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„Thor Steinar braucht keiner“

Foto: Michael Klarmann, klarmann.blogsport.de

Die Eröffnung des Thor-Steinar-Ladens in Halle (Saale) jährt sich am 4. Juni zum ersten Mal. Ein Rückblick auf die Geschehnisse im vergangenen Jahr und die Arbeit der von der Amadeu Antonio Stiftung geförderten „Aktion Ladenschluss“.

Als am 4. Juni 2009 im Zentrum der Stadt Halle (Saale) der Laden „Oseberg“ eröffnet wurde, kamen etwa hundert Demonstrantinnen und Demonstranten um ihren Unmut über den geplanten Verkauf der bei Neonazis begehrten Modemarke „Thor Steinar“ zu äußern. Ein Transparent mit der Aufschrift „Thor Steinar braucht keiner“ verdeutlichte damals den Standpunkt der Protestierenden. Ein Jahr ist seitdem vergangen – Grund genug, um die Geschehnisse rund um den „Oseberg“-Laden näher zu beleuchten.

Etablierung des „Oseberg“-Ladens

„Der Laden ist sehr gut in der Halleschen Fußgängerzone zwischen dem Hauptbahnhof und dem Marktplatz platziert. Von außen gesehen ist er aber durch einen Bretterverschlag optisch so unattraktiv, dass man davon ausgehen kann, dass jeder, der dort hineingeht auch weiß, wohin er geht“, stellt Sandra von der Initiative „Aktion Ladenschluss“, die lieber nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, fest. „Der Laden läuft aber weiter und wird erschreckend gut besucht.“ Die anfänglichen Befürchtungen, dass sich der Laden nicht nur als Verkaufsstelle für allerlei Neonazi-Zubehör, sondern auch als Treffpunkt für die lokale und regionale Neonaziszene etablieren würde, scheinen sich also bewahrheitet zu haben.

Erfolgreiche Informationskampagne

Als Reaktion auf die Geschäftseröffnung entstand nach Vorbild ähnlicher Initiativen in anderen Städten die „Aktion Ladenschluss“, in der sich ein breites Bündnis aus verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen organisierte. Die „Aktion Ladenschluss“, die von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert wird, strebt langfristig die Schließung des „Oseberg“-Ladens an. Diese gestaltet sich jedoch als juristisch äußerst schwierig. Aus diesem Grunde konzentriert sich die Initiative auf die Aufklärung der lokalen Bevölkerung, insbesondere der Jugendlichen. In den vergangenen Monaten konnten durch Workshops zum Thema „Thor Steinar und neonazistisches Gedankengut“ ungefähr 340 Jugendliche an mehreren Schulen in und um Halle erreicht werden. „Viele Jugendliche sind ins Nachdenken gekommen. Wir hatten auch einige ‚Thor Steinar’-Träger bei den Workshops – die meisten von ihnen wissen schon ziemlich genau, was sie da tragen. Aber vor allem die jüngeren Träger in der achten und neunten Klasse machen sich nicht sehr viele Gedanken darüber, insofern hoffen wir natürlich diese noch zu erreichen“, resümiert Sandra. Die Workshops sollen auch künftig durchgeführt werden – nicht zuletzt auch aufgrund der positiven Resonanz der Lehrerinnen und Lehrer, die die Workshops für ihre Schulen buchten. Die Initiative würde diese dann auch gerne außerhalb Halles anbieten und sucht dafür derzeit nach geeigneten Kooperationspartnern und interessierten Schulen.

Protestbewegung in der Krise

Trotz der durchaus erfolgreichen Informationskampagne und besonders in der Anfangszeit immer wieder stattfindenden Protestaktionen vor dem „Oseberg“-Laden sieht sich die Initiative in einer gegenwärtigen Krise. In den vergangenen Monaten sind die Aktivitäten gegen den Laden ein wenig erlahmt. „Wenn sich wieder eine kritische Masse bildet, könnte sich die Situation wieder ändern, aber derzeit sehe ich nur noch wenig aktiven Protest im öffentlichen Raum“, so Sandra. Auch von den umliegenden Geschäften, die dem „Oseberg“-Laden ablehnend gegenüberstehen, weil sich seine Existenz negativ auf das Geschäftsumfeld auswirkt, ist kein offensives Vorgehen sichtbar. Zu fragil ist die Geschäftslage und zu groß die Angst, ins Fadenkreuz der Neonazis zu geraten. Und auch die Stadt Halle, der die Initiative eine durchaus engagierte Haltung attestiert, konnte bisher nicht entscheidend auf die Situation einwirken. Es ist also mehr denn je zivilgesellschaftliches Engagement gefordert, andernfalls steht zu befürchten, dass sich der „Oseberg“-Laden weiter festsetzen und ein dauerhafter Bestandteil der Halleschen Alltagswirklichkeit werden kann.

Von Thomas Olsen

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