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Gefördertes Projekt

Geschichte auf Schritt und Tritt: Audiowalk und Reader über das KZ Oranienburg

Mitten in der Stadt von Oranienburg errichteten die Nationalsozialist*innen schon im Jahr 1933 ein Konzentrationslager. In der Stadtgesellschaft ist das nur zum Teil bekannt. Eine Bürger*inneninitiative und zwei Audiokünstlerinnen wollen das ändern und einen permanenten Gedenkort schaffen. Mit einem Audiowalk und einem begleitenden Reader machen sie verschiedene Perspektiven sichtbar und bearbeiten Themen wie die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Oranienburg, rechte Gewalt in den 1990er Jahren und das Leben in Oranienburg heute. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert das Projekt.

von Sabrina Struckmeyer und Charlotte Sauerland

Ein Konzentrationslager mitten in der Stadt

In der Berliner Straße zwischen einem Supermarkt und einem Wohnviertel liegt eine Brachfläche, eingezäunt und zugewachsen. An diesem Ort befand sich von März 1933 bis Juli 1934 ein nationalsozialistisches Konzentrationslager. Hier wurden politische Gegner*innen der Nationalsozialist*innen inhaftiert, viele von ihnen aus Oranienburg und Umgebung. Heute erinnert nicht mehr viel daran, dass hier 3000 Häftlinge von der SA erniedrigt, gedemütigt und misshandelt wurden. Eine verwitterte Mauer ist noch erhalten. Eine Gedenktafel und eine Stele erinnern an die Existenz des Lagers. Außerdem wird des anarchistischen Dichters Erich Mühsam gedacht, der im KZ Oranienburg ermordet wurde. Der Gedenkort wirkt unscheinbar, es fällt nicht schwer, vorbeizugehen und ihn nicht zu beachten. Eine Bürger*inneninitiative will das ändern. Henning Schluss vom Evangelischen Bildungswerk Oranienburg hat die Initiative vor ein paar Jahren mitgegründet. Er ist 53 Jahre alt und zu DDR-Zeiten in Halle und Dessau aufgewachsen. Seit 2004 lebt er in Oranienburg, nahe der Gedenkstätte Sachsenhausen. „Geschichte begleitet uns hier auf Schritt und Tritt. Und egal, wo man in Deutschland hinzieht: man trifft ja überall auf diese Vergangenheit, wenn man ein bisschen gräbt.“

Henning Schluss und die anderen Engagierten wollen, dass es einen würdigen, sichtbaren Gedenkort für das frühe Lager gibt und sie wollen bei der Gestaltung mitwirken. Sie beauftragten die Audiokünstlerinnen Frederike Moormann und Paulina Rübenstahl, einen Audiowalk über die Geschichte des Lagers zu gestalten. Mit einem Audiogerät aus der Touristeninformation oder mit dem eigenen Smartphone bestückt beginnt der Audiowalk am ansehnlichen Oranienburger Barockschloss. Die Straße, auf der das Lager sich befand, geht vom Schloss ab und liegt nur einige hundert Meter entfernt. Mit dem Audiowalk soll die Erinnerung, dass hier ein Konzentrationslager war, mehr ins Gedächtnis der Stadtgesellschaft geholt werden. Denn das Lager war Teil der Stadt. Es befand sich schon damals neben einem Wohnviertel, nah an einer Kirche und dem Amtsgericht – gut sichtbar für Anwohner*innen und Passant*innen.

Die Existenz der sogenannten “frühen” Lager, die direkt nach der Machtübernahme der Nazis überall im Deutschen Reich errichtet wurden, wurde nicht geheim gehalten, im Gegenteil. Im KZ Oranienburg entstand ein Propagandafilm über das Leben der Häftlinge im Lager. Der Film wurde in Kinos gezeigt und vermittelte einerseits ein  geschöntes Bild der Bedingungen im KZ. Gleichzeitig sollte die Bevölkerung abgeschreckt werden. Im Audiowalk werden die Hörer*innen immer wieder aufgefordert, sich gedanklich in die Zeit des Nationalsozialismus zu versetzen. Eine Station des Audiowalks ist auch das Oranienburger Kino. Es befand sich schon damals in unmittelbarer Nähe des Lagers. Auch dort wurde der Propagandafilm gezeigt.

„Das frühe Lager in Oranienburg wird häufig mit dem KZ Sachsenhausen verwechselt.“, erzählt Frederike Moormann, eine der beiden Autorinnen des Audiowalks. Einer breiteren Öffentlichkeit ist es nicht bewusst, dass vor dem Konzentrationslager Sachsenhausen, das von 1936 bis 1945 von der SS betrieben wurde, von 1933 bis 1934 ein KZ direkt in der Stadt existierte. Paulina Rübenstahl , die zweite Audiokünstlerin, wuchs nahe Oranienburg auf. Sie ist 26 Jahre alt und besuchte in Oranienburg die weiterführende Schule. Der Fokus während ihrer Schulzeit lag auf der Aufklärung über das KZ Sachsenhausen. Über das KZ im Herzen der Innenstadt wusste sie quasi nichts, bis sie begann, sich für das Audiowalk-Projekt damit auseinanderzusetzen.

Das Erbe rechter Gewalt in Oranienburg      

Der Audiowalk bleibt jedoch nicht in der Vergangenheit stehen. „Es war uns schnell klar, dass wir mit dem Audiowalk nicht nur einen historischen Schwerpunkt auf 1933 legen wollten. Wir müssen uns auch mit der Wirkungsgeschichte auseinandersetzen.“ erklärt Frederike Moormann. Dass menschenfeindliche Ideologien und rechte Gewalt bis heute in Oranienburg existieren, ist deshalb auch ein Teil des Audiowalks, den die Engagierten gestaltet haben. In den 80er Jahren in der DDR war eine organisierte Neonaziszene im damaligen Kreis Oranienburg aktiv. Eine der größten, gewalttätigen Aktionen war ein Angriff auf eine Gaststätte im Jahr 1987 in Velten. Aufbauend auf den in der DDR gebildeten rechtsextremen Strukturen agitierte eine straff organisierte Neonaziszene in den 90ern in Oranienburg und Umgebung. Auch rechte Jugendcliquen verübten Angriffe auf Migrant*innen, Linke und Punks und alle, die nicht in ihr Weltbild passen. Auch Gedenkstätten wurden angegriffen. So verübten Neonazis im Jahr 1992 einen antisemitischen Brandanschlag auf Baracken des ehemaligen KZ Sachsenhausen, in denen vor allem jüdische Häftlinge inhaftiert gewesen waren. Politik und Gesellschaft bagatellisieren die massive rechte Gewalt zu der Zeit häufig als Konflikte zwischen rivalisierenden Jugendbanden oder zwischen vermeintlichen “Ausländern” und Deutschen.

Auch die Polizei spielte im Brandenburg der 1990er und frühen 2000er Jahre oft keine rühmliche Rolle bei Fällen rechter Gewalt. Rechtsextrem motivierte Taten wurden häufig nicht als solche erkannt, die Polizei kam oft zu spät nach rechten Angriffen oder griff nicht ein, wie im Fall des in Eberswalde ermordeten Amadeu Antonio. In Oranienburg traten sechs Neonazis im Jahr 2003 in der Berliner Straße einen Mann mit Migrationsgeschichte von seinem Fahrrad. Dutzende Anwohner*innen verfolgten den Tathergang, der Mann selbst klopfte bei der Polizei – niemand öffnete. Die Polizei verließ erst nach mehreren Telefonaten seitens der Frau des Betroffenen die Wache. Anschließend wurde der Täter nicht verhaftet, sondern mit Handschlag begrüßt. Es wirkt auf traurige Art und Weise kaum überraschend, dass der Fall nie aktenkundig wurde. Die besagte Polizeiwache befand sich bis Mitte der 00er Jahre auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Was es bedeutet, als Sicherheitsorgan eines demokratischen Staates das Gelände eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers zu nutzen und welche Verantwortung damit einhergeht, wurde in Oranienburg nicht nur anlässlich des geplanten Wohnheims diskutiert. Auch durch die Nutzung der ehemaligen SS-Ausbildungsbaracken in Sachsenhausen durch die Polizeihochschule ist das Thema präsent. Mittlerweile setzt sich die Polizei in Oranienburg auch mit der Rolle der Polizei während des Nationalsozialismus und mit dem Ort des Konzentrationslagers auseinander, erzählt Henning Schluss.

Wie lebt es sich heute in Oranienburg?

In Oranienburg leben Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Lebenserfahrungen: neuzugezogene und alteingesessenen Oranienburger*innen, Mitglieder der im Jahr 2000 neu gegründeten jüdischen Gemeinde, Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung und viele mehr. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Leben und die Erinnerungskultur in Oranienburg und auf den Gedenkort für das frühe Lager können im begleitenden Reader zum Audiowalk nachgelesen werden. Gemeinsam ist den meisten Befragten, dass die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in Oranienburg sie nicht unberührt lässt. Mit dem Audiowalk, dem Reader und der Forderung nach einem permanenten zukünftigen Gedenkort wollen die Audiokünstler*innen und die Bürger*inneninitiative erreichen, dass die Auseinandersetzung auch in Zukunft weitergeht.

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