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Ein Jugendteff in Eisenach: ein verrückter Plan?

Die Eisenacher Altstadt: Nur schöne Fassade? Nicht, wenn demokratisch gestaltet wird.

Engagierte wollen in Eisenach ein alternatives Jugendzentrum aufbauen. Doch die rechtsextreme Hegemonie in der thüringischen Stadt macht das zu einem gewagten Unterfangen. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt den Plan mit einer Förderung und glaubt an die Engagierten – von Anfang an.

Von Franziska Schindler und Carlotta Voß

„Seid ihr verrückt?“, wurden Lissy Bott und ihre Kolleg:innen gefragt, als sie von ihrem Plan erzählten, in Eisenach-Nord einen selbstorganisierten Begegnungsraum zu eröffnen. Bott, 30 Jahre, Jugendbildungsreferentin bei den NaturFreunden Thüringen, verneinte. Dass etwas passieren musste, nachdem im vergangenen Jahr mit dem Skatepark der letzte selbstorganisierte, nicht-rechte Treffpunkt der Jugendlichen in der Stadt geschlossen wurde, stand für sie fest. Bott machte sich an die Arbeit.

Warum ein alternatives Jugendzentrum so abwegig erscheint, hat mit dem politischen Kräfteverhältnis in Eisenach zu tun. NPD und AfD konnten bei den Stadtratswahlen 2019 insgesamt 22,9% der Wählerstimmen auf sich vereinen. Seit den 90er Jahren haben sich rechtsextreme Einstellungen in der thüringischen Kleinstadt kontinuierlich normalisiert, wie eine Studie des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) ergibt. Rechte Gewalt ist allgegenwärtig. Neonazis aus ganz Deutschland ziehen in die thüringische Kleinstadt, deren Erscheinungsbild von rechtsextremen Grafittis geprägt ist. Die Eisenacher NPD zeigt sich als bürger:innennah, nutzt ihre Parteizentrale als Veranstaltungsort für Rechtsrockkonzerte und Partys. Und sie hat sich in der Stadt eine umfassende Infrastruktur aufgebaut.

In Eisenach-Nord gibt es zwar keine NPD-Parteizentrale, dafür jede Menge Platte und eine heterogene Bewohner:innenschaft. In der Gegend mit bezahlbaren Mieten wohnen Migrant:innen neben Rechtsoffenen. „Das Viertel ist extrem polarisiert“, sagt Bott. Dass Aufenthaltsräume fehlen, erkennt auch der Eisenacher Stadtentwicklungsplan. Passiert ist dennoch nichts.

Im Gegensatz zu Botts verrücktem Plan, der zum Greifen nah ist. Ein Ladenlokal haben die Naturfreunde schon gemietet, vor wenigen Wochen sind sie eingezogen. Die Amadeu Antonio Stiftung hat sie unterstützt und an sie geglaubt – von Anfang an. Aber um an dem neuen Ort anzukommen, ist es nicht damit getan, Kisten auszupacken. Mit Flyern haben die Naturfreund:innen sich ihren neuen Nachbar:innen vorgestellt. „Es ist extrem wichtig, dass wir die Bevölkerung auf unserer Seite haben“, sagt Bott, „Wir wollen unbedingt vermeiden, dass Menschen in unserem Zentrum angefeindet werden.“ Die Stadtverwaltung jedenfalls steht an der Seite der Naturfreund:innen, spendete Möbel und Zuspruch.

Was es bedeutet, der örtlichen rechtsextremen Szene ein Dorn im Auge zu sein, davon kann Elke, eine engagierte junge Frau aus Eisenach,
erzählen. „Hier geht es wirklich rund“, berichtet sie am Telefon. Viele aus ihrem Bekanntenkreis wurden verprügelt, Küchenfenster eingeworfen – „Das waren ganz klar Nazis.“ Knockout 51 heißt die Neonazi-Kampfsportgruppe, die in Eisenach Angriffe auf linke Jugendliche und als Migrant:innen gelesene Menschen verübt. Die Gruppe ist eng mit der Hooliganszene des Vereins Rot-Weiß Erfurt vernetzt und nimmt regelmäßig an extrem rechten Kampfsportturnieren teil. Für einige Kampfsportler:innen von Knockout 51 ist
die rechtsextreme NPD nicht aktionistisch und aktivistisch genug. Man kann erahnen, welche Gefahr von dieser Gruppe ausgeht.

Ihre Stadt will sich der Freundeskreis von Elke dennoch nicht nehmen lassen. Ein paar Kilometer weiter, in Eisenach-Mitte, haben sie den Verein Hedwig e.V. gegründet, ihr Ziel: Eine nichtrechte Konzertlocation zu eröffnen, „damit sich die Nazisportgruppen die Jugendlichen nicht krallen können.“ Sie träumen von einem Ort, an dem Jugendliche einfach vorbeikommen können, einem Freiraum, den sie selbst gestalten, an dem sie sich wohlfühlen und entfalten können. Konzerte können Corona-bedingt noch nicht stattfinden, eine Fahrradwerkstatt, Handarbeitskurse und der Lesekreis schon. Damit soll es losgehen. Auch für Hedwig e.V. ist es zentral, die Nach-bar:innen kennenzulernen. „Wenn wir jetzt schon Vertrauen zu den Menschen hier aufbauen, sind sie vielleicht auch an unserer Seite, wenn wir angegriffen werden“, hofft Elke.

Die Mehrheit in der Stadt wählt demokratische Parteien. Aber sich sichtbar gegen Rechts zu engagieren und öffentlich Position zu beziehen, das ist eine andere Sache. „Die Eisenacher:innen haben es nicht leicht, rechtsextremen Netzwerken in ihrer Stadt Paroli zu bieten“, resümiert IDZ-Studienautor Axel Salheiser. Lissy Bott lässt sich davon nicht abhalten. Mit den Schüler:innen der Sprachschule von Gegenüber hat sie auf einer Bedürfniswand Ideen gesammelt, wie sie den neuen Raum mit Leben füllen wollen. Die erste gemeinsame Aktion steht schon fest: Ein Graffitiworkshop, bei dem eine der Wände gestaltet wird.

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