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Amadeu Antonio Stiftung warnt vor rechtsterroristischen Online-Subkulturen: Jugendliche finden online leicht Einstieg in gewaltbereite Szenen

Berlin, 11. Februar 2021. “Er hat sich im Internet radikalisiert” – was heißt das eigentlich, wenn wir das über rechtsextreme Attentäter sagen? In plattformübergreifenden Online-Netzwerken hat sich eine rechtsterroristische Subkultur entwickelt, die popkulturelle Elemente adaptiert und sich eigener Codes, Bilder und Sprache bedient. Vor allem Jugendliche finden über diese Netzwerke den direkten Weg in eine gewaltbereite Szene, ohne zuvor persönliche Kontakte zu Rechtsextremen zu haben. Das ergibt die Analyse „Rechtsterroristische Online-Subkulturen – Analysen und Handlungsempfehlungen“ der Amadeu Antonio Stiftung.

Jugendliche suchen und finden im Internet Anschluss an und Bestätigung durch rechtsterroristisch orientierte Netzwerke. Sie kommen in Kontakt mit rechtsextremen Kommunikationsinhalten, die sich hinter der Fassade einer jugenadaffinen Subkultur verstecken. Diese Online-Netzwerke existieren plattformübergreifend und umfassen Messenger-Dienste, Imageboards, Foren, Soziale Netzwerke sowie Video- und Gaming-Plattformen. In diesen Netzwerken wird Rechtsterrorismus glorifiziert, es werden potentielle Nachahmer zu Taten angestiftet und mit Anleitungen zur Anschlagsplanung versorgt.

“Durch die Adaption popkultureller Elemente hat sich eine spezielle Ästhetik der Gewalt herausgebildet, die besonders junge Menschen anspricht. Die Jugendlichen feiern online Gewaltexzesse und Rechtsterroristen, bis sie selbst bereit sind, sich in ihrer eigenen Community als ‘Heilige’ verehren zu lassen – durch ein Attentat. Es startet wie ein Spiel, doch Attentate wie Christchurch und Halle zeigen, wie tödlich diese Radikalisierung enden kann”, erklärt Thilo Manemann, Autor der Analyse und Monitoring-Experte des Projektes De:Hate der Amadeu Antonio Stiftung. Zu dieser Subkultur gehören neben Insiderbegriffen und Memes auch eine eigene Ästhetik, die sich in Videos als eigenes Genre unter dem Namen „Fashwave“ verorten lässt, einer Mischung aus „fascism“ und „wave“.

Rechtsterrorismus wird zur Unterhaltungskultur

Doch die Aufmachung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in rechtsterroristischen Online-Communities vor allem um rassistische, antisemitische, islamfeindliche oder misogyne Mordfantasien geht. “Rechtsterroristen sammeln Punkte und werden in Bestenlisten geführt, ihre schriftlichen Ausführungen werden weltweit verbreitet, ihre Anschläge live übertragen und von Tausenden verfolgt. Ihre Terrorakte werden wie eine Unterhaltungskultur wahrgenommen”, führt Manemann aus. Die Grenze, wann aus solchem Online-Verhalten reale Gefährdungen werden, ist nicht leicht zu ziehen, was den Umgang zusätzlich erschwert.

“Rechtsterroristische Online-Subkulturen sind auf dem Vormarsch – und sie werden immer gefährlicher. Die gegenseitige Bezugnahme der Rechtsterroristen reicht von Utøya bis nach Halle”, erklärt Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung. „Noch während Nachahmer durch Livestreams zum Morden angestachelt werden, reden sich Rechtsextreme damit heraus, dass die menschenverachtenden Inhalte doch nur eine spezielle Form von ‘schwarzem’ Humor seien. Sicherheitsbehörden müssen hier ein Frühwarnsystem entwickeln.“ Mit ihrem autonomen Handeln sowie der autonomen Organisation verfolgen sie die Strategie des ‘Führerlosen Widerstandes’, dass die Arbeit der Sicherheitsbehörden vor große Herausforderungen stellt.

Terrorprävention muss Online-Subkulturen in den Blick nehmen

Doch rechtsterroristische Netzwerke sind nicht nur ein Fall für Sicherheitsbehörden, sondern auch für die Zivilgesellschaft und die pädagogische Prävention. Denn Veränderungen im (Online-)Verhalten fallen am meisten im direkten Umfeld wie Schule, im Freundeskreis oder in der Familie auf, wenn die entsprechenden Anzeichen erkannt werden. Mit ihrer neuen Analyse möchte die Amadeu Antonio Stiftung dabei unterstützen, rechtsterroristische Tendenzen im eigenen Umfeld zu erkennen. Sie gibt einen Überblick über das Phänomen und die Funktionsweise von rechtsterroristischen Online-Subkulturen und erklärt anhand von praktischen Beispielen, wie Pädagog*innen mit Jugendlichen umgehen können, bei denen sie entsprechende Affinitäten vermuten oder gar vorfinden.

Daraus ergibt sich außerdem die Notwendigkeit für :

  • Fortbildungen über rechtsterroristische Online-Subkulturen für Strafverfolgungsbehörden
  • Stärkung von Anlauf- und Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige
  • Ausbau von Digital Streetwork, um gefährdete Jugendliche direkt in Online-Communities von ausgebildeten Pädagog*innen oder Sozialarbeiter*innen anzusprechen
  • Eine mediale Berichterstattung, die Tätern keine Bühne zu bietet, indem sie auf die Nennung der Täter-Namen und Zitate aus deren “Manifesten” ohne Einordnung verzichtet.

Die Analyse “Rechtsterroristische Online-Subkulturen”, die hier zum Download bereitsteht wird ergänzt durch einen detaillierten Maßnahmenkatalog: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/rechtsterroristische-online-subkulturen/ 

Am Dienstag, den 16.02.2021, um 16 Uhr stellen Judith Rahner und Thilo Manemann von der Amadeu Antonio Stiftung die Ergebnisse der Analyse und die Handlungsempfehlungen in einem Online-Vortrag mit Q&A via zoom vor. Nötig für den Zugang ist eine vorherige Anmeldung unter netzwerke@amadeu-antonio-stiftung.de.

 

Die Analyse „Rechtsterroristische Online-Subkulturen – Analysen und Handlungsempfehlungen“ der Amadeu Antonio Stiftung im Kompetenznetzwerk Rechtsextremismusprävention wurde gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms “Demokratie leben!”. Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.

Über die Amadeu Antonio Stiftung:
Seit ihrer Gründung 1998 ist es das Ziel der Amadeu Antonio Stiftung, eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Die gemeinnützige Stiftung steht unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse

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