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Kommentar

Anetta Kahane: Die empathielose Grausamkeit des aktuellen Antisemitismus

Die ersten Tage nach dem Überfall der Hamas auf Israel fühlte ich mich, als wäre ich eine einzige Wunde. Dieses Gefühl begleitete jede banale Bewegung meines Alltags.

Manchmal waren die Schmerzen kaum auszuhalten. Besonders, wenn meine Enkeltochter mit mir auf der Fensterbank spielte. Ihre Ohren sind so weich, die Kurven ihres Nackens so süß, ich möchte dauernd ihre runden Wangen küssen oder ihr die weichen Löckchen auf dem Gesicht pusten. Wenn sie weint, erschrecke ich mich, wenn sie lacht ist das ganze Leben gut. Die ersten drei Tage nach den Morden in Israel konnte ich sie kaum ansehen ohne zu weinen. Nicht laut, aber nach innen. Meine kleine Süße, ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas passiert. Und nicht irgendetwas, sondern das.

In diesen Tagen riefen mich auch Freunde an und fragten, wie es mir ginge. Sie wollten ihre Anteilnahme mit den Familien der Entführten und Getöteten in Israel mit mir teilen. In den Medien und sozialen Netzwerken aber wich der Schreck über den Angriff rasch lauten Warnungen. Israel dürfe jetzt aber nicht überreagieren. Als Israel noch im Schock war, begannen die ersten Medien und andere Mainstream-Kanäle mit dem „Ja, aber“ und anderen Posen eines kaum gezügelten Ressentiments gegenüber Israel, seinen Bewohnern und den Juden überhaupt. Als Israel sich zu verteidigen begann und Stellungen der Hamas angriff, war der Weg für die Propagandamaschine frei. Es hätte eigentlich des Krankenhauses gar nicht bedurft, das angeblich von Israel bösartig zerstört worden war, um den Hass auf die Juden*Jüdinnen auf die Straße zu tragen.

Viele politische Analyst*innen machen sich Gedanken, weshalb der Angriff gerade jetzt stattfand und wer wieso davon gerade profitiert. Darunter waren auch einige sehr schräge Theorien, die dahinter die Juden*Jüdinnen selbst vermuteten. Doch egal, welches der Szenarien tatsächlich zutreffen mag – letzteres ist natürlich eine antisemitische Lüge – ist eines aber klargeworden: Der Überfall, das Morden, die Vergewaltigungen, die Entführungen, die unsagbaren Grausamkeiten geschahen nicht im Geheimen. Sondern in aller Öffentlichkeit. Und egal, wie die Israelis reagieren würden, und sie mussten ja reagieren, die Welt sollte sich umgehend gegen sie wenden. Die Propagandamaschine hatte es genau darauf angelegt. Seit Jahrzehnten wird Israel dämonisiert. Und zwar unabhängig davon, wie es sich verhält. Jeder israelische Ministerpräsident musste das erfahren. Ob vor, mittendrin oder nach Friedensverhandlungen. Ob von einer rechten oder linken Regierung. Die Antwort war immer Verweigerung und Terror. Immer ist Israel allein verantwortlich. Und immer waren sie die Opfer.

Das geschah so lange und gründlich, bis sich die Hamas sicher sein konnte, dass jede erdenkliche Grausamkeit und Unmenschlichkeit ihrerseits nicht etwa zur Abwehr gegen den islamistischen Terror der Hamas führt, sondern dass auch offenkundige Grausamkeit den Israelis nichts nützt, dass ihnen kein Mitgefühl oder Solidarität entgegengebracht würde. Im Gegenteil: je grausamer die Unmenschlichkeit, desto größer der Hass gegen Juden*Jüdinnen, der dann folgt. Seit Jahrtausenden geht das so.

Wie kann es sein, dass westliche junge Leute, die nach Emanzipation streben und sehr sensibel auf jegliche diskriminierende Geste reagieren, jetzt diesen Hamas-Schlächtern hinterherlaufen, wie dem Rattenfänger von Hameln? Ich frage mich, welcher Selbsthass sie dazu führen kann? Wie stark muss das Gefühl sein, mit westlicher Freiheit und Wohlstand auf der falschen Seite zu stehen? Warum wollen sie, statt für alle Freiheit, Menschlichkeit und Wohlstand zu erstreiten, genau das Gegenteil? Mit all ihrer Bildung an den westlichen Unis könnten sie doch wissen, dass alles, was sie verkörpern, von der Hamas zutiefst verachtet wird. Wie kommen sie darauf, dass ausgerechnet die islamistische Hamas Gerechtigkeit brächte? Für wen? Genau diese jungen Leute wären gleich nach den Juden*Jüdinnen dran: Queere, Frauen, Transgender – egal welcher Hautfarbe. Wollen sie wie die jungen Frauen im Iran, erschlagen werden, oder wollen sie aufgehängt werden, wie die Homosexuellen? Wollen sie von den Unis verbannt werden, weil sie Frauen sind? Wollen sie strenge Vorschriften befolgen, wann sie sprechen dürfen, wann beten, was sie anziehen dürfen und von wem sie sich vergewaltigen lassen müssen? Ist ihnen das Ausmaß an Unrecht, Frauenhass und Unterdrückung bewusst, was sie da unterstützen? Oder ist es ihnen egal, weil es sie selbst ja nicht betrifft? Ist ihr Hass auf Juden*Jüdinnen größer als die Furcht so leben zu müssen wie die Frauen in Gaza?

Ich verstehe es wirklich nicht. Was hat die Menschenrechtsbildung gebracht, wenn sie hier so gründlich scheitert? Wie kann es sein, dass aufgeklärte Personen sich wünschen, Israel möge von der Hamas und den anderen Islamist*innen überrollt und zerstört werden? Was, glauben sie, würde mit seinen Bewohner*innen geschehen? Der Trotz, das nicht zu Ende denken zu wollen, gehört zur emotionalen Verwahrlosung dieser Leute dazu, die sich progressiv nennen, aber regressiv denken und handeln.

Die Stimmung ist vergiftet. Antisemitische Aggressionen bestimmen die Diskussionen, mal mehr, mal weniger direkt. Oft sind sie in sorgsamem Zynismus verborgen. Auf den Straßen tobt sich der Antisemitismus aus. Und viele Juden*Jüdinnen wie ich fühlen sich verloren, trotz der politischen Bekundungen, wo immer sie ertönen. Die Schmerzen lassen einfach nicht nach. Die runden Wangen meines Enkelkindes haben diese Grübchen, wenn sie lacht. Nicht auszudenken, die Panik dieses kleinen Mädchens, wenn es gequält würde. Viele jüdische Eltern und Großeltern müssen sich genau das gerade ausdenken. Sie müssen es ertragen. Also müssen wir alle es uns vorstellen. Und ihnen beistehen.

 

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