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ZGO 2019

#FridaysForFuture – Kinder fordern ihre Rechte als Teil einer digitalen Zivilgesellschaft

Christina Dinar (debate, Amadeu Antonio Stiftung) ©MaxThrelfall

Diese Rede wurde gehalten von Christina Dinar auf der Tagung Zivilgesellschaft Online 2019 – Under Pressure am 12. April 2019.

Als am 14. Dezember die Klimaaktivistin Greta Thunberg den ersten weltweiten Schulstreik auf Social Media aufrief, nachdem sie auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz keine wirkliche Erreichung der Klimaziele sah, waren auch die Fridays for Future (Freitage für die Zukunft) in Deutschland geboren. Greta rief junge Menschen auf, sich während der Schulzeit vor Parlamente und Rathäuser zu stellen und für den echten Wandel der Klimapolitik einzusetzen.

Der Schulstreik stellt sich gegen das Versagen der politisch Verantwortlichen gegenüber dem menschengemachten Klimawandel. Der Streik ist dabei ist nicht auf die Institutionen Schule gerichtet (und auch nicht an sie), sondern möchte politisch Handelnde direkt an jedem Freitag ermahnen, dass Klimaziele nicht eingehalten werden und Politik in der Umsetzung nicht funktioniert.

Der Klimawandel wird als „Bedrohung für die Erde und die Menschheit“ gesehen und vor allem für die Zukunft junger und nachfolgender Generationen – hier liegt das Anliegen vieler junger Menschen.

Der Slogan, den Greta Thunberg einbringt und der wenig später weltweit immer wieder auf Plakaten zu finden ist, lautet: „Warum soll ich für eine Zukunft lernen, die es bald nicht mehr gibt und für die niemand etwas tut, um sie zu schützen?“ – mit Niemand sind vor allem die politischen Entscheider*innen gemeint. Die Klimafrage ist eine zutiefst soziale und gesellschaftliche Frage und sie ist eine Frage von Kinderrechten – nach ihrer Beteiligung an der Gestaltung von Politik in ihrem Sinne.

Greta Thunberg hatte sich bereits im August 2018 in Stockholm mit ihrem Schild Skolstrejk för klimatet– das bis heute starke Bilder produziert und mit dem sie immer noch auf die Demonstrationen geht – vor das schwedische Parlament gesetzt. Sie began allein zu demonstrieren. In ihrem Facebookpost beschreibt sie das ihre ersten Erfahrungen:

On the 20th of August I sat down outside the Swedish Parliament. I handed out fliers with a long list of facts about the climate crisis and explanations on why I was striking. The first thing I did was to post on Twitter and Instagram what I was doing and it soon went viral. Then journalists and newspapers started to come…

In Deutschland wird seit Dezember unter #FridaysForFuture demonstriert. Ab Januar finden deutschlandweit in über 50 Städten kleinere Demos statt, mit Teilnehmer*innenzahlen von unter einhundert bis zu mehreren tausend u.a. in Bonn, Hamburg und Freiburg. Am 25. Januar wird der Kreis von streikenden Schüler*innen zum Zentralstreik in Berlin erheblich erweitert. Die Demo formierte sich mit mehr als zehntausend Jugendlichen am Bundeswirtschaftsministerium in der Invalidenstraße. Einen Tag zuvor durfte Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum in Davos sprechen und richtete sich mit deutlichen Worten an die mächtigen Entscheidungsträger*innen: „Ich möchte, dass ihr in Panik geratet.“

Der Zentralstreik am 25. Januar richtet sich insbesondere an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier endlich den lang geforderten Kohleausstieg zu schaffen, die Kohlekommission tagt in Berlin. Altmaier wird an diesem Tag zur Demo gehen und will „mit den Jugendlichen sprechen“. Doch Bilder, die den Politiker im netten Dialog mit der politischen Jugend zeigen, entstehen an dem Tag nicht – obwohl er einige Jugendliche morgens in das Ministerium eingeladen hatte. Auf der Demo wird Altmaier ausgebuht und von der Bühne schallt es: „Wir wollen nicht, dass er redet, sondern dass er handelt, und das geht am besten im Ministerium.“ An diesem Tag wird der Kohleausstieg für 2038 beschlossen. Viele Medien geben aber dem Unmut darüber Raum und berichten über die bunte, hüpfende und eigensinnige Demonstration: „2038 Kohleausstieg reicht uns nicht! Wir werden weiterdemonstrieren“ und „Herr Altmaier hat uns nicht verstanden“. Unter dem Hashtag #FridaysForFuture finden sich unzählige Beiträge von weiteren kleinen Demos, unter anderen an regionalen Bahnhöfen. Das Hashtag #FridaysForFuture trendet deutschlandweit und bekommt viel Aufmerksamkeit – aber auch viele abwertende Postings.

Schon Greta Thunbergs Auftritt in Davos hat zu vielen hasserfüllten Botschaften geführt, ihr wird vorgeworfen der Protest sei „gesteuert“; auf ihrer Seite schreibt sie eine Klarstellung. Zwei Hamburger Schüler*innen stellen zur Unterstützung eine Petition ins Netz, die sie an die „stille Mehrheit“ adressieren: #WeLOVEGreta erhält 80.000 Unterschriften. Dazu gibt es viele einzelne Accounts, die sich für das Engagement nicht nur von Greta, sondern auch von den #FridaysForFuture Demonstrierenden und das Anliegen der Jugendlichen stark machen – ebenso gibt es öffentlichen Widerspruch, wenn auch im Kleineren auf Twitter. Und vielleicht ist es auch gut. Denn was nach der Intervention mit Peter Altmaier seitens der von den demonstrierenden Jugendlichen als die in der Verantwortung gesehenen Politiker*innen passiert, ist für die Kinder und Jugendliche, die auf ihr Recht zur Beteiligung an der Debatte pochen, leider ein Trauerspiel.

Anstatt die politischen Anliegen von Jugendlichen ernst zu nehmen, werden Stellvertreterdiskussionen geführt: Zunächst geht es um die Schulpflicht, die mit den Freitagsstreiks unterlaufen wird. Diese Diskussion rückt in den Vordergrund, diverse Politiker*innen äußern sich negativ dazu, verdecken damit aber vor allem die Anliegen der Jugendlichen.

Dass die Schulpflicht besteht möchte auch ich hier nicht anzweifeln – aber im Kontext der Debatte geht es auch um eine Pflicht, die Politiker*innen offensichtlich wenig erfüllen – das ernst nehmen der Forderungen nach Gehör und Beteiligung von Jugendlichen, für deren Sicherheit und Zukunft sie auch verantwortlich sind.

Die Anerkennungspflicht gilt auch gegenüber den Fakten der Wissenschaft, die seit Jahren bekannt sind. Um Harald Lesch zu zitieren: „Die Jugendlichen sind die einzigen, die die Wissenschaft und ihrer Warnhinweise wirklich ernst nehmen“ – die Politik tut dies schlechterdings nicht.

Die Jugendlichen haben sich die Wissenschaft als Verbündeten gesucht und mit Scientists for Future haben sich über 23.000 Wissenschaftler*innen mit der Bewegung solidarisiert. Und auch Eltern unterstützen den Schulstreik ihrer Kinder mit Parents for Future.

Eine zivilgesellschaftliche Bewegung fordert ihre Rechte –Kinder und Jugendliche fordern Schutz, Information, Partizipation und den Zugang zu Ressourcen. Am 15. Februar 2019 gibt es in Deutschland 155 Ortsgruppen, über 30.000 Schüler*innen, Studierende und Auszubildende nehmen an den Demonstrationen teil, davon 3000 in Hannover und 1000 in Berlin. Am 15. März sind es deutschlandweit mehr als 300.000 Demonstrierende. Es ist Aufgabe der Politik Lösungen anzubieten und umso unverständlicher, dass einige Wochen später Politiker*innen von den Demonstrierenden fordern, nun mal selbst Lösungsvorschläge zu liefern. Obwohl Protest nicht dazu verpflichtet, Lösungen zu bieten, konkretisiert die Bewegung am letzten Montag ihre Forderungen weiter.

Und während die heutige Demonstration vermutlich gerade ausläuft, bleiben die Jugendlichen dran. Es ist nicht ihre Aufgabe Lösungen für ein gesellschaftliches Problem anzubieten, das sie selbst nicht verursacht haben. Vielmehr fordern sie, was selbstverständlich sein sollte, wenn wir Kinderrechte als Teil einer Zivilgesellschaft verstehen: ihre Anliegen ernst zu nehmen und sie miteinzubeziehen. Denn ihr Denken und ihre Forderungen, die sie ernst genommen wissen wollen, sind der Zukunft aller zugewandt und unterscheiden sich stark von denen besorgter Bürger, die vielleicht von mancher Politik zu ernst genommen wurden in ihrer Angst, sie müssten nicht den Planeten, aber ihr Land mit Geflüchteten teilen.

In Zeiten, in denen sich die digitale Zivilgesellschaft im Anblick des erstarkenden Rechtsextremismus und Rechtspopulismus auf Social Media mit viel Hass konfrontiert sieht, ist Fridays for Future vielleicht ein positives Beispiel. Ohne Social Media würde Greta Thunberg vielleicht immer noch mit ihrem Schild vorm schwedischen Parlament hocken und es gäbe keine weltweite Anknüpfung an diesen Schulstreik. Ohne Twitter und Facebook hätte diese schnelle Vernetzung nie stattgefunden. Das gilt auch für die Selbstorganisation und Mobilisierung der Schüler*innen untereinander. Hier haben vor allem Messengerdienste und Massenchatprogramme, das sogenannte Dark Social – die Kommunikation in geschlossenen, halböffentlichen Räumen – eine große Rolle gespielt.

Ohne diese hätte sich Fridays for Future nicht in so kurzer Zeit von einer kleinen Gruppe hin zu einer großen Bewegung entwickeln können – Massenmedien können die Organisation einer breiten, auch digitalen Zivilgesellschaft über Ländergrenzen hinweg befördern, um demokratische und insbesondere Kinderrechte auf Schutz zu fordern.

Wie damit umgegangen wird, sollte nicht einer offensichtlich überforderten Politik – die gerne auch mal twittert – überlassen werden, sondern vielmehr die Frage auch an uns in der digitalen Welt sein: Wie gehen wir mit diesen Forderungen um und wie unterstützen wir sie? Wie können wir Kinder und Jugendliche, die als Teil einer digitalen Zivilgesellschaft ihre Rechte fordern, ernst nehmen und sie gelichberechtige als Teil einer digitalen Zivilgesellschaft sehen? Was können wir als Pädagog*innen tun, dieses Anliegen zu unterstützen? Und: Welche Form von Medienbildung braucht es vielleicht auch – oder insbesondere für Erwachsene? Und braucht es nicht auch eine Politik, die sich und ihre „erwachsenen“ Anliegen kleiner macht und die von Jugendlichen größer?

Liebe Kinder, liebe Jugendliche, liebe Erwachsene – ich danke für das Zuhören.

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