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Antisemitismus bleibt alltagsprägend: RIAS Thüringen dokumentiert mit 418 Vorfällen neuen Höchststand im Jahr 2025

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Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Thüringen dokumentiert mit 418 Meldungen einen neuen Höchststand antisemitischer Vorfälle in Thüringen. Damit hat sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr (2024: 392) leicht erhöht und wurde erneut ein Höchststand der Vorfälle pro Jahr seit Bestehen der Meldestelle erreicht.

Mit 244 Vorfällen (58,4 %) war israelbezogener Antisemitismus auch 2025 die am häufigsten dokumentierte Erscheinungsform. Ein Schwerpunktkapitel des Jahresberichts widmet sich daher dem israelbezogenen Antisemitismus und antiisraelischen Aktivismus in Jena; ein weiteres nimmt rechtsextremen Antisemitismus in Thüringen in den Blick.

Von den 418 Gesamtvorfällen entfielen 350 in die Kategorie verletzendes Verhalten, etwa antisemitische Beleidigungen, Kommentare oder Schmierereien. 45 Vorfälle wurden als gezielte Sachbeschädigungen, zehn als Bedrohungen, neun als Massenzuschriften und vier als Angriffe dokumentiert. Zu den schwersten dokumentierten Vorfällen zählte der tätliche Angriff auf einen Juden im September 2025 in Erfurt. Der Täter nahm eine Davidsternkette zum Anlass, den jungen Mann zunächst in einer Straßenbahn und später erneut am Europaplatz mehrfach zu schlagen. Das Opfer wurde verletzt, die Davidsternkette ging verloren.

Weiterhin maßgeblich beeinflusst wurden die Vorfallzahlen vom Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie die darauffolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region. Mit insgesamt 244 erfassten Vorfällen entfiel auch 2025 der Großteil der gemeldeten Vorfälle auf die Erscheinungsform israelbezogener Antisemitismus. Damit wurde der bisherige Höchststand aus dem Vorjahr von 197 Vorfällen erneut deutlich übertroffen. Besonders stark stiegen hier die Vorfälle mit dem Hintergrund des antiisraelischen Aktivismus auf 106. Mit 28 Vorfällen mit einem links-antiimperialistischen Hintergrund wurden in etwa so viele wie im Vorjahr dokumentiert. Zur Analyse der schon im Jahr 2024 beobachteten israelbezogenen antisemitischen Raumnahme enthält der Jahresbericht erstmals ein Schwerpunktkapitel über Jena als Zentrum des antiisraelischen Aktivismus und des israelbezogenen Antisemitismus in Thüringen.

Das zweite Schwerpunktkapitel widmet sich dem Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund in Thüringen. Mit 103 dokumentierten Vorfällen verzeichnete RIAS Thüringen hier 2025 den stärksten Anstieg unter allen politisch-weltanschaulichen Hintergründen. Bei drei Erscheinungsformen, dem antisemitischen Othering, dem modernen Antisemitismus und dem Post-Shoah-Antisemitismus ist der größte Anstieg mit rechtsextremem Hintergrund zu verzeichnen. Beim Post-ShoahAntisemitismus machten Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund 71 % aller politisch-weltanschaulich zuordenbaren Fälle aus. Erneut zeigte sich diese Erscheinungsform in zahlreichen gezielten Angriffen auf die Erinnerungskultur, mit denen die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit infrage gestellt wurde. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Vorfälle zeigen, dass Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund nicht auf einzelne Szenen oder geschlossene Milieus begrenzt ist. Er tritt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Räumen auf und ist weiterhin eine wachsende Herausforderung für die demokratische Kultur und das Sicherheitsgefühl von Jüdinnen*Juden in Thüringen.

Die Angriffe auf die Erinnerungskultur werden zugleich in einem der kurzen Fokuskapitel aufgegriffen, das Antisemitismus an Gedenkorten und den Umgang mit der deutschen Geschichte thematisiert. Drei weitere Fokuskapitel richten den Blick auf andere gesellschaftliche Felder: antisemitisches Othering und Befürwortungen der Shoah in Fußballfeindschaften, den Zusammenhang von Antisemitismus und Sexismus sowie Antisemitismus im Netz.

Der Projektleiter von RIAS Thüringen, Timo Galki, fügt hinzu: „Antisemitische Vorfälle wirken weit über den Moment ihres Geschehens hinaus. Sie beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl Betroffener und können ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben massiv einschränken. Besorgniserregend ist zudem die Hemmungslosigkeit, mit der antisemitische Positionen öffentlich vertreten und jüdische oder als ‚zionistisch‘ markierte Menschen angegangen werden. Die hohen Vorfallszahlen mit antiisraelisch-aktivistischem und rechtsextremem Hintergrund in Thüringen zeigen eine klare Tendenz. Gleichzeitig darf die Einordnung nach politisch-weltanschaulichen Kategorien nicht darüber hinwegtäuschen: Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Umso wichtiger ist eine enge Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Sicherheitsbehörden, um antisemitischen Einstellungen und Handlungen wirksam entgegenzutreten und Betroffene zu unterstützen.“

Statements zum Jahresbericht RIAS Niedersachsen 2025

„Auch mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hält die Welle des israelbezogenen Antisemitismus an. Für Jüdinnen und Juden in Thüringen, in Deutschland und weltweit ist die Existenz und Sicherheit des Staates Israel von grundlegender Bedeutung. Wo unter dem Deckmantel vermeintlicher Israelkritik das Existenzrecht Israels infrage gestellt, antisemitische Narrative verbreitet oder zur Delegitimierung des jüdischen Staates aufgerufen wird, ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten. Die Folgen treffen auch jüdisches Leben in Deutschland unmittelbar. Viele Jüdinnen und Juden erleben, dass sie für die Politik Israels verantwortlich gemacht, bedroht oder ausgegrenzt werden. Diese Entwicklung ist inakzeptabel und verlangt eine klare Haltung von Politik und Gesellschaft.“
Prof. Dr.-Ing. habil. Reinhard Schramm, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen K.d.ö.R

„Mit Sorge blicke ich auch auf die Entwicklung an Thüringer Hochschulen und Universitäten. RIAS Thüringen dokumentierte 2025 insgesamt 37 antisemitische Vorfälle an Hochschulen, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, davon allein 31 an Hochschulen. Gerade Hochschulen müssen Orte des offenen Austauschs, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und des freien Denkens sein. Wenn dort jüdische oder israelsolidarische Menschen eingeschüchtert und antisemitische Narrative verbreitet werden, ist dies nicht hinzunehmen. Wissenschafts- und Meinungsfreiheit sind keine Freibriefe für Antisemitismus.“
Michael Panse, Beauftragter der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus

„Der neue Höchststand antisemitischer Vorfälle in Thüringen ist ein alarmierendes Signal. Besonders besorgniserregend ist, dass Gedenk- und Erinnerungsorte zunehmend zum Ziel werden. Gleichzeitig zeigt der deutliche Anstieg rechtsextrem motivierter Vorfälle, wie sehr antisemitische und geschichtsrevisionistische Positionen durch eine erstarkende extreme Rechte in die Öffentlichkeit getragen und normalisiert werden. Das dürfen wir nicht als Randphänomen abtun – gerade dort, wo politische Akteure solche Entwicklungen befördern, verharmlosen oder ihnen den Boden bereiten, braucht es klare demokratische Gegenwehr.“
Romy Arnold, Projektleiterin von MOBIT – Mobile Beratung in Thüringen. Für Demokratie – gegen Rechtsextremismus

„Als Gewaltopferberatungsstelle verzeichnen wir für Thüringen ein erhöhtes Niveau antisemitischer Gewalt seit dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Angriffe gehen dabei nicht nur von der (extremen) Rechten aus, sondern beispielsweise auch von autoritären linken Strömungen. Angegriffen werden sowohl Jüdinnen und Juden – besonders drastisch war hier der Angriff auf eine Person in einer Erfurter Straßenbahn – als auch Personen, die sich öffentlich solidarisch mit Israel zeigen. Auch Beleidigungen, Anfeindungen und andere Vorfälle ohne physische Verletzungen können für Betroffene gravierende und langfristige Folgen haben. Die Fälle, die uns als fachspezifische Gewaltopferberatungsstelle bekannt werden, bilden dabei nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Ausmaßes in Thüringen ab. Die Dokumentation durch RIAS ist deshalb unverzichtbar, um das Ausmaß und die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Antisemitismus, auch abseits von physischer Gewalt, sichtbar zu machen. Betroffene entwickeln verschiedene Strategien des Umgangs: Sie organisieren sich und unterstützen sich in ihren Communities. Sie verschaffen sich Momente von Selbstwirksamkeit und bleiben handlungsfähig. Diese Stärke entbindet die Gesellschaft jedoch nicht von ihrer Verantwortung. Jüdischen bzw. von Antisemitismus Betroffenen muss ebenso konsequent und selbstverständlich Solidarität gelten, wie allen Menschen, die von Ungleichwertigkeitsideologien betroffen sind.“
Theresa Lauß, Projektleiterin von ezra – Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen

26.08.2026

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