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Breakdance gegen Verschwörungsglauben

Foto: erorock

Breakdance und politische Bildung? Diese Kombination klingt ungewöhnlich. Dass es trotzdem klappt, zeigt das Hip-Hop-Kollektiv Breathe In – Break Out: Mit viel Humor nutzen sie die Potenziale der Breakdance-Kultur, um junge Menschen über Verschwörungsglauben aufzuklären und zu zeigen, dass Demokratiearbeit nicht im Sitzen stattfinden muss.

Von Niklas Pfeiffer

Junge Menschen über Verschwörungserzählungen aufklären, sie immun machen gegen ihre Sogwirkung – eine Impfung gegen das Virus der alternativen Realitäten. Das Hip-Hop Kollektiv Breathe In – Break Out! wollte nach langem Lockdown endlich wieder ein Breakdance-Event ausrichten – doch so wie überall, war nichts mehr wie vor dem Ausbruch der Pandemie. Es geht ein Bruch durch die Gesellschaft: Die Pandemie hat die Menschen gespalten in die, die an die Existenz des Virus glauben und jene, die es nicht tun.

In der Hip-Hop Szene ist Mitorganisator Max Rademacher schon früher immer wieder Verschwörungserzählungen begegnet: „Im Untergrundrap bewegen sich viele intellektuell aufgeweckte Leute, die auch systemkritische Fragen stellen – nur fehlt ihnen häufig solide politische Bildung.“ In der Zone zwischen Kunst und Politik würden häufig für Rap typische Übertreibungen plötzlich in politische Diskussionen übernommen, der Trennstrich zwischen Lyrik und Realität verschwimme. In der Szene seien Verschwörungserzählungen daher schon länger ein Problem gewesen.

Mit der Pandemie wurde Verschwörungsglaube zu einer Angelegenheit, über die plötzlich die ganze Nation sprach. Als die Crew mitbekam, dass während der Pandemie auch bei Jugendlichen der Glaube an Verschwörungserzählungen massiv gestiegen ist, wollten sie etwas tun. So belegten sie Schulungen zum Thema, produzierten Videos und entwickelten ein Konzept, um junge Menschen gegen Verschwörungsglauben zu immunisieren und sie mit dem Wissen um die Merkmale von Verschwörungserzählungen und der Gefahr, die von ihnen ausgeht, auszustatten.

Als Höhepunkt wurde das Steintor Varieté in Halle für einen Tag zum Impfzentrum der etwas anderen Art umfunktioniert: Statt Trennwänden und Wartebereich wurden DJ-Pult und Boxen aufgebaut und über 100 Breakdancer:innen wirbelten im Laufe des Tages in 2-gegen-2 Battles über die schwarz-weiß karierte Tanzfläche. Im Laufe der Veranstaltung kamen die Teilnehmenden nicht nur in den Genuss einer Mehrfachimpfung gegen gängige Verschwörungserzählungen. Sie wurden auch mit einem gelben Heftchen, dem Impfpass gegen  Verschwörungsglauben ausgestattet, der die Impfung nicht nur belegt, sondern auch ihre Wirksamkeit bedeutend verlängert: Es handelt sich um ein Merkheft mit allem nötigen Wissen, um Verschwörungserzählungen zu erkennen, ihnen nicht auf den Leim zu gehen und den schwierigen Umgang mit infizierten Verschwörungsgläubigen zu meistern, ohne diese zu isolieren.

„Mir war zwar schon lange bewusst, dass es Verschwörungstheorien gibt. Jedoch dachte ich nicht, dass sie eine wirkliche Gefahr darstellen können, weil ich solche Sachen immer als Witz angesehen habe“, sagt der 18-Jährige Breakdancer Louis. Nun sei er sich der Gefahren bewusst. Die Impfung zeigt also hohe Wirksamkeit, und das auch im Internet: Die Begleitvideos zur Veranstaltung werden auch im Netz verbreitet und stießen in verschwörungideologischen Kreisen auf viel Unmut. „Da haben wir wohl in die richtige Kerbe getroffen“, sagt Max Rademacher unbeeindruckt. Absicht sei das aber nicht gewesen. Den Veranstalter:innen sei es immer darum gegangen, Jugendlichen das Rüstzeug in die Hand zu geben um sich selbst ein Bild von der Welt zu machen: selbstständig, frei und rational.

Das Hip-Hop Kollektiv Breathe In – Break Out! tritt seine „Mission Impfpossible“ übrigens auch online an – hier ein kleiner Eindruck:

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