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Queerfreundliche Fankulturen im Männerfußball? Das Projekt „Vielfalt im Stadion“ baut Barrieren ab

Symbolbild, KI-generiert

Das Projekt „Vielfalt im Stadion“ arbeitet gemeinsam mit Fans und Vereinen daran, den Fußball für queere Fans zugänglicher zu machen. In vier Jahren ist bereits viel passiert, um die Vielfalt in Stadien zu erhöhen und. Doch für safer spaces für alle braucht es noch weitere Anstrengungen. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert das Projekt.

Von Vera Ohlendorf

Nicht nur während der Europameisterschaft ist der Profi-Männerfußball die Sportart, die bundesweit wohl die meisten Menschen fasziniert. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen Fußball in Deutschland nur (weiße) Männer als Fans anzog. Gleichwohl ist Männerfußball in Zeiten hoher Zustimmungswerte zu rechtsextremen Parteien ein Raum, in dem es immer wieder zu menschenfeindlichen Aussagen kommt. Kurz vor der EM hat eine Studie des WDR gezeigt, wie verbreitet rassistisches Denken unter Fußballfans ist.

Auch Frauen und insbesondere LSBTIQA+ erfahren angesichts heteronormativer Männlichkeitskulturen in Stadien Sexismus und Queerfeindlichkeit. Sie sind von Ausgrenzungen, Diskriminierung und sogar körperlicher Gewalt betroffen. Die Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS) nimmt queere Fans in den Blick und arbeitet, mit einer Förderung unterstützt von der Amadeu Antonio Stiftung, seit 2020 mit dem Projekt „Vielfalt im Stadion“ daran, Zugänge zu schaffen und für mehr Schutz zu sorgen.

Queere Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen

Zu Beginn des Projektes lagen kaum Daten zu Diskriminierungen queerer Menschen in Fußballstadien vor. Qualitative Forschung ist deshalb eine der zentralen Säulen des Projektes. „Wir haben schnell festgestellt, dass es wichtig ist, queere Menschen nicht als homogene Gruppe zu sehen. Schwule und Lesben machen beim Fußball andere Erfahrungen als beispielsweise trans- oder intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen“, sagt Dr. Almut Sülzle, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt.

Sie stellt fest: In den letzten Jahren haben sich viele schwul-lesbische Fanclubs gegründet, die mittlerweile in den Vereinen und Stadien anerkannt und geschätzt werden. Viele Schwule und Lesben fühlen sich deshalb wohl, wenn sie Fußballspiele besuchen. Lesben erfahren jedoch, wie andere Frauen auch, Sexismus und sind teils sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Viele Profivereine verfügen über Schutzkonzepte, die die Sicherheit vor sexuellen Übergriffen und Diskriminierung erhöhen sollen.

Trans- und intergeschlechtliche, nicht-binäre und agender Personen (TIAN) stoßen hingegen noch auf viele Barrieren. Schon der Ticketkauf kann erschwert sein, wenn digitale Formulare nur die Anreden „Herr“ oder „Frau“ zulassen. TIAN erleben auch Barrieren bei der Einlasskontrolle, wenn etwa Name und Erscheinungsbild aus Sicht des Personals nicht übereinstimmen. In vielen Stadien gibt es nur binär zugeordnete Toilettenräume, was ebenfalls zu Diskriminierungen und Fremdoutings führt.

Vernetzung und Sensibilisierungsarbeit für mehr geschlechtliche Vielfalt

Aus diesen Forschungsergebnissen wurden im Projekt Maßnahmen entwickelt, die die Vernetzung von trans, inter und nicht-binären bzw. agender Fans untereinander und mit schwullesbischen Fanclubs verbessert haben. Der dabei entstandene Film „Vielfalt im Stadion – Queere Fans“ zeigt, wie empowernd dieses Miteinander für TIAN Personen sein kann und wie Vernetzung zu mehr Sensibilität in Vereinen und Stadien geführt hat.

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Die KoFaS arbeitet außerdem an vier Modellstandorten gemeinsam mit den Vereinen Borussia Dortmund, Hertha BSC, VfB Stuttgart und VfL Wolfsburg konkret daran, Vielfalt im Stadion zu fördern und Barrieren abzubauen.

Für uns war es nicht leicht, herauszufinden, wer in den Vereinen wofür zuständig ist und wer an welchen Stellen etwas ändern kann. Etwa am Ticketing sind viele Menschen beteiligt, die überzeugt werden müssen. Manchmal ist es aber auch einfach, pragmatische Lösungen zu finden“, berichtet Almut Sülzle. Das Projekt berät auch den Deutschen Fußballbund und die EURO 2024 GmbH beim Erstellen interner Handlungsempfehlungen, beim Einrichten gendersensibler Einlässe, sogenannten Sensitivity Lanes, und unterstützt bei der Schulung von Ordner*innen.

Rechtsextreme verbreiten Antifeminismus und Transfeindlichkeit in Stadien

In vier Jahren ist also viel passiert, um die Vielfalt in Stadien zu erhöhen und den Fußball für queere Fans zugänglicher zu machen. Die hohen Zustimmungswerte zu rechtsextremen Parteien und Gruppen spiegeln sich allerdings auch im Stadion. „Antifeministische und transfeindliche Aussagen sind leider immer häufiger zu hören. Diese Themen sind bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig. So findet Rechtsextremismus neue Wege ins Stadion“, sagt Almut Sülzle. Die Vereine dürften sich nicht nur in Leitbildern gegen Rechtsextremismus positionieren, sondern müssten konsequent gegen menschenverachtende Äußerungen vorgehen. Dafür sei es wichtig, sich mit Antifeminismus und Transfeindlichkeit auseinander zu setzen, um diese Hassbotschaften als solche zu erkennen.

Auf die Europameisterschaft schaut Almut Sülzle mit gemischten Gefühlen: „Das Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ist im Fußball angekommen, aber es ist noch ein weiter Weg, bis Veränderungen voll wirksam werden. Im Kontext der EM werden überholte Männlichkeitsbilder wieder salonfähig. Medien und Öffentlichkeit lassen hier erfahrungsgemäß viel durchgehen. Die Akzeptanz von Vielfalt darf nicht nur behauptet werden, sondern muss glaubhaft unterfüttert sein. Ich bin skeptisch, was die Sicherheit für queere Menschen in den Fan-Zonen und vor allem auf den Wegen zum Stadion und nach Hause angeht. Hier braucht es nach wie vor große Anstrengungen, um safer spaces für alle zu schaffen.

Mehr zum Projekt: https://www.vielfaltimstadion.de/

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