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Fachstelle Gender und Rechtsextremismus beendet Zusammenarbeit mit Manne e.V.

Foto: naufragoenlasopa via flickr, cc

Warum sowohl eine mangelnde Distanz zur rechtsextremen Szene als auch eine unkritische Ausübung hypermaskuliner Sportpraxen den Anforderungen an pädagogisches Handeln zuwiderläuft. Zum Umgang mit dem Cottbuser Kickbox-Europameister Mario Schulze und seiner Tätigkeit für Manne e.V.

Eine Stellungnahme der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung

Der Arbeitskreis „Geschlechterreflektierende Rechtsextremismusprävention“ der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung beendet die Zusammenarbeit mit dem Verein „Manne e.V.“. Nach längerer Auseinandersetzung über den Umgang des Vereins mit Mario Schulze, der für Manne e.V. pädagogisch tätig ist, hat sich der AK auf Grundlage seines Selbstverständnisses für diesen Schritt entschieden. Diesen möchten wir im Folgenden begründen:

Der Verein Manne e.V. in Potsdam ist im Bereich von Jungenarbeit in Brandenburg tätig. In seinem Projekt „Gratwanderung“ arbeitet der Verein mit männlichen Jugendlichen und setzt sich hier u.a. zum Ziel, diese hinsichtlich einer demokratischen Orientierung zu unterstützen und sich von rechtsextremen Gruppierungen und Einstellungen zu lösen bzw. sich diesen nicht weiter zuzuwenden. Im Oktober 2012 wurde bekannt, dass in diesem Projekt Mario Schulze für den Verein pädagogisch tätig ist. Mario Schulze wird mit dem rechtsextremen Milieu in Zusammenhang gebracht. Er ist zudem Mitglied im Cottbuser Verein „Kick-Box-Team“, für den er im Oktober 2012 einen Europameistertitel gewann.

Eine Zusammenfassung der Vorkommisse, aufgrund derer wir von einer Verortung von Mario Schulze im rechtsextremen Milieu bzw. innerhalb einer rechtsextremen Subkultur ausgehen:

Im Mai 2011 war Schulze mit 17 weiteren Personen am Flughafen Dresden aufgefallen; sie trugen TShirts mit der Aufschrift „A. H. Memorial Tour 2011 – Protectorat Mallorca“ und „Seit 66 Jahren vermißt. Du fehlst uns. Wir brauchen Dich.“ Das Kürzel A. H. stand für Adolf Hitler, der vor 66 Jahren Selbstmord beging. Gegen die beteiligten Personen wurde wegen Volksverhetzung Strafanzeige gestellt.

Vor seinem Europameisterschaftskampf wird Schulzes Beteiligung an der Mallorca-Reise öffentlich diskutiert. Schulze distanziert sich von rechtsextremen Einstellungen und gibt an, das T-Shirt nicht getragen zu haben. Schützend vor ihn stellen sich der Kick-Box-Verein, der Cottbuser Verein „Soziale Vielfalt“, in dem Schulze als Konflikt- und Suchtberater und Anti-Aggressionstrainer tätig ist sowie der der Verein Manne e.V.. Der Geschäftsführer von Manne e.V., Eike Schwarz, verbürgt sich für Schulze, er beschreibt ihn als engagierten Kollegen, der „für unsere Arbeit brennt“ und argumentiert, dass das Nichttragen des T-Shirts in der Gruppensituation als besonders mutig zu werten sei. Im Gegensatz dazu steht die Grundlage für die Strafanzeige, die Schulze angenommen hatte und die sich auf das Tragen des T-Shirts bezog. Wenig später geben die Sicherheitsbehörden bekannt, dass Schulze im August 2011 Gast einer Feier im Raum Cottbus gewesen ist, die von der Polizei aufgelöst und vom Verfassungsschutz als „rechte Party“ deklariert wurde. Es war die Geburtstagsparty von Markus Walzuck, der bis Ende 2011 für das Kick-Box-Team Cottbus boxte und hier der direkte Trainingspartner von Schulze war. Walzuck war vom Verein ausgeschlossen worden, nachdem seine Aktivitäten in der rechten Szene und die Beteiligung an der Mallorca-Reise bekannt geworden waren; das Antifaschistische Infoblatt berichtete über Walzucks neonazistische Gesinnung und sieht ihn als eine der zentralen Figuren in Südbrandenburg „was die Gemengelage aus Kampfsport, Neonazis, rechten Hooligans, Rechtsrockszene und Bekleidungsverkauf angeht.“ Auch der Verfassungsschutz wertet Walzuck als einen „Rechtsextremist (…), der bei seinen Kämpfen ungeniert öffentlichkeitswirksam rechtsextremistische Symbolik zur Schau stellt.“

Der Fall wirft viele Fragen auf. Im Folgenden soll es darum gehen, inwiefern die pädagogische Arbeit einer Person sinnvoll und verantwortbar ist, die in die Neonazi-Szene verstrickt ist und sich hiervon wenig konkret und kaum nachvollziehbar distanziert. In einem zweiten Schritt wird die Frage aufgeworfen, inwiefern bestimmte Ausübungen der Kampfsportart Kickboxen geeignet sind, um Jugendliche bei einer Distanzierung von rechten Orientierungen zu unterstützen oder viel eher eine Einsozialisation in und Reproduktion von Alltagspraxen begünstigen, die durchaus anschlussfähig an Männlichkeitsbilder und Körperkulte sind, die in der rechtsextremen Szene und vor allem innerhalb der rechtsextremen Subkultur hegemonial sind.

Arbeit mit Jugendlichen und eine Nähe zu rechten Gruppierungen – geht das aus Sicht der Pädagogik?

Mario Schulze sagte auf der Pressekonferenz des Kickboxvereins am 5.10.2012, dass er der rechtsextremen Szene nicht angehöre, „sich nie dazu bezieht und nie dazu beziehen werde“.7 Er sei „für Toleranz, gegen Gewalt und gegen Rechtsradikalismus“. Was dies konkret meint, bleibt in diesem Statement offen. Was Schulze von der Aufschrift auf dem eingangs beschriebenen T-Shirt hält, wird in einer Erklärung deutlich, die er mit seinem Rechtsanwalt am 18.10.12 abgibt und die auf der Homepage des Vereins „Manne e.V.“ veröffentlicht ist. Schulze zieht hier die Rechtmäßigkeit des Strafbefehls in Zweifel und verweist auf eine Instanz, die zuvor den Straftatbestand negiert habe: „Es ist mir daher vollkommen unverständlich, warum der Strafbefehl erlassen wurde, denn wenn mehrere Staatsanwälte und der Staatsschutz den Vorwurf der Volksverhetzung und damit das Vorliegen eines Straftatbestandes nicht erkennen konnten, dann war mir dies ebenfalls nicht möglich“. Es war Mario Schulze offenbar kein Anliegen, sich inhaltlich von der Botschaft des T-Shirts zu distanzieren. Statt von den NS-verherrlichenden Aussagen Abstand zu nehmen, verteidigt Schulze das T-Shirt aus rechtlicher Sicht. Vor diesem Hintergrund lässt sich fragen, inwiefern eine pädagogische Arbeit von Schulze für den Verein Manne e.V. zu plausibilisieren ist, geht es doch in dem Projekt „Gratwanderung“ darum, Jugendliche zu stärken, sich nicht weiter in Neonazi-Szenen hinein zu begeben. Wie jedoch ist dies für eine Person umsetzbar, die persönliche Kontakte in solche Gruppierungen im Alltag lebt und sich nur unzureichend von menschenfeindlichen Positionen abgrenzt?

Pädagog/innen, die Jugendliche bei einer Abwendung von rechtsextremen Orientierungen begleiten, müssen in der Lage sein, neonazistische Positionen als solche zu erkennen, zu hinterfragen und in
dialogischen Prozessen eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen. Sie müssen über die Kompetenz verfügen, Jugendliche bei einer langfristigen Distanzierung zu begleiten. Wichtig ist hierbei, dass Pädagog/innen demokratische Haltungen in ihrem Alltag vorleben und nachvollziehbar vertreten können. Sind Pädagog/innen in ihrem eigenen Alltag in rechtsextreme Gruppierungen verstrickt und vertreten solcherart Meinungen, so steht dies den fachlichen Anforderungen diametral entgegen. Folglich ist zu befürchten, dass Jugendliche in ihren Äußerungen und Handlungen Bestätigung erfahren und möglicherweise weiter in Neonazi-Szenen eingeführt werden. Neben den Einstellungen und Haltungen betrifft dies auch die Frage der im Alltag vorgelebten Männlichkeitspraxen.

Zur Verbindung von Männlichkeitspraxen im Kickboxen und Neonazi-Gruppierungen

Vorangestellt ist uns wichtig deutlich zu machen, dass es uns nicht um eine grundsätzliche Infragestellung von Kampfsportarten oder des Kickboxens allgemein geht. Uns ist wichtig darauf zu verweisen, dass Kickboxen auf die verschiedensten Arten und Weisen angeboten und trainiert wird, z.B. als ausschließliche Selbstverteidigung oder auch in Kombination mit Körperarbeit.

Dass eine Verbindung zwischen ideologisch rechten Einstellungen/Haltungen und bestimmten Angeboten von Kampfsportarten wie Kickboxen besteht, zeigt beispielhaft die Unterwanderung vieler Kickboxvereine durch Neonazis in Brandenburg. Der Zusammenhang zwischen beidem besteht in einer Orientierung an bestimmten Männlichkeitspraxen, wie einer unbedingten Orientierung an Leistung, Durchsetzungsfähigkeit, Wettbewerb und einer „natürlichen“ Überlegenheit. Es ist u.a. das Versprechen der Überlegenheit (und zwar gegenüber anderen Männern und gegenüber Frauen), dass für viele männliche Jugendliche ein wichtiges Einstiegsmotiv in die rechte Szene darstellt. Ein wichtiges Instrument für die Durchsetzung dieser imaginierten Überlegenheit kann auf einer sehr realen und alltäglichen Ebene das Kickboxen sein.

Einer nachhaltigen geschlechterreflektierten Rechtsextremismusprävention steht das Einüben eines (hyper)maskulinistischen Männlichkeitsbildes gegenüber. Unser Verständnis einer nachhaltigen
Prävention beinhaltet auch eine kritische Auseinandersetzung mit von Dominanz, Härte und Gewalt geprägten männlichen Körperpraxen. Die von uns kritisierten Sport- und Männlichkeitspraxen im Kickboxen, mit denen es beispielsweise darum geht, Schmerz einstecken zu können, nicht nur im Sinne der Verteidigung sondern auch des Angriffs zuzuschlagen und zu verletzen, zielen stattdessen auf genau diese Aneignung. Es geht um die Einübung eines spezifischen Männlichkeitsideal, das in seiner kämpferischen und soldatischen Ausformung alles weiche, „weibliche“ abspaltet und abwertet.

Wichtiges Ziel emanzipatorischer Jungenarbeit sollte es immer auch sein, Jungen und männlichen Jugendlichen überhaupt die Möglichkeit zu geben, sich den dominanten Männlichkeitsanforderungen zu entziehen. Jungen sollte die Möglichkeit eröffnet werden, sich außerhalb der „ernsten Spiele des Wettbewerbs“ (Bourdieu) zu stellen. Die kritische Auseinandersetzung mit essentialisierenden, identitären Männlichkeitsanforderungen und den damit einhergehenden Zumutungen kann für Jungen und männliche Jugendliche eine wichtige Möglichkeit darstellen, sich mit anderen Anteilen an und von sich selbst anzufreunden. Mit Anteilen, die rechtsextremen Vorstellungen einer harten, soldatischen Männlichkeit diametral entgegenstehen.

Wichtige Voraussetzung hierfür ist aber, dass die Pädagog/innen, die mit ihnen arbeiten, sich selbst kritisch in ihren eigenen Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragt haben und den ernsten Spielen des Wettbewerbs kritisch gegenüberstehen. Insofern steht durchaus zur Disposition, inwiefern Mario Schulze als Mann, der Kampfsport praktiziert und sich damit sehr stark an Leistung und Wettkampf orientiert, in der Lage ist, männlich-hegemoniale Orientierungen wie „höher-schneller-weiter“ zu problematisieren ebenso wie das klassisch-männliche Strukturquartett Leistung, Hierarchie, Disziplin und Konkurrenz. Zudem lässt sich auf einer männlichkeitskritischen Körperebene fragen, ob der traditionell instrumentelle Blick und Umgang von Männern auf und mit ihren Körpern – diese haben zu funktionieren – von Schulze gebrochen oder eher reproduziert wird.

Es ist also sowohl die Nähe von Mario Schulze zu einer rechtsextremen  Subkultur als auch seine spezifische Tätigkeit als Kickboxer, mit der er einen männlichkeitskritischen Blick nicht erkennen läßt. Dies lässt ihn nach unseren Standards geschlechterreflektierender  Präventionsarbeit gegenwärtig nicht für eine pädagogische Tätigkeit geeignet erscheinen. Aus unserer Sicht ist es angesichts der angeführten Argumente unverantwortlich, dass Manne e.V, Mario Schulze  weiter als Pädagoge beschäftigt und in der direkten Arbeit mit männlichen, rechtsextrem orientierten Jugendlichen belässt.

Stellungnahme der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ zum Download

Foto: naufragoenlasopa (CC BY-NC-ND 2.0)

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