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Podcast

Ismail Küpeli zur „kurdischen Frage“ und Bedeutung des türkischen Nationalismus in der Jugendarbeit

Mitschnitt der online-Veranstaltung der ju:an-Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit vom September 2022 für Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit:

Buchvorstellung „Die ‚kurdische Frage‘ und die Bedeutung des türkischen Nationalismus in der Jugendarbeit“ mit Ismail Küpeli.

In seinem Vortrag erklärte Ismail Küpeli, was mit „kurdische Frage“ im Kontext der Gründung des türkischen Nationalstaates (1923) gemeint ist: Wie soll mit der kurdischen Bevölkerung umgegangen werden, wenn man auf einem Teil des Territoriums des untergegangenen Osmanischen Reiches die Türkei als eine Nation mit einheitlicher Sprache, Geschichte, Religion, Gebräuchen usw. erschaffen will? Ismail Küpeli stellte anschaulich dar, wie die Türkei in der Zeit von 1925 bis 1938 versuchte, die kurdische Bevölkerung zu assimilieren: Ihre Sprache und Kultur, ihre politischen Organisationen und jede Form eines eigenständigen nationalen Bewusstseins wurden gewaltsam bekämpft, unterdrückt und dabei um die 60.000 Menschen ermordet und um die 180.000 Menschen in den Westen des Landes zwangsumgesiedelt. Alles Kurdische sollte in der neuen Türkei unsichtbar gemacht und in die Bedeutungslosigkeit verdrängt werden. Auch wenn die Kurd*innen zum großen Teil wie die Mehrheitsbevölkerung dem sunnitischen Islam angehör(t)en, störten türkische Nationalisten sich schon seit dem 19. Jahrhundert an jeder Differenz und wollten einen homogenen Nationalstaat aufbauen. Ismail Küpeli geht dabei auf unterschiedliche Maßnahmen wie das Verbot kurdischsprachiger Zeitungen ein, vor allem aber auf militärische Repression, die als angebliche „Aufstandsbekämpfung“ gerechtfertigt wurde. Vorfälle wie die Verweigerung von Steuerzahlungen, die normalerweise polizeilich geahndet wurden, nahm der Staat zum Anlass für brutale Militäraktionen zunächst gegen die männliche, dann auch gegen die weibliche Bevölkerung und die Kinder. Mit dem Massaker von Dersim 1938 an den alevititschen Kurd*innen beschließt Ismail Küpeli die historische Phase extremer Gewalt.

Auch andere Minderheiten mit eigenen religiösen und/oder nationalen Selbstverständnissen fielen dem Homogenisierungswahn zum Opfer: Bekannt ist der Völkermord an den christlichen Armenier*innen, teilweise auch die Vertreibung der christlichen Griech*innen. Aber auch die Tscherkess*innen, die Pomak*innen, aramäische und andere Christ*innen wurden einer Assimilation und/oder Vertreibung bis hin zum Mord unterworfen, die kleine jüdische Minderheit vollkommen marginalisiert.

Diese historischen Hintergründe, genauso die Gewalt der letzten Jahrzehnte und die Selbstorganisation von Kurd*innen in parlamentarischen, zivilgesellschaftlichen sowie auch militanten Organisationen wie die PKK sind für ein Verständnis der aktuellen Situation und auch der Selbstverständnisse kurdisch- und türkisch-türkischer Jugendlicher von großer Bedeutung.

Hier kann der Vortrag nachgehört werden:

Eine Besonderheit ist, dass Ismail Küpeli auf die politische Bildung eingeht und dabei die Situation hierzulande in den Blick nimmt. Im nachfolgenden Gespräch wurden vor allem die folgenden Punkte angesprochen, die für die Jugendarbeit wichtig sind:

– In der deutschen Erinnerungskultur ist Diversität kaum vorgesehen. Auch deshalb wird die Diversität der türkeistämmigen Bevölkerung wenig sichtbar: Weder waren die Einwander*innen aus der Türkei alle Gastarbeiter*innen noch waren alle im nationalkulturellen Sinne türkisch.

– In der Offenen Jugendarbeit bzw. in der politischen Bildung lässt sich Diversität durch empowermentorientiertes Arbeiten sichtbar machen und dazu gehört es, den individuellen Geschichten der jungen Menschen Raum zu geben.

– Jugendfreizeiteinrichtungen, die Projekte der eingewanderten Communities beispielsweise für ein Straßenfest einbeziehen wollen, sollten nicht allein Einrichtungen des türkischen Staates, etwa die Ditib-Moscheen, ansprechen. Es gibt auch kurdische, yezidische, armenische, alevitische oder andere Vereine, oder auch nichtstaatliche türkische Ansprechpartner*innen.

– Leider kursieren auch unter Bildungsarbeiter*innen einige Narrative über die Türkei, die einfach falsch sind. Dazu gehört die Vorstellung von der Türkei als säkularem Staat, in dem Religion keine Rolle spiele. Tatsächlich aber versteht die Türkei sich als islamisches bzw. sunnitisches Land. Im türkischen Nationalismus gibt es zudem viele rassistische Elemente, die sich gegen unter anderem die kurdische Bevölkerung richten.

– Immer wieder kommt es unter Jugendlichen zu Auseinandersetzungen, die auch, aber nicht nur mit der unterschiedlichen Zugehörigkeit zu den Türk*innen oder Kurd*innen zusammenhängen. Oft reduzieren Fachkräfte in Jugendarbeit und Schule die Jugendlichen dann aber auf diese kollektiven Identitäten und führen kulturalisierende Begründungen für Streit und Spannungen an. Demgegenüber ist es wichtig, die jungen Menschen in ihrem hiesigen Kontext zu sehen und die konkreten Lebenswelten einzubeziehen. Dazu gehört auch, den Einfluss von Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen zu beachten, der beide Gruppen trifft und eine Identifikation mit der türkischen oder kurdischen, armenischen oder anderen Nationalität befördert. Gleichzeitig greifen nationalistische Akteur*innen die Marginalisierungserfahrungen auf, um Heranwachsenden attraktive Identitätsangebote zu machen, die ihr Selbstbild stärken.

Hier kann das Gespräch nachgehört werden:

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