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Ein Schutzraum und Freiraum für Jugendliche in Ostsachsen

Im sächsischen Landkreis Görlitz gingen während der Pandemie regelmäßig montags Coronaleugner*innen entlang der B96 auf die Straße, die AfD fährt hohe Wahlergebnisse ein, immer wieder finden auch rechtsextreme Konzerte statt. Der kleine Ort Sandförstgen hat 46 Einwohner*innen und liegt 25 km von Bautzen entfernt. Die Landschaft ist hügelig, die Teerstraßen, die in den Ort führen, sind schmal. Eine öffentliche Verkehrsanbindung gibt es nicht. Hier im ostsächsischen ländlichen Raum veranstalten die jungen Leute vom Jugendclub Sandförstgen das Rockn’Wagon Festival gegen Rechtsextremismus und für Vielfalt.

Von Charlotte Sauerland

Ein fröhliches Orga-Team begrüßt die Besucher*innen persönlich. Im Eingangsbereich stehen Sofas, Lichterketten hängen in den Bäumen für die gemütliche Stimmung am Abend. In der Nähe der Bühne steht ein Awareness-Zelt. In diesem Zelt kann Zeit und Raum sein, um über sexistische oder rassistische Vorfälle zu reden – sollte es sie auf dem Festival geben. Hier treffen wir Klaus (26) und Lea (24) zum Gespräch. Die beiden organisieren das Festival mit. Obwohl sie sehr beschäftigt sind, die ankommenden Bands zu betreuen, den Einlass zu organisieren und die Getränkeausgabe zu koordinieren, nehmen die beiden sich für uns Zeit.

„Verbundenheit in die Region und der Wille etwas cooles zu machen“

Klaus ist in Sandförstgen aufgewachsen. Auf dem Gelände des Hofs seiner Eltern haben sich Klaus, seine Geschwister und einige andere Jugendliche seit 2012 als Jugendgruppe und später als Jugendclub organisiert. Klaus war damals 15. Jetzt arbeitet er in Dresden als Sozialarbeiter. Immer noch kommt er regelmäßig nach Sandförstgen, um Veranstaltungen zu organisieren. „Die Verbundenheit in die Region ist immer noch da und der Wille hier was Cooles zu machen. Und deswegen bin ich auch immer noch hier aktiv“, erzählt auch Lea. Sie ist in Bautzen aufgewachsen und arbeitet dort. Auch sie wohnt in Dresden. Seit 2017 ist sie ehrenamtlich bei der Organisation des Rock`n Wagon-Festivals dabei.

In ihrer Schulzeit waren Klaus und Lea viel mit rechtsextremen Sprüchen und der Anwesenheit von Nazis konfrontiert. „Schon in der Schule ging es los mit sowas wie „Zecken töten“ oder „Zecke verrecke“. Das sind die Standardsprüche glaube ich gewesen“, schildert Klaus. Auch bei Dorffesten seien immer große Gruppen von Neonazis zugegen gewesen. „Wir waren immer die Minderheit sozusagen. Man hat sich dort unglaublich unwohl gefühlt.“ Um nicht aufzufallen und sich selbst zu schützen, hat man sich selbst zensiert, erinnert sich Klaus.

Jugendclub und Festival als Schutz- und Freiraum

Klaus’ Eltern besitzen ein größeres Grundstück in Sandförstgen. Sein Vater baut, werkelt und gestaltet gerne kreativ an Haus und Hof. Im Jahr 2013 schlug er den Jugendlichen vor, ihm beim Bau eines Erdkellers zu helfen, eine Art halbrundes, mit Erde bedecktes Ziegelgewölbe. Im Gegenzug für die Hilfe boten die Eltern den Jugendlichen an, das Gebäude als Jugendclub zu nutzen. Die waren sofort begeistert. Genau das brauchten sie: einen Raum, wo sie sich nicht nur wohl, sondern vor allem auch sicher fühlten und machen konnten, worauf sie Lust hatten. Neben dem Erdkeller, den sie „Bunka“ nennen, gibt es auf dem Gelände auch eine Scheune. Dort organisieren sie Konzerte oder Partyabende. Viele der Aktiven und der Besucher*innen wohnen in der Gegend, einige kommen wie Klaus regelmäßig aus Dresden angefahren. Der Jugendclub ist ein Treffpunkt, wo manchmal auch spontan zusammen gesessen wird. Neben dem Jugendclub Sandförstgen ist der Jugendclub Kurti in Bautzen einer der wenigen selbstverwalteten Jugendräume in der Region. Auch den Kurti hat Lea mitgegründet. Sie ist dort weiterhin aktiv.

Seit 2016 organisieren die jungen Leute jedes Jahr das Rock’n Wagon Festival mit Punkrock, Workshops und Infoständen. Wenn man gemeinsam ein Festival organisiert, lernt man sich gut kennen. Lea beschreibt die gemeinsame Organisation des Festivals als positive und empowernde Erfahrung: „Wir wissen alle: Wir passen aufeinander auf, wir wollen das Beste füreinander. Wir versuchen möglichst gerecht miteinander umzugehen. Und wir sind da alle auch lernbereit und wollen uns weiter entwickeln. Das ist mega schön und richtig cool!“

Engagiert und solidarisch gegen Rassismus

Das Rock’nWagon Festival versteht sich als Statement gegen Rassismus, Sexismus, LGBTQ-Feindlichkeit und andere Diskriminierungsarten und für ein tolerantes und offenes Miteinander. Den Engagierten vom Jugendclub ist es auch außerhalb des Festivals wichtig, sich gegenseitig solidarisch zu unterstützen, wenn es an einem Ort zu rechtsextremen Mobilisierungen kommt. In den Jahren 2015 und 2016 fuhren sie oft nach Bautzen, wo es viele Demonstrationen gegen Geflüchtete gab, um Position gegen Rassismus zu beziehen. Auch gegen die Demos von Coronaleugner*innen und Rechtsextremen entlang der B96 haben sie gemeinsam mit anderen Akteuren aus der Region protestiert.

In der Vergangenheit kam es häufiger zu rechtsextremen Vorfällen. 2016 beschmierten Rechtsextreme die Gebäude des Jugendclubs mit Hakenkreuzen und rechtsextremen Parolen wie „NS-Zone“ und Antifa raus“. Das Festival fand währenddessen auf dem Nebengelände statt. Die Musikanlage wurde zerstört. Einmal kam es auch zu einem gewalttätigen Übergriff durch rechtsextreme Jugendliche. Und auch wenn es in Sandförstgen selbst recht ruhig ist derzeit: Aus Bautzen kann Lea auch heute noch ganz andere Geschichten erzählen. Erst kürzlich fand im Jugendclub Kurti eine Lesung eines gegen Rechts engagierten Klimaaktivisten statt, bei der Neonazis vor der Tür standen und die Teilnehmer*innen einschüchterten.

Umso wichtiger, dass es Orte wie den Jugendclub Sandförstgen, den Kurti und – einmal im Jahr – das Rock’n Wagon Festival gibt. Schnell zurück zur Festival-Orga müssen Lea und Klaus nach dem langen Gespräch jetzt auch endlich. Es gibt noch viel zu tun. Und gleich spielt die erste Band.

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