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„Nie wieder? Es war nie weg!“

Copyright: Sharon Adler

13 % mehr antisemitische Straftaten im letzten Jahr, weit verbreitete Verschwörungsmythen und die aktuellen „Hygienedemos“, auf denen die Shoah verharmlost und relativiert wird – Antisemitismus ist noch immer alltäglich und nimmt unterschiedliche Erscheinungsformen an.

Um Erfahrungen, Perspektiven und Forderungen von Jüdinnen und Juden abzubilden, hat die jüdische Fotografin und Journalistin Sharon Adler das Projekt „JETZT ERST RECHT!“ initiiert. Ziel des Projektes ist es, Perspektiven und Forderungen jüdischer Menschen sichtbar zu machen, ganz abseits von Zahlen und Statistiken. In ihrem Projekt gibt Sharon Adler vier jüdischen Menschen ein Gesicht und lässt ihnen Raum ihre eigenen Erfahrungen und Realitäten zu teilen. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt sie dabei.

Dazu gehört alltäglich erlebter Antisemitismus. Rebecca Dora Rogowski erzählt: „Egal ob in der Schule, auf der Straße, in der Uni oder auf der Arbeit, ich musste schon einige Beschimpfungen oder unangenehme Situation aufgrund meines Jüdisch-Seins über mich ergehen lassen“. Sie betont aber auch, dass es kein Alter gäbe, in dem man sich entscheide, Antisemit*in zu sein. Es sei ein gesellschaftlicher Code, der gesellschaftliches Handeln präge. Auch Greta Zelener betont, dass Antisemitismus in Deutschland weder mit der NS-Zeit begonnen, noch nach dieser ein Ende gefunden habe: „In allen Besatzungszonen blieb dieser bestehen, in staatlichen Ämtern, im beruflichen und privaten Alltag der Jüd*innen in Deutschland, bis heute – Antisemitismus hat leider Kontinuität“.

Halle als Einschnitt

Als letztes Jahr an Yom Kippur, dem höchsten Feiertag im jüdischen Kalender, ein rechtsextremer, antisemitischer 27-jähriger Attentäter einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt, befand sich eine Bekannte von Greta Zelener mit ihrem Ehemann in der Synagoge. Seitdem ist Greta vorsichtiger und unsicherer geworden: „Ich wähle die Events nicht mehr mit Leichtigkeit, sondern mit Bedacht. Halle hat meinen Blick auf die Sicherheit von Jüd*innen in Deutschland verändert, es hat mir die Unbeschwertheit genommen“.

Mara Noomi Adler betont, dass sie es besonders im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre als wichtig empfindet, ihre Wurzeln demonstrativ nicht zu verstecken.

Eines der Kernprobleme sieht Rebecca Rogowski im fehlenden Bewusstsein der Bevölkerung, dass es in Deutschland „immer noch ein lebendiges, sich veränderndes und pluralistisches Judentum gibt, und sich dieses eben nicht nur über die Shoah und Antisemitismus definiert.“ Für viele Menschen sei ein Jude kein Individuum, sondern primär Teil einer fremden Gruppe oder ein historisches Subjekt. Greta fordert deshalb, dass es zwei Pole in der Begegnung mit dem Judentum geben müsse – zum einen die Auseinandersetzung mit der Shoah, zum Beispiel durch Besuche in KZ-Gedenkstätten, aber eben auch in interreligiösen Koch-, Tanz-, Sport-, Musik- und Dialogprojekten wie „Meet a Jew“.

Sigmount Königsberg, der Teil der jüdischen Volkshochschule ist, betont außerdem, dass das Wissen von Lehrer*innen zu Antisemitismus und Israel zu wünschen übrig lasse und sehr einseitig sei: „Oft wird Judentum an Schulen erst im Zusammenhang mit der Shoah und/oder dem Nahost-Konflikt behandelt. 3000 Jahre jüdischer Geschichte, davon 2000 in Europa und 1700 in Deutschland bleiben weitgehend außen vor“

Auch im Zuge der aktuellen Covid19-Pandemie beobachten alle Teilnehmer*innen das Erstarken von antisemitischen Kommentaren, Verschwörungsmythen und Schuldzuweisungen, die das Judentum zur Ursache allen Übels auf der Welt erklären. Greta fordert deshalb: „Jede muss sich Antisemitismus und Rechtsextremismus entgegenstellen, jeder und jede, wo er oder sie kann“.

Sigmount ergänzt: „Gegen Antisemitismus zu kämpfen ist synonym mit: Für die Demokratie einzutreten.“

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