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Demokratische Landnahme mit Zukunft: Die Alte Spitzenfabrik in Grimma

Alte Spitzenfabrik in Grimma, Foto Beatrice Bauer

In der sächsischen Kleinstadt Grimma gehören rechtsextreme Einstellungen für viele zum Alltag. In der Alten Spitzenfabrik entsteht ein unabhängiger Ort für Begegnung, Vielfalt und lebendige Demokratie.

Von Vera Ohlendorf

Das Wetter war launisch, die Stimmung ausgelassen: Ende Juli brachte das Crossover-Festival auf dem Gelände der Alten Spitzenfabrik, einem ehemaligen Industriegebäude, schon zum 19. Mal namhafte Bands aus Punk, Rock, Hip-Hop und Techno auf die Bühne. An zwei Tagen und Nächten mit 27 musikalischen Auftritten, Workshops, Kinderdisko und Infoständen kamen etwa 1.000 Menschen zum Feiern zusammen, einige nutzten trotz Regen die Zeltmöglichkeit im Garten nebenan. Seit den 2000er-Jahren zieht das Festival bei freiem Eintritt demokratisch engagierte junge Menschen aus dem gesamten Muldental zwischen Wurzen und Colditz, aus Leipzig und aus anderen Regionen nach Grimma. Das Festival wird vom örtlichen Förderverein für Jugendkultur und Zwischenmenschlichkeit (FJZ) e.V. ehrenamtlich organisiert und über Fördermittel, Stiftungen und Spenden finanziert. Auch die Amadeu Antonio Stiftung hat das Crossover mit Mitteln für Sicherheitsmaßnahmen gefördert. „Das Crossover-Festival steht für gelebte Partizipation, kreative Freiheit und solidarisches Miteinander – und ist damit nicht nur ein Musikfestival, sondern ein soziales und kulturelles Projekt, das weit über die Region hinausstrahlt“, betonen die Veranstaltenden. Bei der Organisation sind vor allem junge Menschen eingeladen, sich unabhängig von einer Vereinszugehörigkeit zu beteiligen: „Wer sich engagieren möchte, kann sich bei den verschiedenen Plena einbringen, beim Aufbau unterstützen oder während des Festivals bspw. eine Bar- oder Einlass-Schicht übernehmen.“

Anpacken für emanzipatorische Jugendarbeit

Dass sich junge Menschen in Grimma für Vielfalt, demokratische Teilhabe und ein solidarisches Miteinander einsetzen, ist nicht selbstverständlich. Bei den Bundestagswahlen 2025 erreichte die rechtsextreme AfD in Grimma 39,9 Prozent der Zweitstimmen. Im Stadtrat ist die Brandmauer längst gefallen. 2024 wurde die rechtsterroristische Gruppe „Sächsische Separatisten“ enttarnt. Kurt Hättasch, Fraktionschef der AfD im Grimmaer Stadtrat, gehörte dazu, sitzt aktuell in Untersuchungshaft und führt sein Amt von dort aus weiter. Außer der Alten Spitzenfabrik gibt es kaum Freizeitangebote für Jugendliche, die keine rechtsextremen Ideologien vertreten. Wer dazu Alternativen sucht, muss sie selbst organisieren.

„Es ist schön zu sehen, dass sich immer wieder junge Leute finden, die Bock darauf haben, dieses Festival am Leben zu erhalten“, sagt Tobias Burdukat, der das Crossover in den 2000er-Jahren mit einigen Freund*innen ins Leben rief. Heute ist er Geschäftsführer der Yope gGmbH, die das Fabrikgelände gepachtet hat. Der FJZ e.V. gehört neben anderen Vereinen in der Region zum Kreis der Gesellschafter*innen. Sie und Tobias sind sich einig: Wo öffentliche Mittel für emanzipatorische Jugendarbeit und demokratische Begegnungsräume wegbrechen, braucht es unabhängige Orte, die neue Finanzierungsperspektiven entwickeln. Seit Monaten wird in der Alten Spitzenfabrik gebaut, denn nicht nur das Crossover-Festival soll weiter stattfinden. Auf dem Gelände direkt an der Mulde entsteht ein soziokulturelles Zentrum, in dem zukünftig Jugendarbeit, Sozialarbeit und politische Bildung möglich sein sollen – auch ohne öffentliche Förderung.

Um diese Vision wahr werden zu lassen, hat die Amadeu Antonio Stiftung mit Mitteln von Campact 100.000 Euro für die dringend notwendige Sanierung und den Ausbau des Veranstaltungssaals bereitgestellt. Weitere Mittel hat die Yope gGmbH durch Crowdfunding eingeworben. Aktuell dürfen in den baufälligen Räumen keine Treffen oder Events stattfinden, nur das Außengelände kann in den wärmeren Monaten genutzt werden. Das soll sich nun ändern. „Die Förderung hat uns einen finanziellen Grundstock gegeben, um endlich losbauen zu können“, sagt Tobias. Eine Fabrik lässt sich kaum aus einzelnen Kleinspenden sanieren: Tiefbau, Elektrik, Fenster, Brandschutz und andere Arbeiten greifen ineinander. Ohne ausreichend Kapital können Aufträge nicht erteilt werden – und ohne Aufträge kommen keine Handwerker*innen.

Vom Fabrikgelände zum „Dorf der Jugend“

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Ab 1907 wurde auf dem Gelände textile Spitze produziert, mit der Wende wurde die Fabrik 1991 stillgelegt. 2013 begannen Jugendliche, sich das Areal anzueignen. Unterstützt von Sozialarbeiter*innen entstand das „Dorf der Jugend“ – ein selbstverwalteter Ort, an dem junge Menschen Veranstaltungen organisierten und eigene Ideen umsetzten, die sich von anderen Freizeitangeboten in der Stadt abhoben. 2016 kam ein selbstverwaltetes Container-Café hinzu, das seither von April bis Oktober an jedem Wochenende geöffnet ist. 2018 starteten erste Sanierungsmaßnahmen, die während der Corona-Zeit abgebrochen werden mussten. 2021 lief die Baugenehmigung aus, die Stadt untersagte die Nutzung der Gebäudeteile wegen Baufälligkeit. Erst 2024 lag nach drei Jahren Planung erneut eine Baugenehmigung vor, nun ist die Baustelle wieder aktiv. Der neue Veranstaltungssaal soll Anfang 2027 fertig sein.

Doch wo gebaut wird, sind unerwartete Herausforderungen nicht weit: Für die Entrauchungsanlage des Veranstaltungssaals wird eine vom normalen Stromnetz unabhängige Notstromversorgung benötigt. Dafür ist ein zusätzlicher Stromanschluss nötig. Die YOPE gGmbH muss deshalb zusätzliche Mittel einwerben. An der Perspektive ändert das aber nichts. Mit dem Veranstaltungssaal wird die Alte Spitzenfabrik ganzjährig nutzbar. Veranstaltungen und Vermietungen erwirtschaften dann Einnahmen, die langfristig in die offene Jugendarbeit, Kultur und politische Bildung fließen. „Die Idee ist, einen Ort zu schaffen, der finanziell in der Lage ist, diese Arbeit trotz fehlenden politischen Rückhalts vor Ort im ländlichen Raum weiter durchzuführen“, sagt Tobias.

Eine Fabrik für demokratische Infrastruktur

Um einen neuen subkulturellen Treffpunkt für eine kleine Gruppe von Jugendlichen geht es den Beteiligten aber nicht: „Alleine über das Gebäude erreichst du Menschen, die du sonst nicht erreichen würdest“, sagt Tobias. Es sollen Schutzräume für Demokrat*innen, marginalisierte Gruppen und alle entstehen, die durch Rechtsextreme bedroht und in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Gleichzeitig will die Alte Spitzenfabrik auch Begegnungsräume für die breite Stadtgesellschaft öffnen, denn die emanzipatorisch-demokratische Arbeit soll nicht nur für diejenigen stattfinden, die ohnehin schon erreicht werden: „Nur durch diese offene Interaktion kann man auch in Gesellschaft hineinwirken.“ Schon heute kann das Gelände um das Gebäude herum auch für Geburtstagsfeiern, Schulanfänge, Jugendweihen und andere private Feste genutzt werden.

Beim Veranstaltungssaal enden die ambitionierten Pläne nicht. Auf dem Gelände sollen auch eine Skate- und Boulderhalle und ein Tagungshaus mit Hostel entstehen. In fünf Jahren, so Tobias, will die Spitzenfabrik mit den Einnahmen so aus eigener Kraft wieder eine Person für Jugend- und Gemeinwesenarbeit beschäftigen – die letzten Stellen fielen den öffentlichen Kürzungen zum Opfer. Dann können Jugendliche über das Crossover-Festival hinaus eigene Ideen für mehr Solidarität und Zusammenhalt ohne Ausgrenzungen und menschenfeindliche Ideologien verwirklichen. Und Menschen können miteinander in Kontakt kommen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden.

Um die Vision umzusetzen, benötigt die Yope gGmbH weitere finanzielle Mittel. Hier geht’s zur Crowdfunding-Aktion: yope.social/kampagnen/spitzenfabrik/

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