Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Gute Nachrichten

Geförderte Projekte 2020: Umdenken statt Querdenken

Festival of Resilience. Copyright: Debi Simon

Von Vanessa Reichert und Charlotte Sauerland

Ein herausforderndes Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir wurden erschüttert von dem rassistischen Terroranschlag in Hanau und dem Mord an George Floyd. Wir waren fassungslos angesichts unverblümt geäußerter und nonchalant tolerierter antisemitischer Verschwörungserzählungen auf den sogenannten Hygienedemos. Nicht zuletzt setzte uns die Covid-19 Pandemie zu – organisatorisch und zwischenmenschlich aber auch hinsichtlich der sichtbaren Verschärfung von Benachteiligungen ohnehin schon diskriminierter Gruppen.

Mut machten uns knapp 120 tolle Projekte, die wir unterstützen durften. Wir sind begeistert von dem unermüdlichen Engagement der meist ehrenamtlich durchgeführten Projekte und beeindruckt vom schnellen Umdenken der Initiativen, die mit der aktuellen Situation kreativ umgehen und sich neue, Corona-konforme Formate überlegen. So können tolle Projekte gefördert werden, die digital oder mit ausgefeiltem Hygienekonzept antreten, um ein wichtiges Zeichen für eine demokratische Zivilgesellschaft zu setzen. Einige von ihnen stellen wir hier vor.

Freiräume schaffen gegen rechtsextreme Landnahme

So positionierten sich im September die Jugendlichen beim Jugendcamp „Razzepazzepuff“ in Riesa mit Konzerten, Workshops und Graffiti-Aktionen gegen Ausgrenzung und für Toleranz. Denn in der ländlichen Region in und um Riesa finden immer wieder NPD- und AfD-Kundgebungen statt. Mit dem Festival haben die Engagierten sich und den Jugendlichen in ihrer Region Freiräume geschaffen, um sich auszuprobieren und für ein respektvolles Miteinander einzustehen. Doch auch ältere Menschen sind aktiv: Die „Omas gegen Rechts“ aus Gießen machen sich mit Webinaren zu digitalen Medien und zu Hate Speech fit, um ihr Engagement von der Straße auch ins Netz auszuweiten und Hass im Netz etwas entgegenzusetzen.

In Zeiten, in denen geschichtsrevisionistische Thesen auf die Straße und in die Parlamente getragen werden, sind Projekte gegen das Vergessen überlebensnotwendig für eine funktionierende Demokratie. Das Projekt „1000 Buchen“ erinnerte deswegen zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald an die hier stattfindenden Todesmärsche und die Ermordung von Menschen mit Behinderung. Hierfür hat das Projekt nicht nur wertvolle Informationen in einer Publikation bereitgestellt. Vielmehr wurden zahlreiche Baumpatenschaften geschlossen und 1000 Buchen im Gedenken an die Opfer gepflanzt.

In Duisburg fordert die Initiative DU 1984 couragiert und hartnäckig die Erinnerung an den Brandanschlag in Duisburg im Jahr 1984, bei dem sieben Menschen starben. Obwohl in dem niedergebrannten Wohnhaus ausschließlich Menschen mit Migrationsgeschichte lebten und man rechtsextreme Schmierereien am Tatort fand, wurde der Anschlag bis heute nicht als rechtsextrem motiviert anerkannt.

Der allgegenwärtige Antisemitismus, verschwörungsideologische „Querdenker-Demos“ und der Terroranschlag in Halle: Jüdinnen* und Juden spielen immer häufiger mit dem Gedanken nach Israel auszuwandern. Der von der Amadeu Antonio Stiftung geförderte Dokumentarfilm „Danach ist Dein Leben Deins“, der kommendes Jahr in Deutschland, Israel sowie international auf Festivals, in Schulen und in Museen gezeigt wird, thematisiert die Perspektive deutsch-jüdischer Frauen auf ihre Alija – die Auswanderung nach Israel.

Stellung beziehen gegen Antisemitismus

Das Engagement der Schüler*innen der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg ist ein beeindruckendes Beispiel für den Kampf gegen Antisemitismus. Schon lange setzt sich die Schule gegen Antisemitismus ein, und auch im Jahr 2021 werden die Schüler*innen sich hiermit befassen und das Tagebuch der Anne Frank zur Aufklärung lesen. Begleitend wird im kommenden Februar die multimediale Ausstellung ,,Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte‘‘ des Anne Frank Zentrums gezeigt, durch welche die Schüler*innen selbst führen. Die Ausstellung wird auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Im Sinne einer inklusiven Zivilgesellschaft erarbeitet die feministische Migrant*innenorganisation Tutmonde e.V. gemeinsam mit Lola für Demokratie e.V. eine Publikation, die migrantische und nicht-migrantische Frauen in Mecklenburg-Vorpommern porträtiert und die Vielfalt ihrer Lebensrealitäten sichtbar macht. Auch das von uns unterstützte migrantische Komitee „Kommit“ im Landkreis Bautzen fordert eine Zivilgesellschaft ein, in der migrantische Organisationen eine aktive Rolle einnehmen können. Die Gründerin Hamida Taamiri betont: „Uns ist es wichtig, auch Netzwerke zwischen Migrant*innen aus der Stadt und dem Landkreis Bautzen zu stärken, denn im ländlichen Raum ist vieles schwieriger.“ Dank Kommit können die örtlichen Migrant*innenorganisationen sich jetzt gemeinsam mit ihren nicht-migrantischen Verbündeten austauschen und gemeinsam wirken.

Auch für Schwarze Menschen und People of Color im Südwesten Deutschlands gibt es kaum Anlaufstellen, um über ihre Rassismuserfahrungen zu sprechen. „Empowerment! KA“ aus Karlsruhe bietet in der Region rund um Mannheim, Heidelberg und Freiburg jetzt Raum für diesen Dialog und bestärkt Betroffene in Workshops darin, ihre persönlichen Ziele trotz Rassismuserfahrungen zu verfolgen.

Für die Mehrheitsgesellschaft mögen die Anschläge von Halle und Hanau schon in den Hintergrund gerückt sein, doch die Überlebenden und Angehörigen sowie die betroffenen Communities müssen jeden Tag mit den traumatischen Erinnerungen umgehen. Um sich gegenseitig zu stärke und gemeinsam politische Konsequenzen zu fordern, schlossen sich nach dem rassistischen Terroranschlag in Hanau im Februar 2020 Engagierte zu der „Initiative 19. Februar Hanau“ zusammen und eröffneten eine Anlaufstelle, die als Gedenkort und Ort der Solidarität für die Betroffenen fungiert. Auch das „Festival of Resilience“, rund ein Jahr nach dem antisemitischen Terroranschlag in Halle, diente dem Gedenken. Hier konnten die Überlebenden des Anschlags gemeinsam gestärkt die Feiertage um Yom Kippur begehen, sich mit den Betroffenen anderer Anschläge wie Hanau oder Mölln vernetzen und ein vereint starkes Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus setzen.

Herzlichen Dank!

Die Förderung all dieser großartigen Projekte gelang uns auch Dank verschiedener Kooperationen wie beispielsweise unserer langjährigen Aktion „MUT gegen rechte Gewalt“ mit der Stiftung Stern – Hilfe für Menschen e.V. Vor allem ermöglichten die Unterstützung durch Campact, die Kampagne „Melting Pott“ mit Ben & Jerry´s und dem FC St. Pauli sowie die Förderinitiative „Engagierte stärken! Ostdeutschland für demokratische Kultur“ zusammen mit den Open Society Foundations zahlreiche Förderungen. Und nicht nur das: Jeden Tag erreichen uns Spenden von Privatpersonen, die uns ermutigen weiterzumachen und ermöglichen, Engagierte vor Ort zu unterstützen. Für diese Unterstützung bedanken wir uns ganz herzlich!

Damit wir unsere Arbeit fortsetzen und weiterhin Engagierte und ihre vielfältigen Ideen für eine demokratische Zivilgesellschaft unterstützen können, freuen wir uns über Ihre Spenden!

Weiterlesen

DSC08474_klein

Für Rechtsextreme keine Chance

Ländlich gelegen, wenige Einwohner*innen und kaum junge Menschen – oft sind es diese Orte, an denen rechtsextreme Strukturen sich verfestigen.…

Mitmachen stärkt Demokratie

Engagieren Sie sich mit einer Spende oder Zustiftung!

Neben einer Menge Mut und langem Atem brauchen die Aktiven eine verlässliche Finanzierung ihrer Projekte. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Arbeit der Stiftung für Demokratie und Gleichwertigkeit.