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Eine Hürde, die viele nicht bereit sind zu nehmen

Copyright: Julian Wan/Unsplash

Von Hadnet Tesfai

Eigentlich ist es immer das Gleiche: spätestens im November kommt es einem so vor, als wäre alles, was man in der wärmenden Sonne des Sommers erlebt hat, Lichtjahre her. Dabei sind es gerade mal sechs Monate, die zwischen heute und den deutschlandweiten Protesten der Black Lives Matter Bewegung liegen. Abertausende Menschen gingen Anfang Juni auf die Straße, um gegen Rassismus im Allgemeinen und den Mord an George Floyd und rassistisch motivierte Polizeigewalt im Besonderen zu demonstrieren. Es wurden hektisch schwarze Quadrate gepostet und mit den entsprechenden Hashtags versehen. Einige besonders rücksichtsvolle Influencer*innen hielten sich sogar mit der Veröffentlichung von allzu selbstdarstellerischem Content auf ihren Social Media Kanälen zurück. Alle sprachen über Rassismus. Und während sich die Blicke hierzulande anfangs noch mitfühlend in die USA richteten, wurden die Rufe von Schwarzen Deutschen nach einer spezifisch deutschen Betrachtung des Problems immer lauter.

Rassismus ist keine amerikanische Thematik. Den gibt es auch bei uns. Das war die Aussage, die viele Schwarze Journalist*innen in diesen atemlosen Frühsommertagen mal wieder in Dauerschleife wiederholten. In zig Telefoninterviews, selbstgedrehten Handyvideos, Videointerviews oder geschriebenen Statements. Viele meiner Kolleg*innen arbeiteten damals an der Grenze der physischen und psychischen Belastung, denn plötzlich waren wir beides, Betroffene und Expert*innen, und sollten möglichst bewegend über unsere eigenen Rassismuserfahrungen sprechen, Dynamiken analysieren und nach Möglichkeit gleich konkrete und einfach umzusetzende Lösungsvorschläge liefern.

Das ist ein fast schizophrener Spagat, der in der hohen Schlagzahl der eingehenden Interviewanfragen einen enormen Kraftaufwand bedeutete. Viele Schwarze Menschen mussten z.B. bei der Arbeit, mit Freunden, und zum Teil auch in der eigenen Familie Gespräche führen, die sie so noch nie geführt hatten und vielleicht auch gar nicht führen wollten. Einige waren reinigend und konstruktiv, andere unangenehm und ernüchternd. Die größte Schwierigkeit in solchen Unterhaltungen war und ist nach wie vor das Verständnis von Rassismus.

Was ist das eigentlich, eine Rassist*in? Die meisten verstehen darunter ein Individuum, das andere Menschen ausdrücklich aufgrund ihrer Hautfarbe hasst und ihnen vorsätzlich wehtun möchte. Rassismus ist für viele also immer eine bewusste Entscheidung mit böser Absicht. Die Männer, die vor 30 Jahren Amadeu Antonio umgebracht haben, das waren Rassisten, dumpfe Schläger, Neonazis und Rechte. Wer will schon mit solchen Typen in einen Topf geworfen werden?

Die sich aus dieser Logik ergebende Abwehrhaltung ist es, die einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema im Weg steht. Dabei ist die Annahme, dass wir alle in einer Welt mit systemimmanentem Rassismus leben, weil er ein Machtverhältnis beschreibt, in dem die einen bevorteilt werden, zunächst etwas herrlich Unpersönliches. Da geht es nicht um die eigene Gesinnung oder politische Überzeugung, aber diese Definition bringt die nächsten Konzepte in Position, mit denen viele hadern: Rasse als soziales Konstrukt und White Privilege. Und so befinden sich leider noch viel zu kleine Teile der Weißen Bevölkerung in einem Diskurs, der sich immer weiterentwickelt, einer, in dem man heute noch PoC sagt und morgen schon BIPoC und übermorgen das Konzept, alle Nicht-Weißen Menschen wie eine homogene Gruppe zusammenzuwerfen, infrage stellt. Das eigene Weiß Sein in dem Zusammenhang zu reflektieren und kontinuierlich mitzudenken ist eine weitere Hürde, die viele nicht bereit sind zu nehmen.

Die meisten aber scheitern an der Tatsache oder sind zumindest davon abgeschreckt, dass der Prozess des Verstehens und entsprechend der des Lernens gefühlt nicht zu Ende geht. Und es ist auch nicht so, also ob alle Schwarzen Menschen in Deutschland sich aktiv an einer differenzierten und zugegebenermaßen auch teils sehr wissenschaftlichen Debatte beteiligen würden. Aber unser Alltag, in dem wir ständig mit unserer Sozialisierung und Fremdzuschreibungen konfrontiert sind, lässt uns quasi keine andere Wahl. Die aufwühlenden Ereignisse des Frühsommers 2020 haben besonders bei jungen Schwarzen Menschen ihre Spuren hinterlassen. Sie erheben mehr denn je einen ganz natürlichen Anspruch auf dieses Land. Die sozialen Medien spielen dabei eine große Rolle und sind der Ort, an dem sie sich sehen, finden, vernetzen und austauschen. Das Bedürfnis, genau das zu tun, die Nähe zueinander zu suchen und damit Trost und Verständnis, aber auch Stärke und Mut zu finden, war nach dem Mord an George Floyd so groß wie nie. Auch in Deutschland.

Verglichen mit der Verunsicherung, der Ohnmacht und vor allem dem Gefühl des Alleinseins unter Schwarzen Menschen nach dem Mord an Amadeu Antonio im Jahr 1990 sind wir 30 Jahre, also eine Generation später, etwas weiter. Als Gesellschaft noch längst nicht weit genug. Aber wie weit wir kommen, liegt nicht nur in der Hand der Schwarzen Bevölkerung Deutschlands. Das entscheidet maßgeblich auch die Bereitschaft Weißer Menschen, die Ärmel hochzukrempeln und an ihrem Selbstverständnis zu arbeiten.

Hadnet Tesfai ist Moderatorin für das ZDF, ProSieben und Arte. Im Zuge der Black Lives Matter Bewegung organisierte sie Demonstrationen und sprach am 6. Juni in Berlin zu mehr als 20.000 Menschen. Mit ihrer Kollegin Aminata Belli startete sie die Instagram-Talkreihe „Sitzplatzreservierung”

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Screenshot von Wendemigra.de

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