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Stellungnahme

RIAS Niedersachsen Monitoring des Theaterstücks Vögel: „Für uns war das Stück eine traumatisierende Erfahrung.“

Im Frühjahr dieses Jahres wurde im Theater Lüneburg das Stück Vögel aufgeführt. Im Folgenden ein Monitoringbericht der antisemitischen Darstellungen und ihrer Wirkung. Das Stück von Wajdi Mouawad hatte bereits im November 2022 für Diskussionen gesorgt, nachdem jüdische Studierende Kritik an einer Inszenierung am Metropoltheater in München geäußert hatten.  Grund hierfür waren antisemitische Inhalte in einigen Szenen. Das Theaterstück wurde daraufhin abgesetzt.

Im Zentrum der Handlung steht die Liebesbeziehung der Araberin Wahida und dem deutschen Juden Eitan. Die Eltern von Eitan stellen sich jedoch gegen die Beziehung da Wajdi keine Jüdin sei. Die Geschichte spielt zum größten Teil im heutigen Israel, wohin Eitan mit Wajdi reist um ein, in der Familie lange gehütetes, Geheimnis zu lüften. Nach einem DNA-Test erfährt Eitan, dass sein Vater David nicht der leibliche Sohn des Großvaters Edgar ist. Im Verlauf der Geschichte wird offenbart, dass David in Wahrheit das Kind palästinensischer Eltern sei und als Säugling von Edgar während seines Dienstes als Soldat in der israelischen Armee geraubt wurde.

Im Publikum einer Aufführung am 9. März befanden sich wieder jüdische Studierende, diesmal vom Verband Jüdischer Studierender Nord. In der Inszenierung sahen sie, wie zuvor die Studierenden in München, an mehreren Stellen Motive die RIAS Niedersachsen dem Post-Schoa-Antisemitismus, dem israelbezogenen Antisemitismus und dem antijudaistischen Antisemitismus zurechnet. Für sie stellte sich das Theaterstück folgendermaßen dar:

„Die Bemühungen jüdischer Menschen, ihre Opferrolle abzuwerfen und das Verständnis für Freude an der Kultur und Religion zu vermitteln, werden im Stück ignoriert. Jüdischsein wird entweder als eine schwerwiegende Last gezeigt oder, wenn es zur Darstellung von starken jüdischen Personen kommt, werden diese als aggressive israelische Soldat*innen illustriert. Das Stück reproduziert nicht nur Hass und falsche Darstellungen, es wird nicht einmal differenziert zwischen Israelis und Juden*Jüdinnen.“ – Verband Jüdischer Studierender Nord

Nicht immer ist in den einzelnen Aussagen und Darstellungen der antisemitische Gehalt explizit dargestellt. In ihrem Gesamtkontext ergeben sie jedoch eine Darstellung von jüdischem Leben, das an klassische antisemitische Erzählungen anknüpft, Jüdinnen*Juden stereotypisiert und sie mit negativen Charakterzügen kennzeichnet. Solche Darstellungen etablieren beim Publikum antisemitische Bilder. Sie verschieben die Grenzen des Sagbaren und fördern die Alltäglichkeit von Antisemitismus, welchen Jüdinnen*Juden immer wieder auch in unmittelbarer Gewalt erleben. Kulturstätten werden so zu Orten der Unsicherheit in denen Jüdinnen*Juden unvermittelt Antisemitismus begegnet.

Die Darstellung von Jüdinnen*Juden

In der Szene, die die Vorstellung der Hauptfiguren einleitet, soll dem Publikum mit mehreren Symbolen verdeutlicht werden, dass es sich im Folgenden um eine jüdische Familie handelt. So wird betont, dass nun der Sederabend, der Beginn des Pessachfestes stattfinde, die Männer tragen große, schwarze Kippot, es wird Musik mit hebräischem Gesang eingespielt und getanzt. Die Überbetonung der jüdischen Symbolik führt zu dem grotesken Bild, dass auf dem Sedertisch eine große Channukiah Platz findet. Die Kerzen des neunarmigen Leuchters werden jedoch ausschließlich an Chanukkah, einem anderen Fest gezündet. Im Anschluss folgt eine lange Streit-Szene, in der die Eltern von Eitan, David und Norah als böse und selbstsüchtige Figuren dargestellt werden. So instrumentalisieren sie die Schoa um Eitan, ihrer rassistischen Ideologie entsprechend, zu beeinflussen. Dabei verteidigt Norah den Rassismus ihres Ehemanns mit der Erklärung, dass Araber nun mal dessen Feinde seien. Davids ausgeprägter Rassismus wird so als Normalität in jüdischen Familien dargestellt.

Eine solche Darstellung bleibt beim Publikum nicht ohne Wirkung. Nach der Vorstellung hörten die Studierenden wie ein Besucher, als er den Theatersaal verließ, an seine Begleitung gewandt sagte: „Das Problem ist ja, dass wenn du Jude bist, du denkst, dass du der Größte bist“. Für die Studierenden liegt in der Tatsache, dass mindestens bei einem Teil des Publikums davon auszugehend ist, dass das Stück antisemitische Bilder verfestigt, wenn nicht gar erst aufzeigt, die größte Problematik in der Aufführung:

„Der Kommentar des Gastes macht deutlich, wie alarmierend eine solche Darstellung von Jüdinnen*Juden und ihre Wirkung ist. In der Aussage wird das Othering deutlich, dass Jüdinnen und Juden täglich erleben. Othering, also das anders machen beschreibt die Markierung einer Differenz zwischen Nichtjüdinnen*Nichtjuden und Jüdinnen*Juden. Letztere werden nicht als etablierter Teil der Gesellschaft mit alltäglichen Bedürfnissen verstanden. Die Aussage unterstellt Jüdinnen und Juden außerdem eine gewisse Machtgier. Beides sind alte antisemitische Stereotype. Die Reaktion zeigt, wie schnell sich die Darstellungen von Juden*Jüdinnen in dem Stück als Realität in den Köpfen der Zuschauer verankert!“ –Verband Jüdischer Studierender Nord

Antijudaismus

Ein Hauptstrang des Stückes ist, dass der Großvater Edgar als israelischer Soldat ein arabisches Kind (David) stahl und es im Glauben aufzog, jüdisch zu sein. Die Geschichte, in der ein Jude ein Kind stiehlt, knüpft an die sogenannte Ritualmordlegende an. Der Mythos besagt, dass Jüdinnen*Juden heimlich nichtjüdische Kinder entführen und ermorden würden, um ihr Blut für rituelle Zwecke zu missbrauchen. Sie ist eines der wirkmächtigsten antijudaistischen Motive und führte bereits im Mittelalter, im christlich geprägten Europa und zu späterer Zeit auch in der islamischen Welt, immer wieder zu Pogromen und antisemitisch motivierten Lynchmorden.

Die Verwendung dieses antijudaistischen Motivs wird ein weiteres Mal bedient: Nachdem Eitan seiner Familie verkündet, dass er eine Araberin liebt, fragt David ihn, was geschehe, wenn er ihm jetzt ein Messer an den Hals halten würde. Eitan erwidert, das mache David zum Kindsmörder.

An einer anderen Stelle wird von Leah auf den aus der Bibel stammenden Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ Bezug genommen. Der Satz wird häufig (entgegen seiner eigentlichen Bedeutung) als Beweis für einen rachsüchtigen Charakter des Judentums herangezogen.

Post-Schoa Antisemitismus

An verschiedenen Stellen des Stücks wird die Schoa durch vermeintliche „Witze“ bagatellisiert. So kommentiert der Großvater Edgar das Warten in einer Warteschlange am Flughafen mit den Worten: „Schicken die uns in den Ofen, oder wie?“. Die Frau Edgars bedauert an anderer Stelle, dass dieser nicht im KZ gestorben sei, da sie ihn dann nicht mehr ertragen müsste. Da die Aussagen jüdischen Figuren in den Mund gelegt werden, stellen sie diese als normalen Umgangston zwischen Jüdinnen*Juden dar. Sie legitimieren die Aussagen damit auch für ein nichtjüdisches Publikum als noch im Rahmen des Sagbaren. Dies ist insbesondere problematisch, da Jüdinnen und Juden häufig in Anfeindungen erleben, dass ihnen gewünscht wird, sie sollen in einem KZ ermordet werden, wie ihre Vorfahren.

Es bleibt im Stück jedoch nicht bei „Witzen“ über die Massenvernichtung. Die rassistischen Aussagen des Vaters David gegenüber Araber*innen werden von diesem immer wieder mit dem Verweis auf das Leid des Großvaters während der Schoa gerechtfertigt. Die Aussagen wiederholen damit das antisemitische Motiv, Jüdinnen*Juden würden die Erinnerung an die Schoa für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Auch findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt, indem der Sohn Eitan verkündet, dass das jüdische Volk heute Palästinenser*innen in gleicher Weise behandle, die es einst von den deutschen Nationalsozialisten erfuhr. Indem die Schoa mit dem Verhalten Israels im Israelisch-Palästinensischen Konflikt gleichgesetzt wird, wird erstere relativiert und Israel als Wiedergänger des Nationalsozialismus dämonisiert. Die Aussagen fallen bei einem deutschen Publikum auf fruchtbaren Boden. So setzen, laut einer repräsentativen Umfrage der Leipziger Autoritarismus Studie, 30% der Befragten das Verhalten Israels gegenüber den Palästinenser:innen mit Praktiken des Nationalsozialismus gleich. 40% stimmen der Gleichsetzung zumindest noch teilweise zu. Weiter sind 40% der Meinung, heutige Reparationszahlungen würden lediglich „einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten“ nützen, aber nicht den eigentlichen Opfern. Die Forderung nach einem „Schlussstrich“ sei ebenfalls weit verbreitet. Über 50% der Befragten stimmten der Aussage zu, dass zeitgenössische Probleme eher behandelt werden müssen als, dass sich mit Vergangenem beschäftig werden soll. 20% stimmen der Aussage noch teilweise zu.[1]

Israelbezogener Antisemitismus

In einer Szene wird gezeigt, wie die israelische Soldatin Eden sich übergriffig gegenüber der Araberin Wahida verhält. Beendet wird der Übergriff durch die Explosion eines Anschlags. In der Darstellung kann der Anschlag als Erlösung von dem Übergriff verstanden werden.  So entsteht, symbolisiert durch die zwei Figuren, ein dichotomes Bild des Israelisch-Palästinensischen Konflikts, in dem Israel als übermächtiger und sadistischer Staat dargestellt wird, gegen den jedes Mittel legitim erscheint.

Weiter berichtet die Großmutter Leah von Selbstmordanschlägen durch verliebte Israelische und palästinensische Jugendliche, nach deren Durchführung die Regierung durch Gen-Analysen beweisen wollte, dass ausschließlich Palästinenser*innen an den Anschlägen beteiligt waren. Dabei hätte die Regierung versehentlich fast bewiesen, dass Jüdinnen*Juden und Palästinenser*innen genetisch gleich seien. Dies sollte aber angeblich verdeckt werden. Befremdlich ist, dass an dieser Stelle ohne weitere Einordnung behauptet wird, dass an Selbstmordanschlägen, die in der Vergangenheit vorwiegend israelische Zivilist*innen trafen, jüdische Israelis gleichermaßen beteiligt gewesen seien. Antisemitisch ist die Darstellung Israels als manipulativer und rassistischer Staat.

Die zahlreichen positiven Reaktionen die das Stück nach den Aufführungen in Lüneburg hervorgerufen hat und die Eindrücke, welche die Studierenden nach ihrem Besuch schildern ergeben zwei völlig verschiedene Eindrücke:

„Das Theaterstück Vögel schien bei allen, bis auf uns vier jüdischen Zuschauern, hervorragend anzukommen. Wir saßen sprachlos da und lauschten den siebenminütigen Standing Ovations. Ein Stück, welches die Schoa relativiert, Israel zum Tyrannen kürt und Jüdischsein als größte Bürde darstellt. Wie lässt uns das fühlen? Eine junge Generation, welche dafür kämpft, endlich ein positives Bild des diversen Judentums zu etablieren. Wir sind zutiefst betroffen über die grausame, fehlerhafte, einseitige und diffamierende Darstellung jüdischer Menschen, Feiertage und Traditionen und auch des Staates Israel. Für uns war das Stück eine traumatisierende Erfahrung. Die für uns klaren, antisemitischen Narrative schienen für den Rest des Publikums nicht lesbar zu sein.“- Verband Jüdischer Studierender Nord

Hierin wird die Diskrepanz in der Wahrnehmung von Antisemitismus deutlich. Eine von der Bertelsmann-Stiftung durchgeführte Studie ergab bereits 2013, dass 77% der befragten (nichtjüdischen) Deutschen der Auffassung seien, dass kaum jemand in Deutschland negativ gegenüber Jüdinnen*Juden eingestellt sei. Bei einer 2017 durchgeführten Befragung unter Jüdinnen*Juden in Deutschland hielten nahezu ebenso viele Befragte, nämlich 76%, Antisemitismus für ein großes Problem in Deutschland.[2]

Betroffene weisen immer wieder darauf hin, dass Antisemitismus von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft oft nicht als solcher erkannt wird. Ein Grund kann darin liegen, dass Antisemitismus sich häufig chiffriert äußert und Umwegkommunikationen nutzt. Bei der Skandalisierung von Vorfällen sehen sich Betroffene aber auch mit der Bagatellisierung von Antisemitismus konfrontiert. Damit wird nicht Antisemitismus, sondern die Bearbeitung des Problems verunmöglicht. Im Vorfeld der Inszenierung in Lüneburg, hat es nicht an Kritik und Hinweisen aus der jüdischen Community ob der antisemitischen Motive des Stücks gemangelt. Schließlich führten eben solche Hinweise nur wenige Wochen zuvor zur Absetzung des gleichen Stücks in München. Dass das Stück dennoch in dieser Art aufgeführt wurde zeigt, dass antisemitische Motive entweder nicht gesehen werden wollten, oder das Stück gerade auch wegen ihnen aufgeführt wurde. Gemessen an der Reaktion des Publikums muss die Inszenierung eines Stücks mit antisemitischen Motiven für das Theater als Erfolg gewertet werden.


[1] Vgl. Kiess, Johannes; Decker, Olive; Heller, Oliver; Brähler, Elmar:  Antisemitismus als antimodernes Ressentiment: Struktur und Verbreitung eines Weltbildes, in: Decker, Oliver; Brähler, Elmar (Hrsg.), (2020): Autoritäre Dynamiken Alte Ressentiments – neue Radikalität, Leipziger Autoritarismusstudie 2020, Psychosozial-Verlag, Gießen, S. 226-227 [URL:] https://www.boell.de/sites/default/files/2021-04/Decker-Braehler-2020-Autoritaere-Dynamiken-Leipziger-Autoritarismus-Studie_korr.pdf

[2] Vgl. Steffen Hagemann/ Roby Natanson: Deutsche und Israelis heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung 2015. Hier S. 117.

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