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Gefördertes Projekt

Blinde Flecken: Deutschlands rassistische Kolonialgeschichte

Copyright Henrik Langsdorf

Wenn wir in Deutschland an Rassismus denken, kommen uns Nazis und Rechtsextreme in den Sinn. Dieses Bild ist jedoch unvollständig, denn für viele Betroffene hat der Alltagsrassismus seine Ursprünge schon in der Kolonialzeit. Das Projekt ‚Blind Spots in the Sun‘ stellt dieses oft verdrängte Kapitel der deutschen Geschichte in den Fokus einer öffentlichen Diskussion über Alltagsrassismus. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert das Projekt.

Von Hanna Kämmerer

Auch heute sind wir die Stereotype der Kolonialzeit nicht los. Der Alltagsrassismus, der sich vielfach aus den Stereotypisierungen der Kolonialzeit speist, ist bittere Realität für viele Menschen in Deutschland. Der Tod von George Floyd und die Black Lives Matter-Bewegung hat das Thema Rassismus im vergangenen Jahr noch einmal besonders in unser Bewusstsein gerufen. Allerdings haben viele Menschen in Deutschland in Bezug auf die eigene Geschichte, die Kolonialverbrechen und das Thema Alltagsrassismus im eigenen Land einen toten Winkel. Ein Beispiel:

Deutschland, 1897. In einer Reichstagsdebatte fordert der damalige Staatssekretär des Äußeren „auch unseren Platz an der Sonne“. Gegenstand der Debatte ist die Machtergreifung in zahlreichen afrikanischen und asiatischen Gebieten. Im gleichen Jahr reist der kamerunische Duala-Königssohn, Rudolf Manga Bell, aus Deutschland zurück in seine Heimat, um zu heiraten. Während seines Aufenthalts in der Nähe von Ulm hat Manga Bell die Schule besucht, wurde Liebhaber der deutschen Kultur und des Rechtssystems. Zurück in Kamerun wird er von der deutschen Kolonialregierung als Verbindungsmann eingesetzt und bezahlt.

Krieg und Genozid

Nach seiner Rückkehr pflegte Manga Bell gute Beziehungen zur deutschen Kolonialregierung. Rasch verschlechterte sich jedoch die Lage in den Kolonien. Gesellschaftliche Strukturen wurden zerstört, die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen wurde durch unzählige Enteignungen vorangetrieben, Hunger wurde zu einem großen Problem. Während Manga Bell noch versuchte, Gerechtigkeit mit diplomatischen Mitteln herzustellen und an den Reichstag schrieb, brachen in Deutsch-Südwestafrika (Namibia) und Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi, Ruanda, Teile Mosambiks) Kolonialkriege aus. Es kommt zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, in dem zehntausende Herero und Nama durch Verdursten in der Wüste und Misshandlungen in Zwangslagern sterben. Auch in Kamerun kommt man den Forderungen Manga Bells nicht nach. Als dieser einen Aufstand gegen die Vertreibung seines Volkes organisiert, wird er von den Deutschen wegen Hochverrats hingerichtet.

Diese Geschichte hat Henrik Langsdorf, Künstler und Initiator des Projekts ‚Blind Spots in the Sun‘ besonders bewegt. Für Ihn ist eine Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte eine Voraussetzung, um Mikroaggressionen und Alltagsrassismus besser zu verstehen. Mit dem künstlerischen Projekt möchte er ein breites Publikum auf kreative Art und Weise zum Nachdenken anregen, über die Ursprünge von Alltagsrassismus aufklären und Menschen dazu bewegen, ihre eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Die Geschichte von Manga Bell, der nach seiner Rückkehr nach Kamerun von der lokalen Bevölkerung „der Deutsche“ genannt wurde, ein großer Verehrer von Goethe und Beethoven gewesen sein soll und lange an das deutsche Rechtssystem geglaubt hatte, sieht Langsdorf als einen Ausgangspunkt für Fragen zu kultureller Identität.

Rassismus und die „Rassenlehre“

Der Kolonialisierungsprozess wurde von einem bestimmten Menschen- und Weltbild untermalt, in dem die europäischen Menschen als grundsätzlich zivilisiert und ihnen gegenüber afrikanische Menschen als primitiv angesehen werden. So wird der Kolonialismus zeitweilig als Wohltat dargestellt, in dem die europäischen Mächte die afrikanische Bevölkerung erziehen und zivilisieren. Durch Völkerschauen, in denen afrikanische Menschen in Europa wie Zootiere ausgestellt wurden, wurde das Weltbild und die Einordnung von Menschen in Rassen weiter vorangetrieben. Diese Einteilung und „Rassenlehre“ wurde auch später von den Nationalsozialisten nur allzu gerne aufgegriffen.

Blinder Fleck Kolonialgeschichte

„Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der in der Schule fast nichts über die deutsche Kolonialgeschichte unterrichtet wurde. Und das scheint heute noch immer der Fall zu sein“, erklärt Henrik Langsdorf. Aufgrund der Pandemie zog der Künstler nach langer Zeit im Ausland im vergangenen Jahr aus dem Kongo zurück nach Deutschland. Durch seine Zeit im Ausland veränderte sich sein geopolitischer Blick. In Kassel wurde ihm nach kurzer Zeit der Alltagsrassismus und die mangelnde Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit deutlich bewusst und so entschloss er sich, zusammen mit afrodeutschen Künstler*innen das Projekt ‚Blind Spots in the Sun‘ auf die Beine zu stellen.

Das Projekt, das im Sommer 2021 in Kassel stattfinden wird, hat mehrere Komponenten. Momentan findet bis zum 15.05. ein Plakatwettbewerb statt, der Afrodeutsche, Menschen aus den ehemaligen Kolonien und der afrikanischen Diaspora dazu einlädt, sich künstlerisch mit dem Thema Alltagsrassismus und Kolonialvergangenheit auseinander zu setzen. Auf ungenutzten Plakatwerbeflächen im öffentlichen Raum soll Neugier erweckt werden, durch einen QR-Code gelangt man an Texte und Informationen zum Thema Kolonialgeschichte und Alltagsrassismus. Bei einer Ausstellung im August werden die Ergebnisse des Wettbewerbs vorgestellt, es wird zudem eine Videoinstallation geben, in der die Geschichte von Rudolf Manga Bell mit Poesie und kamerunischen Archivtexten erzählt wird. Zusätzlich wird es eine live-Performance mit Musiker*innen und eine Podiumsdiskussion unter anderem mit Mo Asumang, Prinzessin Marilyn Douala Bell und Aram Ziai zum Themenkomplex geben.

Mehr Infos zum Projekt gibt’s auf https://blindspotsinthesun.org/

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5 Fragen Sham Jaff -Twitter Cover
Interview

„5 Fragen an…“ Sham Jaff

Sham Jaff ist Journalistin und Moderatorin des Podcasts „190220 – Ein Jahr nach Hanau“. Zusammen mit der Reporterin Alena Jabarine blickt sie ein Jahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag auf die persönlichen Schicksale der Todesopfer, Überlebenden und Angehörigen, auf ein Jahr voller Aktivismus und auf die Rolle der Behörden.

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