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Rechtsterrorismus

Die rassistische und antisemitische Ideologie des Täters von Buffalo

Der Tatort: Ein Supermarkt in der Buffaloer East Side, wo ein Rechtsterrorist zehn Menschen ermordete (Quelle: picture alliance/Associated Press/Joshua Bessex)

von Nicholas Potter, zuerst erschienen auf belltower.news 

Ein Rechtsterrorist ermordet in Buffalo, New York, zehn Menschen, fast alle Opfer sind schwarz. Ein Blick in sein „Manifest“ zeigt ein zutiefst rassistisches und antisemitisches Weltbild. Und eine Verehrung für den Christchurch-Attentäter.

Es ist eines der verheerendsten rassistischen Massaker der vergangenen Jahre in den USA: Am 14. Mai 2022 fährt ein 18-jähriger Rechtsextremer zu einem Supermarkt in Buffalo, New York, wo er mit einem semiautomatischen AR-15-Gewehr das Feuer eröffnet. Auf seiner Waffe steht das N-Wort und der Zahlencode „14“ – für die sogenannten „14 Words“ des Neonazis David Lane, die als Glaubenssatz weißer Neonazis gelten. Er schießt auf dreizehn Menschen, zehn von ihnen sterben, drei werden verletzt. Von den 13 Menschen, auf die der Täter geschossen hat, sind elf schwarz.

Die afroamerikanische Community in der Buffaloer „East Side“, einer überwiegend schwarzen Nachbarschaft, die von leerstehenden Häusern geprägt ist, trauert und wütet. „Wir wollen beschützt und so behandelt werden, als wären wir nicht egal, ohne dass ein weißer Rassist auf unsere Community schießen muss“, sagte eine Anwohnerin nach dem Anschlag der New York Times. „Immer wieder haben sie gezeigt, dass sich hier niemand um uns kümmert. Das ist ein Muster.“ Diese Community wählte der rechtsextreme Attentäter nicht zufällig als Anschlagsort: Er fährt rund dreieinhalb Stunden ausseiner Heimatstadt quer durch das Bundesland dorthin – zum „Tops“-Supermarkt, der einzige Vollsortiment-Laden in der East Side weit und breit, mit vielen schwarzen Kund:innen. Der Attentäter behauptet, Buffalo habe die höchste schwarze Bevölkerungszahl in New York. Rund 30 Prozent der Bevölkerung von Buffalo sind schwarz.

Der „Tops“-Supermarkt ist nun ein blutiger Tatort, der letzte Schauplatz einer erschreckend langen Reihe von rechtsterroristischen Anschlägen, die von Christchurch über Halle bis Pittsburgh reichen. Sie alle stehen für einen neuen Modus des Rechtsterrorismus, als dessen Blaupause der 2011 Anschlag in Utøya und Oslo gilt: Junge weiße Männer radikalisieren sich auf Imageboards und Discord-Servers, sie animieren sich gegenseitig zur Tat, schreiben wirre Dokumente, die sie „Manifeste“ nennen – und filmen ihre Anschläge im Livestream wie Ego-Shooter-Spieler. Die Gamification des Terrors ist im vollen Gang.

An diesen Trend knüpft sich der Buffalo-Killer an: Er streamt seine Tat live auf der im Gaming beliebten Plattform „Twitch“, schreibt Codes und Botschaften auf seiner Waffe wie seine Vorgänger, lädt ein ausführliches „Manifest“ bei Google Docs hoch – ein zutiefst rassistisches und antisemitisches Dokument des Hasses, das auf 8chan, 4chan und diversen Discord-Servern kursiert. Schon auf dem Titelblatt wird die neonazistische Richtung seiner Ideologie klar: Dort steht eine schwarze Sonne. Über 180 Seiten schwadroniert der Attentäter von „Massenmigration“ und „weißem Genozid“, propagiert den „Großer Austausch“-Verschwörungsmythos, bezeichnet sich selbst als Faschist, Antisemit und White Supremacist.

Der Text beinhaltet zudem ein ausführliches Interview mit dem Attentäter selbst, wie es bereits der Attentäter von Christchurch vor ihm machte – mit sogar teilweise identischen Fragen. Und der leidenschaftliche Waffennarr beschreibt darin auch minutiös die Vorbereitungen für den Anschlag, die Pros und Contras für jede mögliche Waffe. Selbst die Auswahl seiner Unterhose beim Anschlag ist Thema im Dokument, Vor- und Nachteile verschiedener Modelle werden diskutiert. Original ist das sogenannte „Manifest“ aber nicht: Laut einer Analyse des Khalifa Ihler Institute wurde 57 Prozent der ideologischen Teile des Texts plagiiert – davon ausgenommen sind biografische Details, Beschreibungen seiner Waffen sowie Memes und andere Bilder. Allen voran klaut er aus dem „Manifest“ des Christchurch-Attentäters, teilweise ganze Absätze – wie beispielsweise einen ganzen Exkurs zum ökofaschistischen „grünen Nationalismus“.

Seine Beschreibung des Tatplans weist auch Ähnlichkeiten mit dem „Manifest“ des Halle-Attentäters auf, der 2019 am Jom Kippur schwer bewaffnet in eine Synagoge einzudringen versuchte und zwei Menschen ermordete. Der Attentäter erklärt darin auch seine Entscheidung, den Anschlag auf „Twitch“ zu streamen, weil ein früherer Anschlag 35 Minuten lang auf der Plattform übertragen werden konnte – in Bezug auf den Halle-Anschlag. Als Vorbild taugt der Halle-Attentäter, den viele in der Imageboard-Szene als Versager sehen, aber offenbar nicht: Der Buffalo-Killer erwähnt ihn in einer Aufzählung von anderen Rechtsterroristen nicht.

Seine rechtsextreme Radikalisierung erfolgte laut eigener Aussage im Internet. Der Attentäter gibt an, er sei kurz nach Ausbruch der Covid-Pandemie im Mai 2020 gelangweilt gewesen und auf das Imageboard 4chan gestoßen. Auf dem berühmt-berüchtigten Unterforum /pol/ habe er gelernt, dass die „weiße Rasse“ aussterbe, dass Schwarze zu ihrem Untergang beitragen, weil sie zu viele seien, sie töten und amerikanische Steuergelder wegnehmen würden.

Hinter all dem sollen die Juden stecken, die diesen „großen Austausch“ der Bevölkerung organisierten – bis zu seinem imaginierten Genozid an „den Weißen“, an dem Individualismus und Feminismus schuld seien. Das ist die rechtsextreme Verschwörungserzählung des sogenannten „großen Austausches“, die in der gesamten Rechtsaußen-Szene beliebt ist, besonders aber unter Rechtsterroristen seit dem Attentat von Christchurch im Jahr 2019.

Danach sei der Attentäter auf rechtsextreme Webseiten wie das Neonazi-Forum „The Daily Stormer“ aufmerksam geworden und habe sich dort weiter „informiert“. Es soll aber zunächst ein Gif auf 4chan gewesen sein, das den Buffalo-Attentäter stark beeinflusste – ein Gif vom Christchurch-Anschlag. Er habe danach nach dem ganzen Tatvideo gesucht, das Manifest offenbar mit Bewunderung gelesen. Der Christchurch-Attentäter wird im „Manifest“ namentlich als Vorbild und explizite Inspiration für die Tat genannt: „Ohne seinen Livestream hätte ich wahrscheinlich keine Ahnung von den echten Problemen, mit denen der Westen konfrontiert ist“, schreibt der 18-Jährige etwa.

Rassistische Hetze zieht sich wie ein roter Faden durch das „Manifest“: Den Anschlag habe der Attentäter verübt, um auch andere zu beeinflussen, sich gegen die „Austauscher“ zu verteidigen – damit meint er schwarze US-Amerikaner:innen. Doch gleichzeitig macht er durch antisemitische Exkurse im Text sehr deutlich, was für ihn Symptom und was Wurzel allen Übels auf der Welt sei: „Der echte Krieg, für den ich mich einsetze, ist Nichtjuden gegen Juden“. Vernichtungsfantasien pur: Er ruft dazu auf, alle „Juden“ zu töten – für den Attentäter weder eine ethnische noch eine religiöse Identität, sondern ein Feindlabel, das auch für Nichtjuden wie den Amazon-CEO Jeff Bezos gelten kann. „Mit ihrer jüdischen Art bringen sie uns gegeneinander auf. Wenn Sie das erkennen, werden Sie wissen, dass die Juden das größte Problem sind, das die westliche Welt je hatte“, so schreibt er weiter.

Zwei Tage nach dem Anschlag in Buffalo fragen sich viele Menschen, ob er hätte verhindert werden können. Denn dass die Radikalisierung des Täters niemandem aufgefallen sein soll, bleibt fraglich. Im vergangenen Frühling nach seinen Plänen nach dem Schulabschluss gefragt, antwortete er: einen Mord-Suizid begehen. Es folgten Ermittlungen der Polizei und ein kurzer Aufenthalt in der Psychiatrie. Mehr nicht. Die Episode konnte den Attentäter auch nicht daran hindern, wenige Monate vor dem Anschlag ganz legal ein semiautomatisches Gewehr zu kaufen. Vermutlich wird nun in den USA erneut eine heiße Debatte um Waffengesetze entbrennen. Aber vermutlich wird der Anschlag in Buffalo trotzdem nicht der letzte dieser Art sein. Womöglich lässt sich der nächste rechtsextreme Attentäter davon sogar inspirieren.

Dieser Artikel verzichtet bewusst darauf, den Namen des Täters zu nennen, um ihm keine Bühne zu geben. Denn Ruhm gehört auch zum Ziel des Online-Rechtsterrorismus: Attentäter werden wie „Heilige“ gefeiert, ihre Namen erscheinen in Rankings – und inspirieren so die nächste Generation.

In Gedenken an Celestine Chaney, Roberta A. Drury, Andre Mackneil, Katherine Massey, Margus D. Morrison, Heyward Patterson, Geraldine Talley, Ruth Whitfield, Pearl Young und Aaron Salter Jr.

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