendarbeit und im Bereich Nachwuchsgewinnung. Ein Workshop bearbeitete die Frage, wie die Vereine außerhalb der jährlichen Treffen eng zusammenarbeiten und ihr Wissen teilen können.

Alle Vereine des Netzwerks positionieren sich klar gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. „Wir wollen es jedem ermöglichen, im Verein mitzumachen, unabhängig von der finanziellen Lage und unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung“, sagt Martin vom Internationalen Fußball-Club Rostock (IFC), der das Treffen mitorganisiert hat. „Die Mitglieder sollen an allen Entscheidungen teilhaben und ihre Vereine solidarisch mitgestalten.“ Der Anspruch, für alle zugänglich zu sein, bedeutet jedoch nicht, dass sich gesellschaftliche Vielfalt wirklich im Sportalltag abbildet. In manchen Vereinen gibt es zum Beispiel kaum Mitglieder, die von Rassismus betroffen sind. Auch trans, inter und nichtbinäre Sportler*innen sind oft unterrepräsentiert. Deshalb spielte die Auseinandersetzung mit internen Machtstrukturen beim Sternetreffen eine wichtige Rolle. „Wir wollen unsere Vereine Schritt für Schritt an die nächste Generation übergeben, nur so können sie langfristig bestehen. Wir müssen uns fragen, wie wir junge Menschen in verantwortungsvolle Positionen bringen und informelle Wissenshierarchien aufbrechen können. Das setzt voraus, dass wir Diskriminierungen abbauen und unsere Strukturen öffnen“, sagt Martin. Die Vereine wollen sichere Räume sein, in denen die Mitglieder abschalten und ohne Angst vor Ausgrenzung Kraft tanken und Unterstützung bekommen.

Sternetreffen der Sportvereine in Rostock, Foto: IFC Rostock

Vereinskulturen gegen Rechtsextremismus

Sichere Schutzräume zu schaffen ist auch aus anderen Gründen nicht einfach: „Aufgrund unserer klaren Haltung gegen jede Form des Rechtsextremismus werden viele Vereine angefeindet und angegriffen“, berichtet Martin. Die meisten sind seit ihrer Gründung mit rechter Gewalt konfrontiert. Im Oktober 2009 etwa überfielen 50 organisierte Neonazis Spieler und Fans des Roten Stern Leipzig bei einem Auswärtsspiel in Brandis. Mehrere Menschen wurden dabei teils schwer verletzt. Vor etwa zehn Jahren steckten Rechtsextreme zerbrochene Hakenkreuzteller in den Rasen des IFC Rostock und bedrohten Mitglieder. „Aktuell erleben wir glücklicherweise keine körperliche Gewalt, bestimmt auch deshalb, weil wir mittlerweile stark gewachsen sind. Jeder Verein macht aufgrund der Positionierungen aber Erfahrungen mit verbalen Angriffen“, beschreibt Martin. „Rechtsextreme können wir zum Beispiel anhand ihrer Tätowierungen erkennen. Sie zeigen immer wieder Präsenz, auch, um einzuschüchtern.“ Sicherheit bleibt eine dauerhafte Herausforderung, auf die die Vereine mit gegenseitiger Unterstützung reagieren. Einige haben detaillierte Sicherheitskonzepte für Spiele oder Turniere mit anderen Teams entwickelt. „Jeder Angriff ist einer zuviel“, sagt Martin. „Mit unserem solidarischen Netzwerk wollen wir erreichen, dass alle Vereine stabil bleiben, indem wir unsere Erfahrungen teilen.“ In Zukunft soll das über eine gemeinsame Datenbank einfacher funktionieren.

Veränderung erreichen durch Kommunikation und Strukturarbeit

Um Diskriminierungen und antidemokratischen Bestrebungen noch umfassender entgegenzuwirken, widmen sich die Vereine auch der Arbeit auf Verbandsebene, etwa in Verbänden oder Landessportbünden. „Beim Treffen haben wir viel darüber gesprochen, dass sich wenig verändert, wenn wir mit einer roten Fahne durch die Straße laufen, sondern dann, wenn wir in die Strukturen reingehen“, betont Martin. Genauso wichtig ist die Basis- und Beziehungsarbeit, etwa mit demokratieskeptischen Menschen, auf die die Sportler*innen bei Heim- oder Auswärtsspielen und bei Wettkämpfen treffen. „Man kann viel erreichen, wenn man respektvoll auf Augenhöhe ins Gespräch geht“, ist sich Martin sicher. „Uns geht es nicht darum, belehrend den Zeigefinger zu heben, sondern gemeinsame Themen zu finden, zum Beispiel bei Arbeitseinsätzen auf Sportplätzen im ländlichen Raum. Antisemitische, sexistische oder rassistische Aussagen dulden wir selbstverständlich nicht und lassen solche Vorfälle in die Spielberichte aufnehmen. Wir müssen aber auch erklären, warum wir unsere Haltungen vertreten.“ Kommunikation sei der Schlüssel für Veränderung, da sind sich die Vereine einig.

Mit Sorge blicken sie auf die Entwicklungen in Sachsen-Anhalt. Dort könnte die AfD ab Dezember den Ministerpräsidenten stellen. Angriffe auf unliebsame Vereinsstrukturen, etwa durch Fördermittelentzug oder die Infragestellung der Gemeinnützigkeit, könnten die Folge sein. Auch um die progressiven Sportvereine in Sachsen-Anhalt zu unterstützen, wird das nächste Sternetreffen 2027 in Halle stattfinden. „Was die Normalisierung von Rechtsextremismus betrifft, ist es schon fünf nach zwölf. Wir als Vereine haben die Aufgabe, den gesellschaftlichen Uhrzeiger langsam wieder nach links zu kippen, Sekunde für Sekunde, auch wenn das vielleicht zehn oder 15 Jahre dauert“, betont Martin. Dafür müsse man gerade im Sport mit Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und mit Konservativen in die Diskussion gehen, ohne dabei rote Linien aufzugeben.

Die Vernetzung der Sportvereine soll sich über eine gemeinsame Wissensdatenbank künftig intensivieren und weiter wachsen. „Wir wollen nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeitenden und Vorstände der Vereine vernetzen. Auch die breite Basis der Mitglieder soll die Möglichkeit bekommen, sich vereinsübergreifend kennenzulernen. Mir schwebt ein großer Kongress vor, mit Workshops, gemeinsamen sportlichen Aktivitäten und viel Zeit für Austausch“, sagt Martin.

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