Die Bildungsinitiative SPREUWEIZEN stärkt mit Workshops und Fortbildungen seit 2020 die Nachrichtenkompetenz und vermittelt ganz praktisch Wissen über Journalismus. Zu Hause in Dresden ist SPREUWEIZEN mittlerweile bundesweit aktiv. Waren zu Beginn noch vor allem Jugendliche weiterführender Schulen die Zielgruppe, nehmen heute Kinder ab dem Grundschulalter bis hin zu Senior*innen an mehr als 500 Workshops im Jahr teil.
Interview mit Eve Mary Miller von SPREUWEIZEN
Was ist die Mission von SPREUWEIZEN?
Eve Mary Miller: Nachrichtenkompetenz ist eine zentrale Voraussetzung, um sich eine fundierte Meinung zu bilden und am demokratischen Diskurs teilzunehmen. Und Studien zeigen, dass es vielen Menschen heute schwerfällt, Informationen verlässlich einzuordnen. Wir sprechen also nicht darüber, wie das Handy funktioniert oder was Cookies sind. Bei uns stehen ganz andere Fragen im Fokus: Wie arbeiten Redaktionen? Wie entstehen Nachrichten? Und welche Rolle spielen KI und Social Media dabei? Oder was tue ich, wenn mir ein Content Creator auf TikTok seine Meinung als Fakten verkaufen will? Wir befähigen Menschen, verlässliche Informationen zu finden, sie einzuordnen und auf dieser Grundlage selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.
Ihr seid mit dem Workshop-Format „Pressefreiheit – Mehr als eine Story“ für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert. Wie ist die Idee dafür entstanden?
Eve Mary Miller: Pressefreiheit ist bedroht – das betrifft viele andere Länder auf der Welt deutlich stärker, aber auch in Deutschland erleben wir Angriffe und Anfeindungen gegen Journalist*innen. Was hier passiert, erleben Medienschaffende in Russland, China oder der Türkei schon sehr viel länger und in einem ganz anderen Ausmaß: von staatlicher Verfolgung und Inhaftierungen bis hin zur Ermordung von Journalist*innen. Wir haben aus diesem Grund ein Netzwerk mit Exil-Journalist*innen aufgebaut, die bundesweit darüber sprechen, was es bedeutet, wenn Pressefreiheit nicht gewährleistet ist, warum sie schützenswert ist und was wir in einem Land wie Deutschland tun können, um dieses hohe Gut zu schützen.
Wie kann ich mir so einen Workshop vorstellen?
Eve Mary Miller: Im Workshop sprechen Exil-Journalist*innen über ihre Arbeit und persönliche Erfahrungen: Warum haben sie ihr Heimatland verlassen? Wie ist ihr Alltag in Deutschland? Und was hat Pressefreiheit eigentlich mit jedem Einzelnen zu tun? Das ist ein sehr persönlicher und sensibler Workshop, der emotional viel auslösen kann. Denn du hast als Teilnehmer*in eine
Person vor dir sitzen, die Fluchterfahrung hat und im Extremfall sagt: Auf diesem Bild seht ihr mein Zuhause, auf das geschossen wurde. Dadurch wird etwas, das sonst oft sehr abstrakt bleibt, plötzlich unmittelbar und greifbar.
Wie reagieren Teilnehmende auf die Berichte der Exil-Journalist*innen?
Eve Mary Miller: Es herrscht oft erst mal Sprachlosigkeit, vermischt mit großer Neugier. Und dann kommen viele Fragen: „Krass, du warst im Gefängnis! Wie war das für dich?“ Wenn die Atmosphäre stimmt, kann man auch über solche schweren Themen offen sprechen. Gleichzeitig ist uns wichtig, dass die Journalist*innen persönliche Grenzen ziehen können. Wir klären deshalb vorher gemeinsam, worüber sie sprechen möchten und worüber nicht, und arbeiten bei der Entwicklung und Begleitung des Formats auch mit Traumatherapeut*innen zusammen. Im Nachgang hat uns zum Beispiel ein Schüler geschrieben, dass er jetzt besser verstehen könne, warum Menschen flüchten, und dass der Workshop diese große gesellschaftliche Debatte für ihn sehr greifbar gemacht habe. Auch für die Journalist*innen selbst haben die Workshops eine Bedeutung. Viele von ihnen können ihren Beruf in Deutschland zunächst nicht oder nur eingeschränkt ausüben, möchten aber weiterhin schreiben, erzählen und journalistisch arbeiten. Die Workshops geben ihnen dafür eine Plattform.
Ihr habt ein Escape-Game entwickelt. Kannst du mehr darüber erzählen?
Eve Mary Miller: Die Jugendlichen schlüpfen in die Rolle von Journalist*innen, die wegen ihrer Arbeit bedroht werden. Sie können Informationen nicht mehr frei veröffentlichen, stehen unter dem Druck der Regierung und müssen gemeinsam mit einem Rechercheteam einen Skandal aufdecken. Es gibt zudem verschiedene Minispiele und Aufgaben, die Grundlagen des Journalismus vermitteln. Ziel ist es, die Recherche am Ende zu veröffentlichen. Dabei entsteht auch schnell ein Ehrgeiz: „Ich will das schaffen!“ So bringen wir Spiel und Lernen zusammen.
Ihr setzt das Pressefreiheit-Format im Jahr mehr als 100 Mal um. Wer nimmt schwerpunktmäßig teil?
Eve Mary Miller: Den Workshop bieten wir ab Klasse 7 an, bewusst vor allem an Mittel- bzw. Gesamtschulen und Berufsschulzentren, die bei solchen Angeboten leider noch immer oft vergessen werden. Wir sind aber längst nicht nur an Schulen unterwegs. Wir gehen an Hochschulen, werden zu Talks und Veranstaltungen eingeladen und arbeiten mit unterschiedlichen Partnern zusammen. Wir führen Workshops mit Polizist*innen, beim DRK, mit FSJ-Verbänden oder auch mal in einem Fußballverein durch. Schulisch wie außerschulisch ist also fast alles möglich, weil wir das Format an die jeweilige Zielgruppe anpassen können.
Vor welchen Herausforderungen steht ihr als Initiative? Gibt es Dinge, die euch an der Arbeit hindern?
Eve Mary Miller: Wir erleben zunehmend, dass Schulen Workshops absagen oder bei politischer Medienbildung vorsichtiger werden, weil sie Konflikte mit Eltern oder der Öffentlichkeit
befürchten. Das beschäftigt uns sehr. Denn gerade wenn gesellschaftliche Debatten aufgeheizt sind, braucht es Räume, in denen junge Menschen lernen, Nachrichten einzuordnen, Quellen zu prüfen und unterschiedliche Positionen kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig merken wir als Bildungsinitiative mit Sitz in Dresden, dass viele Netzwerke, Institutionen und zentrale Orte der politischen Bildung nach wie vor in Städten wie Berlin, Hamburg oder München konzentriert sind. Für uns bedeutet das längere Wege, mehr Reisen und manchmal auch einen strukturellen Standortnachteil. Wir sitzen nicht automatisch in den Runden, in denen diskutiert und entschieden wird. Deshalb müssen wir häufig diese Extrameile gehen und mehr investieren, um sichtbar und präsent zu sein. Das machen wir gern. Aber natürlich wäre es schön, wenn ostdeutsche Perspektiven und Organisationen selbstverständlicher mit am Tisch säßen.
Was ist eure Vision für die nächsten Jahre? Wie wollt ihr euch weiterentwickeln?
Eve Mary Miller: Dream big, würde ich sagen. Wir sind mittlerweile bundesweit tätig und arbeiten daran, Nachrichtenkompetenz noch stärker und langfristiger in Bildungsstrukturen zu verankern. Denn es darf nicht vom Wohnort, von der Schule oder vom Engagement einzelner Lehrkräfte abhängen, ob junge Menschen lernen, wie Nachrichten entstehen. Gleichzeitig denken wir SPREUWEIZEN über Deutschland hinaus und sind dazu bereits mit Partnern in anderen europäischen Ländern im Austausch. Desinformation, KI, Pressefreiheit und die Frage, welchen Informationen wir vertrauen können, beschäftigen uns überall. Wir wollen deshalb Nachrichtenkompetenz als selbstverständlichen Bestandteil demokratischer Bildung etablieren – in Deutschland und perspektivisch auch darüber hinaus.
Große Pläne. Ich bin gespannt und drücke euch die Daumen! Danke dir für das Gespräch!
Zitat der Jury
„Dass wir in diesen herausfordernden Zeiten eine gute politische Medienbildung brauchen ist klar, aber wie sieht die aus? Denn Medienbildung leidet nicht selten an kühler Distanz: Man erklärt Jugendlichen abstrakt, wie Medien funktionieren, und hofft auf Einsicht. Bei SPREUWEIZEN ist das völlig anders. Das Projekt holt das Thema aus der theoretischen Ecke mitten ins Leben. Wenn geflüchtete Journalist*innen von ihren eigenen Erfahrungen mit Zensur erzählen, wird Pressefreiheit kein Buchwissen, sondern spürbare Realität. Durch die Escape Games wechseln die Jugendlichen vom passiven Konsum ins eigene Tun. Das ist Didaktik vom Feinsten: Kein Zeigefinger, sondern gelebte Mündigkeit durch Begegnung und Probehandeln! Das ist beispielhaft!“
– Prof. Dr. Anja Besand, Professorin für die Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden




