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Interview

„Die Möglichkeit zu sprechen gibt uns unsere Freiheit zurück“

İbrahim Arslan (c) Sabrina Richmann

Vor 30 Jahren töteten Neonazis bei einem rassistischen Brandanschlag in Mölln drei Menschen. İbrahim Arslan überlebte den Anschlag, doch seine Oma, seine Schwester und seine Cousine starben. Im Gespräch erinnert er an die Tat und mahnt die Gesellschaft zur Pflicht, an die Opfer rechter-rassistischer Gewalt zu erinnern.

İbrahim Arslan war sieben Jahre alt, als er den rassistischen Brandanschlag in Mölln am 23. November 1992 überlebte. Er verlor bei dem Anschlag seine Schwester Yeliz Arslan, seine Großmutter Bahide Arslan und seine Cousine Ayşe Yılmaz. Als Aktivist und Botschafter für Demokratie und Toleranz engagiert er sich seit vielen Jahren in der Antirassismus-Arbeit, spricht bundesweit auf Veranstaltungen und in Schulen. Zudem veranstaltet er jährlich die Möllner Rede im Exil gemeinsam im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992. Mit uns spricht er über die Erinnerungskultur in Deutschland, wie Betroffene rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu starken Akteur*innen empowert werden können und darüber, wie es ihm rund um den Jahrestag der Anschläge geht.

Belltower.News: Wie geht es Ihnen, jetzt, zum Jahrestag des Mölln-Anschlags?

İbrahim Arslan: Die Frage ist ja immer so schwierig zu beantworten. Eigentlich geht es mir jeden Tag schlechter. Nicht nur um den Jahrestag rum. Besonders schlimm ist es, wenn die Traumata wieder hervorgeholt werden. Betroffene, wie ich einer bin, leben sieben Tage die Woche mit den traumatisierenden Erinnerungen.

Wie ist es für Sie, dass die Ereignisse aus Mölln zum Jahrestag wieder stärker in den öffentlichen Fokus rücken?

Für mich, wie auch für viele andere Betroffene, ist die Möglichkeit, die eigene Geschichte zu erzählen, befreiend. Wenn niemand nachfragt und niemand zuhören will, ist es, als würde man selber und die Geschichte, die man erlebt hat, ignoriert werden. Die Möglichkeit zu sprechen gibt uns unsere Freiheit zurück und bestärkt uns in unserer Suche nach Gerechtigkeit.

Sie waren sieben Jahre alt, als Sie Ihre Oma, Schwester und Cousine verloren haben. Erinnern Sie sich daran, wie mit ihrer Familie nach dem Anschlag umgegangen wurde?

Natürlich habe ich Erinnerungen. Auf der anderen Seite gibt es die Dinge, die damals schriftlich festgehalten und protokolliert wurden. Wir wurden damals stigmatisiert und alleine gelassen, das ist eindeutig.

Was meinen Sie damit?

Wir wurden nach der Tat kriminalisiert, auch von unseren Nachbarn. Eine große Zeitung schrieb beispielsweise über meinen Vater, dass er kriminell sei und dass meine Familie hinter dem Brandanschlag stecken könnte. Das ist ein Muster, das nicht nur uns betrifft. Ähnliches haben wir auch bei den Angehörigen der Ermordeten des NSU erlebt. Und auch bei den Morden von Hanau war von sogenannten „Shisha-Morden“ zu lesen.

Dass Opfer zu Tätern gemacht werden, ist ein bekanntes Phänomen. Ähnliches erleben ja sogar Shoah-Überlebende in Deutschland.

Woran liegt das?

Wir leben in Deutschland in einer weißen Mehrheitsgesellschaft und diese Gesellschaft ist eben nicht von Rassismus betroffen und vor allem nicht von rassistisch motivierten Gewalttaten. Die Gesellschaft sucht kriminelle Energie nicht bei Ihresgleichen, sondern eher bei den Anderen und den vermeintlich Fremden. Weißen Menschen traut man hier eben nicht so gerne die Fähigkeit zu Gewalt zu – obwohl die Geschichte ja eigentlich genau das Gegenteil zeigt.

Was muss sich ändern, damit der Blick nicht so schnell auf vermeintlich Fremdes gelenkt wird?

Die Geschichten der kulturellen Unterschiede, die Geschichten der sogenannten Gastarbeiter*innen, generell die Geschichte der Migrationsgesellschaft muss stärker in den Fokus rücken, auch und besonders im Bildungssystem. Das ist nicht nur meine Forderung, sondern auch die meiner Großeltern und sehr vieler Menschen, die als Gastarbeiter*innen nach Deutschland gekommen sind. Migrationsgeschichten müssen erzählt werden. Es muss möglich sein, sich auch mit Menschen zu identifizieren, die nicht so aussehen wie die Mehrheit der Deutschen.

Wie war der Umgang der Stadt Mölln mit Ihrer Familie nach den Anschlägen?

Es ist ein wirklich schwieriges Verhältnis zur Stadt Mölln. Vieles ist ja auch protokolliert und findet sich in den Archiven wieder. Ein Beispiel für den unterirdischen Umgang ist, dass wir wieder in das Haus in der Mühlenstraße 9 einziehen mussten.

Die Familie musste in das Haus einziehen, in dem Oma, Schwester und Cousine verbrannt sind?

Ja genau. Zwei oder drei Jahre nach dem Anschlag, nachdem das Haus renoviert wurde, mussten wir dort wieder einziehen – es war extrem verstörend. Wir wurden zwar nicht direkt gezwungen, aber uns wurde auch keine andere Wahl gelassen. Die andere Option wäre ein Containerhaus gewesen. Wir zogen damals quasi freiwillig, aber gezwungenermaßen in das Haus wieder ein. Ich habe in dem Zimmer geschlafen, in dem meine Schwester und meine Cousine gestorben sind. Das war verstörend. Hinzu kommt das angespannte Verhältnis zu den Nachbarn. Meine Familie und ich, wir waren wie eine Art Schandfleck für Mölln. Mit unserer schieren Existenz haben wir die Stadt täglich an die rassistischen Morde erinnert. Dabei war es nicht so, dass die Menschen Mitleid mit uns hatten oder uns gegenüber solidarisch waren, sie wollten einfach, dass wir nicht mehr präsent sind. Sie wollten nichts mehr mit uns zu tun haben.

Wie lange habt ihr dann dort gewohnt?

Im Jahr 2000 sind wir dort ausgezogen und haben Mölln verlassen.

Und wie ist es heute?

Heute ist es ähnlich. Wenn ich mich jetzt mit Menschen unterhalte, ist es tatsächlich so, dass einige behaupten, ich und mein Vater seien Schauspieler, die alles dran setzen, die Stadt Mölln in ein falsches Licht zu setzen.

Gleichzeitig gab es auch damals Solidarität mit Ihrer Familie. Hunderte Menschen hatten Briefe geschrieben, die aber erst vor Kurzem aufgetaucht sind. Wo waren diese Briefe all die Jahre?

Bundesweit haben uns Menschen geschrieben, sogar aus dem Ausland kamen Solidaritätsbekundungen. Erst 25 Jahre später erfuhren wir durch einen Zufall von der Existenz der ganzen Briefe. Die Stadt hatte die einfach im Archiv versteckt. Es gab in den Briefen neben Solidaritätsbekundungen auch Vernetzungsangebote von Shoah-Überlebenden. Wir haben 20 Jahre lang versucht, Betroffene zu vernetzen. Direkt nach dem Anschlag hätten wir mit den Briefen die Möglichkeit gehabt. Und selbst das wurde uns nicht gewährt. Vielleicht wären wir heute an einem ganz anderen Punkt – schon viel weiter – hätten wir schon damals die Briefe gehabt.

Können Sie sich noch an die Ermordeten erinnern?

Meine Oma war eine extrem starke Person. Sie hatte sich damals getraut, alleine nach Deutschland zu kommen und hat ihre Familie später nachgeholt. Sie hat sehr viel gearbeitet, meist 17 oder 18 Stunden am Tag, als Saison-Arbeiterin auf Erdbeer- und Spargelfeldern und hatte zudem noch einen eigenen Imbiss. Meine Schwester hat mich immer zur Schule gebracht und ihr Taschengeld mit mir geteilt. Meine große Schwester hat mich immer beschützt. An meine Cousine habe ich nur noch ganz wenige Erinnerungen.

Stimmt es, dass einer der Täter aus Mölln Gast im Imbiss ihrer Großmutter war?

Ja, das ist etwas, das mein Vater später erzählt hat. Einer der Täter soll mal im Laden meiner Großmutter gewesen sein. Sie hat ihm damals was zu trinken gegeben, weil er so besoffen war. Ich kann mich da aber nicht dran erinnern, ich war damals sieben Jahre alt. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass er mal in dem Imbiss war. Mölln ist eine Kleinstadt, jeder kannte jeden. Der eine Täter wohnte ja bei uns in der Nachbarschaft.

In den vergangenen Wochen haben wieder Flüchtlingsunterkünfte gebrannt. Viele Menschen fühlten sich an die 1990er Jahre erinnert. Was ist gleichgeblieben, was hat sich verändert?

Rassistische, rechte und antisemitische Gewalt gibt es in Deutschland weiterhin. Es wird auch wahrscheinlich nie aufhören oder es wird in der Form nicht aufhören. Im Umgang mit Betroffenen hat sich aber etwas verändert. Es gibt eine neue Gedenkkultur, die wir selbst angehen. Betroffene werden aktiv, sie fordern und setzten sich für sich selbst ein. Ich bin seit 2007 aktiv und halte seither das Gedenken wach. Ich mache das für meine Familie und für alle anderen Betroffenen.

Mein Ziel ist eine neue Gedenkpraxis, eine neue Gedenkkultur. Betroffene sollen ihre Stimme erheben, sie sollen sich vernetzen und ihre Erfahrungen austauschen. Die solidarische Gesellschaft, die sich daran beteiligen möchte, ist immer willkommen. Ich veranstalte ja die Möllner Rede im Exil. Zu diesen Veranstaltungen kommen auch Betroffene aus allen Teilen der Republik. Das zeigt mir, dass unsere Intervention anderen Betroffenen Mut macht, und dazu animiert, eigene Gedenkveranstaltungen zu organisieren. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, was das Gedenken an rassistische, rechte und antisemitische Gewalt angeht. Aber das haben wir zu ganz großen Teilen den Betroffenen zu verdanken.

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