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Aktionswochen gegen Antisemitismus

Interview mit Ron Dekel: Entwicklungen von Antisemitismus an Hochschulen in Deutschland

Für jüdische Studierende hat sich der Alltag an Universitäten und Hochschulen stark verändert. Seit dem 7. Oktober 2023 ist eine Zäsur zu spüren, Antisemitismus ist omnipräsent.

Die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus sprachen mit Ron Dekel, dem Vorstand der jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) am 27. Mai 2026 über die Entwicklungen von Antisemitismus an Hochschulen in Deutschland, über Erfahrungen von jüdischen Studierenden und von dem Forderungskatalog der JSUD, welcher klar formuliert, was sich verändern muss.

Anlässlich des Wintersemesters an deutschen Hochschulen starteten die 23. Aktionswochen gegen Antisemitismus mit der Kampagne „Für einen Campus ohne Judenhass“.

Wie erleben jüdische Studierende die Situation an deutschen Hochschulen seit dem 7. Oktober?

Dramatisch. Es ist weiterhin nicht möglich an deutschen Universitäten zu studieren, ohne Antisemitismus zu erfahren. Viele Menschen haben seit dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas den Eindruck, dass damit auch der Antisemitismus an Hochschulen zurückgegangen sei. Das ist aber nicht der Fall. Die antisemitischen Veranstaltungen an Universitäten sind geblieben, ebenso die Protestcamps und Schmierereien. Man muss teilweise an Camps vorbeigehen, um überhaupt in die Universität zu kommen. Auf Toiletten oder an Hausfassaden stehen antisemitische Parolen und Mordaufrufe.

Hat sich nichts verändert?

Doch, die Offenheit des Hasses. Am Anfang war vieles stärker codiert, der Judenhass versteckte sich in Form von israelbezogenem Antisemitismus oder Antizionismus. Mittlerweile fällt diese Codierung zunehmend weg. Statt indirekter Formulierungen liest man direkte Gewaltaufrufe gegen Juden. Dazu kommt eine neue Sichtbarkeit klassischer antisemitischer Narrative – etwa talmudischer Antisemitismus oder Verschwörungserzählungen. Talmudstellen werden absichtlich verzerrt interpretiert, Begriffe wie „Goy“ antisemitisch aufgeladen.

Wie wirkt sich das konkret auf den Studienalltag aus?

Es betrifft den gesamten Alltag. Von den Schmierereien geht man direkt in Vorlesungen oder Seminare, in denen mit aller Gewalt versucht wird, jede Theorie auf den Nahen Osten zu beziehen, um Israel zu dämonisieren oder zu delegitimieren.

Jüdischen Studierenden wurde das Privileg genommen, an der Universität abschalten zu können. Während andere die letzte EM entspannt in der Vorlesung verfolgten, leben jüdische Studierende in permanenter Anspannung: stets darauf gefasst, wo der nächste antisemitische Vorfall sie treffen könnte.

Viele verstecken ihre jüdische Identität. Davidsterne werden verborgen getragen. Seminare werden danach ausgewählt, wo man sich sicher fühlt. Manche Fakultäten meiden jüdische Studierende komplett. Es gibt Fakultäten an großen deutschen Universitäten, die faktisch „judenrein“ geworden sind, nicht, weil alle ihren Abschluss gemacht hätten, sondern weil sie gesagt haben: „Ich kann hier nicht weiter studieren.“ Immer mehr jüdische Studierende entscheiden sich gegen ein Studium in Deutschland oder gehen ins Ausland.

Das hört sich so an, als ob sich die Situation seit dem 7. Oktober gar nicht mehr verbessert hat?

Ich würde sogar sagen: Sie hat sich verschlimmert. Sicher, die Berichte darüber werden weniger, was auch am Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas liegt. Die Mehrheitsgesellschaft ist so auf diesen Konflikt fokussiert, dass sie den Antisemitismus in Deutschland außer Acht lässt. Dabei ist klar zu erkennen, dass der Antisemitismus, der heute herrscht, ein Gelegenheitsantisemitsmus ist. Der 7. Oktober wurde zum Anlass genommen, um Antisemitismus zu verbreiten. In einem Ausmaß, das so vorher nicht möglich gewesen wäre. Das zeigt sich doch zum Beispiel daran, dass die antisemitischen Vorfälle an dem Tag ansteigen, noch bevor der Gazakrieg begann.

Heute ist vieles sagbar geworden, was früher zumindest noch umschrieben wurde. Aus „Zionisten“ wurde mittlerweile „Juden“. Begriffe wie „Intifada“ sind inzwischen vollkommen normalisiert. Die roten Dreiecke sieht man überall. Diese Enthemmung geht mit einem massiven Gewöhnungseffekt einher: sowohl gesellschaftlich als auch innerhalb der jüdischen Community. Viele Vorfälle werden heute gar nicht mehr berichtet, obwohl sie früher große Aufmerksamkeit bekommen hätten. Das unterstreicht diese Normalisierung.

Kommt es auch zu Gewalt?

Ja, absolut. Ich glaube sogar, dass es mehr Gewaltvorfälle gibt, die aber oft nicht öffentlich werden. Wir haben als JSUD eine Umfrage unter 100 Studierenden gestartet und dabei wurde uns von Vorfällen berichtet, die bislang sonst nirgends auftauchen. Menschen wurden beleidigt, bedroht oder körperlich angegriffen. Die geschilderten antisemitischen Fälle waren teils extrem. Einer Person wurde gesagt: „Aus euren Haaren haben wir damals Teppiche gemacht.“ Eine andere Person wurde gewürgt. Viele dieser Vorfälle sind nie öffentlich geworden. Viele Betroffene machen ihre Erfahrungen nicht öffentlich, weil sie Angst haben, dass die Situation dadurch noch schlimmer wird. Die Dunkelziffer dürfte also hoch sein.

Ihr habt euch im vergangenen Herbst mit einem Forderungskatalog an die Öffentlichkeit gewandt.

Wir hatten das Gefühl, dass Universitäten auch zwei Jahre nach dem 7. Oktober planlos waren oder antisemitische Vorfälle bewusst unter den Teppich gekehrt haben, um negative Berichterstattung zu vermeiden. Deshalb haben wir jüdische Studierende befragt und einen Forderungskatalog mit dem Titel „Wissenschaftsfreiheit verteidigen heißt Antisemitismus bekämpfen“ veröffentlicht. Wir wollten wissen, wie es jüdischen Studierenden an deutschen Hochschulen geht. Besonders erschreckend war, dass über 50 Prozent der Befragten ihrer Hochschule im Umgang mit Antisemitismus die schlechtest mögliche Note gegeben haben.

An vielen Hochschulen gibt es mittlerweile Antisemitismusbeauftragte. Hilft das nicht?

Ich glaube weiterhin, dass Antisemitismusbeauftragte wichtig sein können, wenn sie qualifiziert sind und klare Standards erfüllen. In unserer Umfrage ist jedoch klar geworden, dass viele jüdische Studierende die Rolle des Antisemitismusbeauftragten als negativ einschätzen. Denn das Problem ist, dass viele dieser Stellen symbolisch bleiben. Oft haben die Personen keine Ausbildung dazu oder erkennen israelbezogenen Antisemitismus gar nicht an. Teilweise verschlimmern sie die Situation sogar.

Wir kennen Fälle, in denen jüdische Studierende nach Gesprächen mit solchen Stellen ihre Universität oder sogar ihre Stadt verlassen mussten, weil Informationen falsch weitergegeben oder Adressen veröffentlicht wurden. Deshalb sprechen wir aktuell keine generelle Empfehlung aus, sich an Antisemitismusbeauftragte zu wenden.

Trotz der Probleme bin ich weiterhin der Meinung, dass Antisemitismusbeauftragte eine Schlüsselstelle bilden. Wenn sie gut ausgebildet sind und gewisse Standards erfüllen, dann kann das beim Kampf gegen Antisemitismus an Hochschulen helfen.

Euer Katalog ist mittlerweile ein Jahr alt. Welche Forderungen sind für dich weiterhin besonders wichtig?

Ein großes Problem ist die Lehramtsausbildung. Man kann jahrelang Lehramt studieren, ohne sich jemals verpflichtend mit Antisemitismus oder Rassismus auseinanderzusetzen. Kein Wunder, dass Lehrkräfte mit antisemitischen Vorfällen oft überfordert sind.

Außerdem fehlt an vielen Universitäten jeder Handlungsplan. Obwohl sich die Vorfälle seit zweieinhalb Jahren ähneln – Schmierereien, Besetzungen, Camps, Angriffe –, reagieren Hochschulen immer wie improvisiert. Bei schlimmen Vorfällen setzt sich das Präsidium zusammen und überlegt erst dann, was zu tun ist. Aber das ist viel zu spät.

Euer Forderungskatalog trug die Wissenschaftsfreiheit im Titel.

Manchmal wird uns vorgeworfen, wir wollten Wissenschafts- oder Meinungsfreiheit einschränken. Das Gegenteil ist aber der Fall. Gerade wir als jüdische Studierende wissen, was es bedeutet, wenn Wissenschaftsfreiheit zerstört wird. Aber die Realität ist doch: Jüdische Studierende können aktuell nicht frei studieren. Sie wählen ihre Seminare danach aus, wo sie sicher sind, nicht danach, was sie interessiert. Das ist ein massiver Eingriff in Wissenschafts- und Berufsfreiheit.

Hinzu kommt, dass Jüdinnen*Juden wieder auf gepackten Koffern sitzen und ihre Studienwahl an eine mögliche Auswanderung anpassen. Die Überlegung lautet dann: Jura ist unpraktisch, da man damit nur in Deutschland arbeiten kann, Medizin hingegen sichert eher auch im Ausland einen Job. Das sind mittlerweile alles Dinge, die viele jüdische Studierende wieder berücksichtigen.

Ich war im Mai auf der Jewrovision, der größten jüdischen Jugendveranstaltung Europas, und habe dort mit vielen jungen Menschen gesprochen, die gerade anfangen zu studieren. Da ging es ständig um die Frage: Wo kann man überhaupt noch sicher studieren? Wohin kann man auswandern?

In den Medien geht es meist um den Antisemitismus in den Großstädten. Ist es in kleineren Städten besser?

Nein. Antisemitismus ist kein reines Großstadtproblem. Antisemitismus gibt es an Hochschulen in ganz Deutschland. Teilweise ziehen jüdische Studierende sogar bewusst in größere Städte, weil dort mehr Anonymität herrscht. Viele kleinere Hochschulen kennt man überhaupt erst durch antisemitische Vorfälle. Ein Beispiel hierfür ist ein Vorfall an der Hochschule Rhein-Waal. Eine jüdische AStA-Vorsitzende erhielt dort eine Hass-Nachricht, die „Juden raus aus dem AStA“ gefordert hat. Daraufhin ist sie zurückgetreten.

Gibt es aus deiner Sicht genug Problembewusstsein?

In der Politik gibt es grundsätzlich ein Problembewusstsein, aber es passiert zu wenig.
Viele Maßnahmen werden angekündigt, aber dann nicht umgesetzt oder nicht konsequent verfolgt. Wir haben zum Beispiel gefordert, dass Exmatrikulation in extremen Fällen als Ultima Ratio möglich sein muss. Das wurde von mehreren Bundesländern angekündigt, aber bis heute oft nicht wirklich umgesetzt. Und das ist exemplarisch für vieles: Es gibt politische Einigkeit darüber, dass etwas passieren müsste, aber das Thema steht am Ende nicht weit genug oben auf der Prioritätenliste.

Bei Universitäten ist es ähnlich. Hochschulleitungen würden wahrscheinlich privat einräumen, dass es ein Problem gibt. Öffentlich wird dann aber oft relativiert oder geschwiegen.

Viele Universitäten versuchen vor allem, negative Berichterstattung zu vermeiden. Und ich glaube, das hängt auch mit den Strukturen an Hochschulen zusammen. Universitätsleitungen stehen unter Druck, wiedergewählt zu werden. Egal wie sie sich äußern, sie bekommen Kritik – entweder von der einen oder von der anderen Seite. Deshalb entscheiden sich viele lieber dafür, möglichst wenig zu sagen und Konflikte auszusitzen.
Das sieht man auch daran, dass viele Universitäten bis heute keine klaren Handlungspläne haben, obwohl sich die Vorfälle seit zweieinhalb Jahren wiederholen: Schmierereien, Besetzungen, Camps, Angriffe auf jüdische Studierende. Trotzdem wird oft erst reagiert, wenn etwas eskaliert. Dann setzt sich das Präsidium in einer Krisensitzung zusammen und versucht spontan zu entscheiden, was man jetzt macht.

Welche Rolle spielt die Jüdische Studierendenunion in alledem?

Nach dem 7. Oktober haben wir gemerkt, dass wir viel stärker Community-Arbeit leisten müssen. Viele jüdische Studierende haben Freundschaften verloren und wurden isoliert. Deshalb haben wir unsere Arbeit stärker nach innen fokussiert: Safe Spaces, Seminare, Vernetzung, Empowerment. Wir erleben gerade einen enormen Zulauf. Noch nie hatten wir so große Vollversammlungen oder so viele Teilnehmende bei Veranstaltungen. Teilweise müssen wir Anfragen absagen, weil wir die Kapazitäten gar nicht haben.

Was dabei oft vergessen wird: Für uns ist jede Veranstaltung auch organisatorisch viel aufwendiger geworden. Andere Studierendenorganisationen treffen sich vielleicht einfach in einer Bar. Bei uns kommen inzwischen enorme Sicherheitskosten dazu. Trotzdem versuchen wir, möglichst viele Angebote aufrechtzuerhalten.

Warum ist Sichtbarkeit für euch so wichtig?

Weil jüdisches Leben an Universitäten oft nur im Kontext der Erinnerungskultur vorkommt. Man wird eingeladen, um an den Holocaust zu erinnern – aber aktuelle jüdische Sichtbarkeit ist oft nicht erwünscht. Wir wollen unbequem bleiben und dafür sorgen, dass jüdisches Leben nicht nur in schwarz-weiß, auf historischen Fotos abgebildet wird. Wir wollen auch in Farbe, im Hier und Jetzt sein. Wir wollen nicht nur Erinnerungsfiguren sein, sondern als lebendige jüdische Studierende sichtbar sein.

Wir haben letztes Jahr 60 große Universitäten gefragt, ob sie neben Weihnachtsbäumen auch eine Chanukkia aufstellen würden. Nur zwei haben zugestimmt. Die meisten sagten, sie seien ein „säkularer Raum“, obwohl Weihnachtsbäume überall selbstverständlich sind.

Was treibt dich persönlich an?

Dass jüdische Menschen in Deutschland nicht frei studieren können, ist eine schreiende Ungerechtigkeit.

Ich lasse mich nicht vertreiben. Ich will nicht akzeptieren, dass jüdisches Leben hier wieder infrage gestellt wird. Ich trage die Kippa auch deshalb sichtbar, weil religiöse Juden sonst faktisch aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Natürlich hat das Konsequenzen wie Beleidigungen, Anspucken, Bedrohungen. Aber genau deshalb ist Sichtbarkeit wichtig.

Und ich glaube, das Positive ist: Es gibt gerade eine neue Generation junger jüdischer Menschen, die sich all das nicht gefallen lassen will. Die größte jüdische Campuswoche, die größte Vollversammlung: All das zeigt, dass viele sichtbar bleiben wollen.

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