Deutschland, Heimat der Weltoffenheit

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Deutschland, Heimat der Weltoffenheit

 

Der folgende Beitrag von Ferda Ataman erschien als Leitartikel unserer Stiftungszeitung "Ermutigen", die u.a. der taz beigelegt war. Aus unserer Sicht ist es nicht nachvollziehbar, dass sich Innenminister Horst Seehofer durch den Artikel in die Nähe des Nationalsozialismus gestellt sieht. Ferda Ataman hat in ihrem Beitrag, den wir inhaltlich gänzlich teilen, die Debatte um den Begriff Heimat der letzten Monate kommentiert. Sie warnt davor, den Begriff ausschließend zu verwenden, um eine Klientel zu bedienen, die die Einwanderungsgesellschaft als Bedrohung versteht. Horst Seehofers Kritik und seine damit begründete Absage an den Integrationsgipfel ist für uns umso irritierender, als er sich kürzlich mit einem lesenswerten Beitrag in der FAZ für einen neuen gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine Heimatpolitik als "Politik der Vielfalt" ausgesprochen hat. Diese Debatte zukunftsorientiert und konstruktiv zu führen, ist notwendiger denn je.

Was ist Heimat für dich? Hätte man mich das als Teenagerin in Nürnberg gefragt, hätte ich unreflektiert und kultur-stereotypisch geantwortet: die Türkei. Ein Land von fast 800.000 Quadratkilometer Fläche, von denen ich vielleicht zwei kannte, vielleicht auch nicht. Heute würde ich das nicht mehr sagen, sondern vielleicht eher »Franken«.

Die eigentliche Frage aber ist doch: Warum diskutieren wir diese Frage überhaupt? Der Zeitpunkt zeigt: Die Debatte ist keine Reaktion auf die großen gesellschaftlichen Umbrüche. Nicht die Globalisierung, die Komplexität der digitalen Welt, die Auflösung des bisherigen Arbeitsmarkts haben das Thema auf die Agenda gebracht. Wir reden erst über Heimatsehnsucht, seit viele Geflüchtete gekommen sind. Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende »Fremdenangst«. Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren. Und also auch bestimmte Vorrechte haben. Hier wird Heimat zum weniger verpönten Begriff für »Volk« und »Nation«. Heimat ist nicht länger hybrid und erwerbbar, sondern ein Code für »Deutschland den Deutschen«. Eine ratlose und falsche Antwort auf den Rassismus im Diskurs.

Natürlich meinen viele es gar nicht böse, wenn sie jetzt von Heimat sprechen. Im Gegenteil, sie wollen den Begriff nicht den Rechten überlassen. Denn – anders als »Volk« – steht »Heimat« für ein schönes, wohliges Gefühl. Aber das funktioniert nicht, wenn die Suche nach »Heimat« und »Identität« in einem flüchtlingsfeindlichen oder anti-muslimischen Frame diskutiert wird. Und genau das passiert gerade. Sie kennen bestimmt den Satz: »Immer mehr Deutsche fühlen sich fremd im eigenen Land«. Der Neonazi-Spruch ist längst nicht mehr verpönt, sondern taugt zur Befindlichkeitserfassung durch seriöse Umfrageinstitute. Kaum jemand spricht darüber, dass damit Rassismus und Antisemitismus zur berechtigten »Heimatsehnsucht« erklärt werden.

Irgendwie ist der Eindruck entstanden, wir hätten bis 2015 eine mehr oder weniger ethnisch homogene deutsche Aufnahmegesellschaft gehabt, die nun mit den muslimischen Neuzuwanderern kämpfen muss. Antisemitismus? Ein importiertes Problem. Deswegen haben wir erst 2018 – und nicht schon vor 60 Jahren! – einen Beauftragten auf Bundesebene eingerichtet. Sexuelle Übergriffe auf Frauen? Importiert. Nach den Vorfällen am Kölner Bahnhof Silvester 2015/2016 forderten Politiker aller Parteien konsequente Abschiebungen und ein härteres Durchgreifen gegen kriminelle Ausländer. Kurz darauf wurde das Asyl- und Ausweisungsrecht verschärft. Konsequent eben.

2018 wurde das dritte Heimatministerium eingerichtet, es gab schon eins in Bayern und Nordrhein-Westfalen und nun auch im Bund. Nur was kann so ein Ministerium tun? Bei Minister Horst Seehofer soll es nach dem bayerischen Vorbild inhaltlich um abgehängte ländliche Regionen gehen: Finanzhilfen für strukturschwache Räume, Behörden-verlagerungen, mehr Universitäten auf dem flachen Land. Aber machen wir uns nichts vor. Das Heimatministerium ist vor allem Symbolpolitik für potenzielle rechte Wähler. Der Name suggeriert, dass von nun an eine Bundesbehörde über Leitkultur und Zugehörigkeit befinden kann. Seehofers erste Amtshandlung bestand darin zu sagen: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.«

Ist den Leuten eigentlich klar, wie sich eine Heimatdebatte in der aktuellen Gemengelage für jemanden wie mich anfühlt? Meine Eltern und Großeltern sind vor einem halben Jahrhundert eingewandert. Und nun wird mir signalisiert, dass Einwanderung die Deutschen nachhaltig verstört und sie deshalb unter Heimatsehnsucht leiden. Weil ich und zu viele von Meinesgleichen da sind.

Ich mag den Begriff Heimat. Ich halte ihn für einen wunderbaren Dreh- und Angelpunkt, um zu diskutieren, wo wir in der Gesellschaft stehen. Aber wenn man den Begriff nicht den Rechten überlassen will, sollte man ihn auch nicht in ihrem Kontext verwenden. Was Seehofer also nicht verstanden hat: Wenn er den Begriff »Heimat« besetzen will, braucht er eine Symbolpolitik für Vielfalt, nicht dagegen. Eine Staatssekretärin mit Migrationshintergrund im Innen-ministerium – das hätte beispielsweise eine solche Symbolkraft.

Statt weiter die rassistische Abwärtsspirale zu beschleunigen, könnte die Politik ein positives Selbstbild für Deutschland anbieten. Eines, in dem alle Menschen eine Heimat finden können, Ossis und Wessis, Junge und Alte, Immerschonhiergewesene und Zugewanderte. Da hierzu bislang noch nichts vorliegt, mache ich mal ein paar Vorschläge:

  • Deutschland ist die Heimat der Erinnerungskultur! Wir werden nicht aufhören, uns gegen Antisemitismus und andere Formen der Menschenverachtung stark zu machen!
  • Deutschland ist die Heimat der Weltoffenheit! Wir sind seit Jahrhunderten ein Ein- und Auswanderungsland. Wir haben viel Erfahrung – auch negative – mit dem Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und Religion gemacht und daraus viel gelernt.
  • Deutschland ist die Heimat der Religionsfreiheit! Wir haben Regeln, die es Menschen erlauben, sich mit ihrer Religion und Weltanschauung frei zu entfalten. Jede*r nach seine*r Façon.


Darauf kann man stolz sein. Ganz ohne Blut und Boden-Trigger. Die nächsten Jahre werden entscheiden: Wessen Heimat soll Deutschland sein? Ich würde gern sagen: meine.

Ferda Ataman ist Journalistin, Mitgründerin der »Neuen deutschen Medienmacher«, Sprecherin der »Neuen Deutschen Organisationen« und Mitgründerin des Mediendiensts Integration, der auch von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert wird.

 

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