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Jamel rockt den Förster


Schweigen oder wegziehen? Das kommt für die Lohmeyers nicht in Frage. Zum Trotz gegen die Neonazis in Jamel veranstalten sie das „Jamel rockt den Förster“- Festival für Demokratie und Toleranz. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt sie dabei.

Am Freitag den 5. August startet das Open Air-Festival in die fünfte Runde. Zur Einstimmung bringen zwei Bands aus dem Hamburger Schanzenviertel das Feld um das Forsthaus in Nordwestmecklenburg in Festivallaune. Bis zum Sonntag kann hier zu abwechslungsreicher Rockmusik gesungen, getanzt und gefeiert werden. „Jamel rockt den Förster“ bietet, neben der Livemusik, eine „einzigartige ‚Little Woodstock‘“- Atmosphäre am Waldesrand mit Getränk- und Imbissständen, einem Zeltplatz unter alten Walnussbäumen und der Ostsee in 10 km Entfernung (für die bühnenprogrammfreie Zeit)“, versprechen die Verantwortlichen Birgit und Horst Lohmeyer.

In letzter Minute

„Wir sind schwer am rotieren“, beschreibt Birgit Lohmeyer die aktuelle Stimmung auf dem Forsthof. Letzte Woche ist ihnen die Headliner-Band weggebrochen und sie mussten Ersatz finden. „Wir hatten aber das berühmte Glück im Unglück“, freut sich die Veranstalterin. Die neue Band für das Abendprogramm am Samstag ist „Haudegen“, eine Berliner Rockgruppe, die sich im Moment oft in den deutschen Charts tummelt und eine überregionale Fangemeinde hat. Auch deshalb erwarten die Lohmeyers dieses Jahr mehr Besucherinnen und Besucher als die etwa 200 Gäste in den letzten Jahren. Der Wirkungskreis des Festes für Demokratie und Toleranz ist weit und trifft auf viel Zustimmung. „Trotzdem bekommen wir immer wieder mit, dass Leute Angst haben nach Jamel zu kommen“, erzählt Birgit Lohmeyer.

Negative Schlagzeilen

Angst haben die meisten aus gutem Grund, denn das kleine Dorf ist im Normalfall kein Schauplatz für Demokratie und Toleranz. Vielmehr macht es negative Schlagzeilen mit neonazistischer Gewalt oder Festnahmen, wie der des Anwohners und bekennenden Neonazis Sven Krüger. Der 36-jährige ist Mitglied der NPD und wird von der Landesparteiführung hoch geschätzt. Angeklagt ist er wegen Hehlerei und unerlaubtem Waffenbesitz, was er aus taktischen Gründen vor Gericht auch sofort einräumte. Krüger arbeitete seit Jahren daran, das Dorf an sich zu reißen. Die Anwohnerinnen und Anwohner wurden solange terrorisiert, bis sie aus Angst vor der Gewalt wegzogen und so Platz für Krügers braune Freundinnen und Freunde machten. Im letzten Jahr tauchte er betrunken auf dem Festivalgelände auf und wollte ausdrücklich mit Herr Lohmeyer sprechen. „Mit Frauen spricht der natürlich nicht“, sagt die Veranstalterin. Dass man mit Neonazis schlecht diskutieren kann, haben die Lohmeyers allerdings schon sehr früh gelernt.

Koalitionen mit ansässigen Neonazis

Es gibt nur zehn Häuser in Jamel. In sechs davon wohnen bekennende Neonazis samt ihrer Familien. Bis Februar diesen Jahres wurde man am Ortseingang mit einer messingfarbenen Plakette begrüßt auf der stand: „Dorfgemeinschaft Jamel – frei – sozial – national“. Ein paar Meter weiter stand ein Wegweiser nach Braunau, der Geburtsstadt Adolf Hitlers. Jetzt sind die Schilder zwar verschwunden, doch Jamel ist nach wie vor eine Neonazi-Hochburg. „Der Rest der Dorfbewohnerinnen und -bewohner, die keine Neonazis sind, sieht uns aber dennoch als Außenseiter“, beschreibt Birgit Lohmeyer das Dorfklima. Mit dem Moment, in dem sie das Festival für mehr Demokratie und Toleranz ins Leben gerufen haben, wurden die Lohmeyers von ihren Nachbarinnen und Nachbarn nicht mal mehr gegrüßt. „Wenn uns hier was passieren würde, mit den Nachbarn können wir nicht rechnen“, so die Forsthofbesitzerin. Das Verhalten der Nachbarinnen und Nachbarn erklären sich die Lohmeyers damit, dass die meisten zu große Angst vor der Gewalt und dem Terror der Neonazis haben. Bevor sie sich solidarisieren, bilden sie eher Koalitionen mit den ansässigen Neonazis.

Ständige Provokation

„Keine Angst zu haben wäre auch unklug“, sagt Lohmeyer. Sie selbst allerdings glaubt, dass sie und ihr Mann durch ihre mittlerweile recht weitreichende Prominenz keine großen Attacken von Neonazis erwarten müssen. Zwar wurde ihnen schon eine Fuhre Mist in die Einfahrt gekippt und eine tote Ratte in den Briefkasten geworfen, dies seien jedoch eher Kindereien als ernst zu nehmende Gefahren. Auf dem Festivalgelände selbst haben die Lohmeyers schon eher hautnahe Erfahrungen mit Neonazis gesammelt. Im letzten Jahr schlichen sich zwei Skins auf das Festgelände und versuchten einen Festivalbesucher stark zu provozieren. Als dieser nicht auf das Vorhaben einstieg, verpasste ihm einer der Beiden kurzerhand einen Schlag ins Gesicht, der ihm die Nase brach.

Das „Forstrock Gegenfest“

Die beiden angetrunkenen Männer kamen vermutlich vom „Forstrock Gegenfest“, welches von ortsansässigen Neonazis als Antwort auf das Festival organisiert wird. „Da sitzen dann 30 Kerle am Lagerfeuer und grölen Nazilieder“, beschreibt Lohmeyer die Gegenveranstaltung. Mit kostenlosem Buffet und Lagefeuer versuchen sie sogar Forstrock Festivalgäste anzulocken. Damit das „Jamel rockt den Förster“ Festival dieses Jahr ungestört von statten gehen kann, haben die Lohmeyers eine professionelle Securityfirma engagiert. Die Amadeu Antonio Stiftung freut sich, das mutige Ehepaar unterstützen zu können und wünscht ein gelungenes Festival ohne Neonazis!

Zur Erinnerung: Das Festival steigt vom 5. – 7. August ab 18 Uhr auf dem Forsthof in Jamel. Mit nur 5€ Tageseintritt ein günstiger Spaß zum guten Zweck.

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