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Interview

„Der gesellschaftliche Rassismus ist in Marzahn-Hellersdorf stärker“

Die 2. Phase der Kampagne BerlinzeigtCURAge nimmt rechte Gewalt in den Berliner Außenbezirken in den Blick. Diese werden in den Debatten um vorurteilsmotivierte Gewalt oft außen vor gelassen, aber Menschenfeindlichkeit endet eben nicht am Berliner S-Bahn Ring.

Das folgende Gespräch ist Teil einer Interviewserie mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und Vertreter*innen aus der Politik und der Verwaltung, mit denen wir über rechte Gewalt in ihren Bezirken sprechen. Von der Situation in Marzahn-Hellersdorf berichtet diesmal das Jugendprojekt La Casa. Sie fordern mehr materielle Unterstützung für unabhängige antirassistische Projekte.

 

Opferfonds CURA: Wie ist die Lage im Bezirk Marzahn-Hellersdorf? Ist rechte, rassistische und antisemitische Gewalt dort ein großes Problem? Gibt es lokale Besonderheiten?

La Casa: Rechte Gewalt ist in Marzahn-Hellersdorf, wie auch überall sonst, ein großes Problem. Das reicht von der Präsenz rechter Propaganda über Anfeindungen und Pöbeleien bis hin zu körperlichen Übergriffen. Der gesellschaftliche Rassismus, der überall zu Tage tritt, ist in Marzahn-Hellersdorf unserer Einschätzung nach stärker als in anderen Bezirken in Berlin.

Der Bezirk hat sich in den letzten 10 – 20 Jahren dennoch stark gewandelt. Durch zunehmende Gentrifizierung in der Innenstadt sind viele Menschen gezwungen worden, an den Rand zu ziehen – das macht die Vielfalt von Menschen hier deutlich größer. Hinzukommen als ‚lokale Besonderheit‘ einige Geflüchteten-Unterkünfte, die hier ihren Platz gefunden haben. In den Jahren der Eröffnung 2013/2014 gab es eine sehr starke rassistische Mobilisierung gegen die Unterkünfte, die mit vielen Übergriffen und Anfeindungen einherging. Das hat es den Menschen, die dort leben, nicht leicht gemacht. Zum Glück hat es aber auch eine Gegenmobiliserung von Antifaschist:innen gegeben und es wurden Hilfsangebote geschaffen.

Antiziganismus spielt unserer Meinung nach auch eine bedeutende Rolle im Bezirk. Zur Zeit des Nationalsozialismus befand sich hier ein Zwangslager für Sinti und Roma – über die Errichtung der Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn am Otto-Rosenberg Platz sind bis heute jedoch nicht alle Menschen glücklich. Antiziganistische Kontinuitäten lassen sich also auch hier im Bezirk finden.

Unserer Einschätzung nach sind Rassismus und Antisemitismus hier weiterhin ein großes Problem, was auch an den vielen rechten Stickern und Plakaten zu erkennen ist oder an den Wahlstimmen, die die AfD bekommt. Direkte Angriffe haben in den letzten 5 Jahren aber tendenziell abgenommen.

Habt ihr schon selbst Erfahrungen mit rechter Gewalt gemacht?
Vermehrte und direkte Erfahrungen mit rechter Gewalt haben sich bei uns eher in den 90er und 2000er Jahren abgespielt, als es regelmäßig zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Antifaschist:innen und Rechten kam. Damals wurde auch das La Casa bzw. das Haus, in dem sich das La Casa befindet, angegriffen. Heutzutage passiert das in der Form nicht mehr. Es tauchen ab und zu Sticker von der „Identitären Bewegung“ oder dem „III. Weg“ in der Nähe des Geländes auf, aber für Menschen, die augenscheinlich weiß oder bürgerlich/nicht szenemäßig gekleidet sind, ist das das Einzige. Andere Orte im Bezirk sind jedoch noch immer von direkten rechten Angriffen betroffen.  Und auch hier werden von Rassismus betroffene Menschen, die bei uns ein und aus gehen, trotzdem noch beschimpft, angepöbelt oder bedroht.

Wird rechte Gewalt auf Bezirksebene verhandelt? Gibt es Angebote für Betroffene? Wird dem Phänomen Aufmerksamkeit geschenkt?
Unser Eindruck ist, dass rechte Gewalt auch zunehmend als Schwerpunkt auf Bezirksebene bearbeitet wird. Es gibt jedoch Faktoren, die diese Arbeit wieder erschweren, wie bspw. die hohe AfD-Präsenz, die zu ihrem Mitspracherecht in der Bezirksverordnetenversammlung führt. Zudem sind die Angebote, die geschaffen werden, oft nicht ausreichend antirassistisch ausgerichtet. Viele der Projekte sind von Menschen betreut, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind und ihre eigenen Rassismen noch nicht abgelegt oder reflektiert haben. Oft fehlen auch entsprechende Gelder für engagierte Menschen oder ganz einfach Räume, um sich mit staatlicher Unterstützung eigene Hilfe aufzubauen.

Was wäre eurer Meinung nach notwendig, um dem Problem rechter Gewalt effektiv entgegenzutreten?
Das ist eine schwierige Frage und muss unbedingt in einen größeren Kontext gesetzt werden: da sich Rassismus nicht nur bei Nationalsozialisten oder Faschisten, sondern auch in der Allgemeingesellschaft und auf staatlicher Ebene wiederfindet, müsste es hier um eine breite gesellschaftliche und strukturelle Transformation gehen.

Wenn wir uns aber nur die bezirkliche Ebene näher anschauen, würde eine großflächige Aufklärung über die AfD, deren Ideologie und arbeiterfeindliches Parteiprogramm, vielleicht dazu beitragen, rechter Gewalt entgegen zu treten. Mit Blick auf die hohe AfD-Wähler:inenschaft im Bezirk sehen wir das Problem rechter Gewalt auch mit der Frage nach sozialem Status verbunden. Die hier lebenden Menschen müssten also direkt abgeholt werden, es müsste mehr Geld in Kulturangebote fließen und Räume zur nachbarschaftlichen Vernetzung geschaffen werden. Zudem müssten mehr antirassistische Hilfsangebote geschaffen werden, wie Safe Spaces, also Räume, die explizit denen gelten, die von Rassismus betroffen sind. Und nicht zuletzt müsste betroffenen Menschen mit konkreten Mitteln – wie Übersetzungsmöglichkeiten, Sprachkursen, Workshops oder eigenen Räumen – die Selbstorganisierung erleichtert werden, um eine nachbarschaftliche, antirassistisch Organisierung von unten möglich zu machen.

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