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In eigener Sache

Mario K. aus rechtsextremen und homofeindlichen Motiven ermordet – Chronik der Todesopfer rechter Gewalt umfasst nun 214 Fälle

Die Ermordung von Mario K. am 12. Februar 2020 ist ein weiteres, trauriges Beispiel für die tödlichen Folgen menschenverachtender Ideologien. Die beiden Täter, die der rechtsextremen Szene nahestanden, drangen im thüringischen Altenburg in die Wohnung des 52-Jährigen ein und ermordeten ihn dort kaltblütig. Dem Mord voraus ging, dass Mario K. den beiden Männern ein sexuelles Kontaktangebot gemacht hatte. Diese fühlten sich in ihrer Männlichkeit gekränkt, steigerten sich in ihrem Hass auf Homosexuelle bis zum Gewaltexzess.

Aus ihrer Haltung machten die Täter auch vor Gericht keinen Hehl: Sie verwendeten homofeindliche Begriffe für Mario K., sprachen von einem „Denkzettel“, den sie ihm verpassen wollten und bezichtigten ihn ohne jegliche Grundlage der Pädophilie. Mit diesem Vorwurf bedienten die Täter ein rechtsextremes und homofeindliches Narrativ, mit dem Gewalt bis hin zum Mord gegen Homosexuelle legitimiert wird. Obwohl neben dem Hass auf Homosexuelle kein weiteres Motiv erkennbar ist und den Tätern Verbindungen zur rechtsextremen Szene nachgewiesen werden konnten, erkannte das Gericht den „politischen“, menschenverachtenden Hintergrund der Tat nicht.

Die Notwendigkeit einer zivilgesellschaftlichen Dokumentation rechter Gewalt

Mit der Aufnahme des Mordes an Mario K. steigt die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt auf 214. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentiert Morde aus menschenverachtenden Motiven ab dem Jahr 1990. Diese Dokumentation ist aus verschiedenen Gründen wichtig:

Einerseits resultiert gesellschaftliches und staatliches Handeln im Bereich der Hassgewalt ganz praktisch daraus, wie das Problem wahrgenommen wird. Gerade staatliche Behörden beziehen sich in ihren Maßnahmen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Menschenhass regelmäßig auf die Statistiken zu „politisch motivierter (Gewalt-)Kriminalität –rechts“, wie es im Jargon der Ermittlungsbehörden heißt.

Um das Ausmaß rechter Gewalt angemessen einschätzen zu können, ist eine Dokumentation notwendig, die möglichst nah an die Realität kommt – das gilt sowohl für Körperverletzungsdelikte und Bedrohungen, als auch für Tötungsdelikte. Die staatlichen Statistiken zu rechter Gewalt unterliegen jedoch verschiedenen Verzerrungen, die teilweise aus strukturellen Defiziten resultieren. Viele Beamt:innen sind noch immer nicht ausreichend sensibilisiert für Rechtsextremismus und menschenfeindliche Ideologien, erkennen diese nicht oder haben nicht das notwendige Problembewusstsein.

Um den staatlichen Behörden die Dokumentation von rechten Gewalttaten und damit die Deutungshoheit über das Ausmaß des Problems nicht zu überlassen, sind zivilgesellschaftliche Institutionen dazu übergegangen, eigene Dokumentationen und Zählungen vorzunehmen. So veröffentlicht der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) bspw. jährlich eigene Zahlen zum Ausmaß rechter Gewalttaten in Deutschland. Die Amadeu Antonio Stiftung hingegen dokumentiert – genau wie ein Langzeitrechercheprojekt von Zeit Online und dem Tagesspiegel – Morde aus rechten, menschenverachtenden Motiven. Um eine Vergleichbarkeit zwischen den Zahlen zu ermöglichen und die Einordnung objektiv nachvollziehbar zu machen, hat die Amadeu Antonio Stiftung ihre Kriterien zur Einordnung einer Tat als „rechtsmotiviert“ an die staatlichen Kriterien angelehnt. Diese Kriterien sind klar definiert und werden an jeden einzelnen Fall angelegt.

Die parallele Zählung offenbart kontinuierlich hohe Differenzen zwischen den Zahlen und zeigt, dass eine Vielzahl an rechten Morden keinen Eingang in die staatlichen Statistiken finden. Von den 214 rechten Mordfällen, die die Amadeu Antonio Stiftung zählt, sind lediglich 106 staatlich anerkannt. Bei all diesen Zahlen ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da auch die zivilgesellschaftlichen Stellen leider nicht von allen Fällen erfahren.

Gleichzeitig sendet die Anerkennung oder auch Nicht-Anerkennung von rechten Gewalttaten Signale an die Betroffenen. Rechte Gewalttaten sind Botschaftstaten. Täter:innen wollen ganze gesellschaftliche Gruppen ausgrenzen, Angst und Abwertung verbreiten. Rechte Mordopfer werden wegen ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit zu Gruppen „ausgewählt“, der Hass der Täter:innen auf diese Gruppen motiviert sie zu den Taten. Diese Dimension, diese Ursachen der Taten müssen klar benannt werden – andernfalls führt man die Missachtung der Perspektiven von Betroffenengruppen fort und verkennt, warum diese Menschen verletzt, misshandelt und im schlimmsten Fall getötet wurden. Der mangelnden Anerkennung rechter Morde als solche durch die staatlichen Behörden muss deshalb eine Anerkennung von zivilgesellschaftlicher Seite entgegengesetzt werden. Anerkennung ist die Grundlage für jedwede Aufarbeitung.

Der staatliche Umgang mit dem Mord an Mario K. verdeutlicht einmal mehr, dass es die Zivilgesellschaft braucht, die genau hinschaut, kritisch hinterfragt und andere Deutungen an die Öffentlichkeit bringt. Obwohl der homofeindliche Hintergrund des Mordes sich so offensichtlich zeigte und von den Tätern nicht einmal verschleiert wurde, bleibt die staatliche Anerkennung als Hassverbrechen aus. Den Recherchen und der Prozessbegleitung der Opferberatungsstelle ezra ist es zu verdanken, dass die Hintergründe ans Licht kamen.

 

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