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Mit Musik Vorurteile abbauen

Eines von zahlreichen CIVITAS-Projekten: Gemeinsam mit der Kreuzberger Musikalischen Aktion e.V. organisierte die Pfarrgemeinde Joachminsthal Musikwettbewerbe und Bandauftritte für Jugendliche in Brandenburg.

Im Projekt „BAFF – Bands auf festen Füßen“ der evangelischen Gemeinde Joachimsthal machen Jugendliche Rockmusik und Breakdance – und lernen dabei Respekt und Achtung vor anderen Menschen.

Wer die von Schinkel erbaute Kreuzkirche in Joachimsthal am Nachmittag betritt, kann aus dem Seitenflügel ungewöhnlich weltliche Töne vernehmen: E-Gitarre und Schlagzeug, Popchöre und Rap. Für einige Jugendliche ist die Kirche nämlich nicht nur ein Sakral-, sondern auch ein Bandübungsraum: es gibt mehrere Gruppen, die Mitglieder sind im Schnitt zwischen 12 und 18 Jahre alt, ein paar mehr Jungen als Mädchen.

Möglich machen dies Pfarrerin Beatrice Spreng und ihre beiden Mitarbeiterinnen, die im Haus gleich gegenüber des Kirchengebäudes ihren Arbeitsplatz haben. Häufig kommen nach der Schule Jungen und Mädchen vorbei, die ein bisschen reden möchten, wenn es zu Hause Stress gibt, oder einfach so, weil sie die Zeit nicht auf der Straße verbringen wollen.

Beatrice Spreng kam 1994 „aus dem Hessischen“ in die 4000-Einwohner- Stadt in Brandenburg. Der Jugendclub war gerade geschlossen worden und Rechtsradikale aus den Nachbarorten gingen unter den Jugendlichen auf Mitstreiterfang. „Hier gibt es gar keine Menschen aus anderen Herkunftsländern“, erzählt Beatrice Spreng, „deshalb entstehen leichter Vorurteile.“ Um die abzubauen, lud sie Bands migrantischer Jugendlicher über die Kreuzberger Musikalische Aktion (KMA) aus Berlin ein.

Nach dem ersten Auftritt 1994 umringten plötzlich 30 Jugendliche den Bandbus der türkischen Kids und bedrohten die Insassen. „Die ganze Gemeinde war schockiert über unsere Kinder, zum Teil unsere Konfirmanden.“ Deshalb stand die Kirchengemeinde auch hinter ihr, als sie beschloss: Wir müssen etwas tun.

Im Ort war Zustimmung nicht so leicht zu finden. Beatrice Spreng galt als Nestbeschmutzerin, weil sie rechtsextreme Tendenzen benannte. „Immer wenn jemand zu mir gesagt hat: ‚Das sind doch unsere Kinder, die sind doch keine Rechten‘, habe ich geantwortet: Natürlich sind das keine Rechten. Aber es sind Jugendliche auf der Suche nach Anerkennung, und mit einem so geringen Selbstwertgefühl, dass sie sich der rechten Agitation nicht entgegenstellen.“

Da hilft, dachte sich Beatrice Spreng, Musik machen. Das interessiert die Jugendlichen. Und man muss sich zuhören und gegenseitig respektieren, um einen Song zustande zu bekommen. Damit auch schnelle Erfolgserlebnisse möglich sind, sollten die Bands von Profimusikern betreut werden: „Sonst ist das doch wieder nur was für die Kreativen und Begabten. Aber jeder kann Spaß an Musik haben“, sagt sie. So wurde BAFF geboren, „Bands auf festen Füßen“. Gemäß der Idee, wie Spreng es so schön nennt, „aus einer Bande eine Band zu machen.“

Heute sind die Aktivitäten von BAFF im Ort anerkannt. „Wir haben gewonnen“, sagt Beatrice Spreng. Es gibt noch Rechtsextreme, aber sie sind nicht mehr dominant. Mit der evangelischen Gemeinde und BAFF gibt es ein Gegenangebot für nicht-rechte Kids, das gut angenommen wird. Die Eltern sind dankbar.

In den letzten zehn Jahren musste die Mutter einer kleinen Tochter einiges Durchhaltevermögen an den Tag legen. Sie wurde bedroht, im Pfarrhaus die Scheiben eingeworfen, das Auto demoliert, in der Kirche die Bibeln zerrissen, die Orgelpfeifen beschädigt. 13 Übergriffe waren es insgesamt.

Die Erwachsenen in Joachimsthal zeigten sich nur selten solidarisch. Im Ort die Anfeindungen, die neue Pfarrerin würde die Rechtsextremen doch nur herbeireden. Die Gemeinde monierte, die Kinder wären zu laut, Rockmusik zu unchristlich, die Pfarrerin zu modern. Wenn alle Welt gegen einen ist – wie hält man das aus?

„Das haben uns die Kids auch oft gefragt: warum macht ihr das?“, sagt Bea Spreng und lächelt. Genau darum macht sie es. Weil es funktioniert, weil sie bei den Kindern so viel erreichen. Weil sie es großartig findet, wenn sie und ihre Mitarbeiterinnen den Jugendlichen quasi nebenbei zur Freizeitbeschäftigung christliche Werte vermitteln können, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Achtung vor allen Menschen und der Schöpfung. „Kinder suchen Werte, und wir können sie ihnen vorleben“, sagt sie.

Die guten Erfahrungen, die BAFF mit der musikalischen Jugendarbeit gemacht hat, geben die Joachimsthaler nun an andere Gemeinden weiter, organisieren Workshops in umliegenden Gemeinden und Jugendclubs. Oft entstehen daraus neue Band-Projekte. „Wissen Sie, in jedem Dorf steht eine Kirche, und in diese Kirche gehen jeden Sonntag im Schnitt 15 Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind“, sagt Beatrice Spreng. „Dieses Potenzial müssen wir einfach nutzen.“

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