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Der etwas andere Stadtrundgang

Foto: Neustädter Bahnhof Dresden von leralle via Flickr, cc


Der 13. Februar nähert sich wieder und damit auch der größte Neonaziaufmarsch Europas. Doch worum geht es eigentlich in Dresden? Was ist das Problem? Ein Stadtrundgang des Vereins für progressive Kultur und Kommunikation beleuchtet die Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933-1945. Und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche.

„Im lokalen Diskurs, insbesondere um die Bombardierung dieser Stadt, ist es uns wichtig, eine Kritik an geschichtsrevisionistischen Tendenzen stark zu machen“, ist im Intro zu hören. Das audioscript zur Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden führt die Hörerinnen und Hörer in einem Stadtrundgang an zwölf Orte antisemitischer Verfolgung in Dresden. Damit ermöglicht es eine Auseinandersetzung mit (stadt-)historischen, philosophischen und künstlerischen Aspekten der Shoah.

Geschichtsrevisionismus

Gerade im Februar ist Dresden in aller Munde. Die Bombardierung der Stadt durch die Alliierten jährt sich und damit kommen regelmäßig tausende Alt- und Neonazis zusammen, um der Toten des Bombardements zu gedenken. Doch die alliierte Bombardierung diente der Beendigung des Zweiten Weltkriegs – des von Deutschland begonnenen Vernichtungsfeldzugs. Mit den neonazistischen Trauermärschen erfolgt eine Gleichsetzung der Opfer der Shoah mit den Toten in Dresden. Diese Gleichsetzung entbehrt jeglichen historischen Verständnisses und relativiert die deutschen Taten. Das audioscript ist eine Möglichkeit zu zeigen, dass Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden auch in Dresden stattgefunden haben. Dass auch in Dresden der Nationalsozialismus befürwortet wurde und dass Dresden nicht nur eine Kulturstadt war.

„Kinder unter vier Jahren fuhren gratis“

Mit einer Mischung aus autobiographischem Material von Überlebenden, Textpassagen essayistischen Stils und philosophischen Fragmenten gehen die Hörerinnen und Hörer in einem etwas anderen Stadtrundgang durch Dresden. Von der Synagoge am Hasenberg geht es über die Brühlsche Terrasse, den Taschenberg, das Hygiene Museum, den Güterbahnhof in Neustadt bis zur Weinbergstraße. An den einzelnen Stationen erahnt man das Ausmaß der Perfidie der Shoah. „Auschwitz war ihr bestes Geschäft“ ist zum Beispiel der Titel der achten Station. Die Bewohnerinnen und Bewohner des jüdischen Altenwohnheims Henriettenstift wurden deportiert. Ihr Vermögen sollten sie vorher abgegeben. Ihnen wurde gesagt, dass je mehr sie abgegeben, desto besser ihr Platz in einem neuen Altenheim, zum Beispiel Theresienstadt, werde. Nur zwei von ihnen überlebten. Der Güterbahnhof Dresden-Neustadt war zwischen 1942 und 1945 Durchgangsbahnhof für Deportationen, und nicht nur der der Dresdner Jüdinnen und Juden. „Die Reichsbahn war prinzipiell bereit jede Ladung gegen Bezahlung zu befördern. Also konnte sie auch Juden nach Treblinka, Auschwitz, Sobibor oder andere Orte befördern. Solange diese Transporte nach den geltenden Kilometertarifen bezahlt wurden. … Die Kinder unter vier Jahren fuhren frei. Man zahlte nur die einfache Fahrt“, sagte Raul Hilberg, amerikanischer Historiker im Gespräch mit Claude Lanzmann, Regisseur des Dokumentarfilms „Shoah“.

Stadtrundgang

Das audioscript kann man im Internet samt Stadtplan herunterladen oder auf mp3-Spielern in der Dresdener Innenstadt ausleihen (Stadtmuseum Dresden, Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde). Der Stadtrundgang ist auf Englisch und Deutsch erhältlich. Die Amadeu Antonio Stiftung förderte dieses Projekt, weil es das Augenmerk auf wichtige historische Aspekte der Shoah lenkt und einen Teil zu fortwährenden Auseinandersetung mit der deutschen Vergangenheit beiträgt.

Von Nora Winter

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