Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Jeder ist bei uns willkommen!

© Palanca

Dem Andenken an Amadeu Antonio hat sich der Afrikanische Kulturverein Palanca e.V. in Eberswalde verschrieben. Doch nicht die Trauer steht im Vordergrund: Vielmehr setzt sich der Verein erfolgreich und kreativ für Akzeptanz, Annäherung und Integration ein.

Von Carlotta Voß

Es ist ein kühler und sonniger Novembertag. Augusto Jone Munjunga sitzt in seinem Büro im Kulturverein Palanca e.V. Es ist gemütlich: Ein Sofa lädt zum Sitzen ein, auf dem Tresen stehen Kekse und im Schrank Trommeln fürs gemeinsame Musizieren bereit. Das Telefon klingelt. „Die wollen ein Interview“, sagt Jone Munjunga. „Ich habe in letzter Zeit sehr viele Interviews gegeben, aber ich erzähle immer wieder gerne von meinen Erlebnissen hier in Eberswalde.“

Denn Gehör fand Jone Munjunga nicht immer. Und auch gemütlich war es für ihn hier in Eberswalde nicht immer. Als er mit 22 Jahren gemeinsam mit etwa 100 weiteren Männern als Vertragsarbeiter aus Angola in die DDR kam, wurde er zur Arbeit im örtlichen Schlachthof eingesetzt. „Wir haben viel weniger Geld bekommen als die weißen Vertragsarbeiter“, erinnert er sich. Beschweren konnte er sich darüber bei niemandem. Und auch als sich nach der Wende in Eberswalde immer mehr Rechtsextreme breit machten und Jone Munjunga und seinen Freund*innen das Leben zur Hölle machten, sie bedrohten und angriffen, war da niemand. Niemand, bei dem er sich beschweren konnte, niemand, der seine Sorgen und Ängste ernst nahm, niemand, der sichere Räume für Schwarze Menschen und People of Color in Eberswalde schaffte.

Dabei wäre das bitter nötig gewesen. Nachdem Amadeu Antonio in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 in Eberswalde von einer Gruppe Neonazis ermordet wurde, beschloss Jone Munjunga mit ein paar Freunden, selbst etwas gegen das rassistisch vergiftete Klima in Eberswalde zu tun. Es brauchte einen sicheren Ort, wo sich Schwarze Menschen und PoC ohne Angst treffen konnten. Es brauchte anti-rassistische Bildung. Und vor allem brauchte es eine Institution, die Schwarze Menschen und PoC in Eberswalde unterstützen und zusammenbringen konnte. Und so gründete er im Juni 1994 den afrikanischen Kulturverein Palanca e.V.

Im gesamten Landkreis Barnim setzt sich Palanca e.V. seither aktiv und auf vielseitige Weisen gegen Rassismus ein. Mit vielen verschiedenen kulturellen Workshops, regelmäßigen Computerkursen, aber vor allem auch mit anti-rassistischen Bildungsangeboten an Schulen. Denn wenn junge Menschen durch Begegnung und Bildung Vorurteile abbauen, schöpft Jone Munjunga Hoffnung für eine demokratischere Zukunft: „Ich will, dass sie und auch ihre Kinder ein besseres Leben haben, als wir es hatten“, sagt er.

Für viele hat Jone Munjunga das mit seiner Arbeit bereits erreicht. Im alten Vereinsgebäude von Palanca e.V. fanden Kinder und Jugendliche aus Eberswalde lange Zeit einen sicheren Ort und ein wertschätzendes Miteinander. An Wochenenden kamen sie hier zusammen, um gemeinsam zu tanzen und zu feiern – in einem anti-rassistischen Umfeld. Irgendwann reichte der Platz im Vereinsheim gar nicht mehr aus, so beliebt war der neue Treffpunkt.

Umso größer war dann das Entsetzen, als am 21. März 2000 zwei Jugendliche das Vereinsgebäude in Brand setzten. „Trotz aller Attacken von Nazis waren wir nicht darauf vorbereitet“, erinnert sich Munjunga. Die beiden jugendlichen Täter wurden nicht bestraft, ihnen konnte von der Polizei kein rassistisches Motiv nachgewiesen werden. Ein weiterer Angriff auf Schwarzes Leben in Eberswalde, und wieder fand Munjunga kaum Unterstützung.

Immer wieder wird der Arbeit von Palanca e.V. mit Widerstand begegnet. So scheiterte bisher auch der Versuch, die Eberswalder Straße, in der Amadeu Antonio ermordet wurde, in Amadeu-Antonio-Straße umzubenennen. Ebenso scheiterte der Versuch, Amadeu Antonios Gedenkstein vernünftig zu beleuchten. Viele Bürger*innen von Eberswalde stellen sich dagegen, auch aus rassistischen Beweggründen. Aber Palanca e.V. lässt sich nicht unterkriegen und kämpft weiter für ein bunteres und demokratischeres Eberswalde.

„Wir verstehen uns als Vermittler afrikanischer Kultur. Jeder ist bei uns willkommen, egal ob Schwarz oder weiß“, sagt Munjunga und hat mit Palanca e.V. einen Ort geschaffen an dem endlich alle Menschen in Eberswalde Gehör und einen gemütlichen Platz frei von Rassismus und Gewalt finden können.

 

 

Weiterlesen

writing-1149962_1920
Offener Brief

Die Zivilgesellschaft braucht das Demokratiefördergesetz!

Um vor der abschließenden Sitzung noch einmal deutlich für ein Demokratiefördergesetz zu werben, haben wir uns gemeinsam mit 60 Organisationen an die Bundeskanzlerin und die Mitglieder des Kabinettsausschusses Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus gewandt.

Mitmachen stärkt Demokratie

Engagieren Sie sich mit einer Spende oder Zustiftung!

Neben einer Menge Mut und langem Atem brauchen die Aktiven eine verlässliche Finanzierung ihrer Projekte. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Arbeit der Stiftung für Demokratie und Gleichwertigkeit.