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Verschwörungserzählungen zum angeblichen „War on Christmas“

Es ist Weihnachtszeit und auch dieses Jahr schlagen Verfechter der Verschwörungserzählung der sogenannten „Islamisierung“ wieder die Alarmglocken und behaupten, christliche Traditionen der Winterzeit stehen unter Beschuss.

Von Lukas Jäger

Der Advent als Zeit der Besinnung in Erwartung der Ankunft Jesu Christi? Bei rechtsradikalen Akteur*innen, die sich doch eigentlich gern als angebliche Verteidiger*innen des „christlichen Abendlandes“ ausgeben, ist die Adventszeit alle Jahre wieder die Zeit muslimfeindlicher Verschwörungserzählungen.

In den letzten Jahren drehte sich die Hysterie in den Internetkommentarspalten um die angebliche Umbenennung eines St. Martinsfestes eines Kindergartens in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“, um die Bezeichnung des Elmshorner „Lichtermarkts“, oder um alternative Namen für Weihnachtsfiguren aus Schokolade. In allen Fällen kommt von Online-Kommentierenden der Vorwurf, christliche Traditionen werden abgeschafft, es gebe einen „War on Christmas“ (Krieg gegen Weihnachten). Ein solcher Krieg werde angeblich durch eine vermeintlichen „Islamisierung“ des Abendlandes vorangetrieben und die Umbenennung, Abschaffung oder Ersetzung gängiger Traditionen stellten Unterwerfungsgesten gegenüber dieser „Islamisierung“ dar. Allerdings handelt es sich bei der „Islamisierung“ um eine anti-muslimische Verschwörungserzählung, die hauptsächlich genutzt wird, um Angst vor Muslim*innen in Deutschland zu schüren.

War on Christmas – in den USA seit dem 17. Jahrhundert
Die Idee eines „War on Christmas“ lässt sich in den USA weit zurückverfolgen. Im 17. Jahrhundert gab es tatsächlich Versuche, Weihnachtsfeierlichkeiten zu unterbinden – angetrieben wurde dieses Vorhaben allerdings durch die christlichen Puritaner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete Automagnat Henry Ford antisemitische Publikationen, in denen er behauptete, die Weihnachtstradition werde durch Jüd*innen eingeschränkt. Doch die moderne Debatte um einen angeblichen „War on Christmas“ wurde maßgeblich durch Fox News Moderator Bill O’Reilly vorangetrieben. Dieser behauptete seit 2004, dass Verfechter des säkularen Progressivismus alles Christliche aus den Weihnachtstraditionen streichen wollen. Laut Panikmachenden wie O’Reilly sei es nicht mehr erlaubt, „Merry Christmas“ (Frohe Weihnachten) zu sagen und es solle durch das neutralere „Happy Holidays“ (Fröhliche Festtage) ersetzt werden. Dies wurde letzten Endes dann auch von US-Präsident Donald Trump während seines Wahlkampfes2015 aufgegriffen.

Obgleich also sowohl in den USA und Deutschland von Angriffen auf den christlichen Charakter von winterlichen Traditionen die Rede ist, beschuldigen die US-amerikanischen Angstmachenden „Political Correctness“, wohingegen sich die deutsche Skandalisierung mittlerweile hauptsächlich um die vermeintliche „Islamisierung“ dreht. Als Standhalter für die als zu schützen angesehenen Werte und Kulturgüter werden dabei hauptsächlich kommerzielle Produkte genutzt, wie eben Dekorationen, Süßigkeiten oder Weihnachtsmärkte.

Horst, der Herbststern
Dieses Jahr ging der „War on Christmas“ früh los, nämlich schon im Oktober. Da stellte „Aldi Nord“ die als roten Weihnachtssterne beliebten Pflanzen einfach mit weißen Blättern als „Herbststerne“ ins Regal! Schnappatmung bei AfD und Co.: Auf ihrer Facebook-Seite schreibt die AfD: „Die Islamisierung findet nicht statt… Anstatt Weihnachtsstern jetzt Herbststern bei Aldi“. Im Artikel der rechtsalternativen Website Journalistenwatch.com hieß es gar, der Weihnachtsstern sei einer „islamkonformen Säuberung“ zum Opfer gefallen.

Inzwischen sind die Posts gelöscht: Der „Herbststern“ ist schlicht eine Neuzüchtung mit hellen Blättern, um die Pflanzen bereits im Herbst verkaufen zu können. Rote Weihnachtssterne gibt es trotzdem im Sortiment (vgl. WuV). Top-Antwort zum Thema gab der Social Media-Account von „Aldi Süd“: „Bei dem Winterstern handelt es sich nicht um den klassischen roten Weihnachtsstern (den wir übrigens auch noch als Busch anbieten werden), sondern um eine Abwandlung. Um die Verwechslung damit zu vermeiden, haben wir uns für den Namen „Winterstern“ entschieden. Du darfst ihn aber auch gerne Horst nennen, wenn du dich damit besser fühlst.“ (vgl. Mimikama).

Brandner und das Geschenkelager
So wurde eine vermeintliche unterwerfende Umbenennung von Weihnachtssüßigkeiten auch von Stephan Brandner, AfD-Politiker und damaliger Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestages, Ende Oktober angeprangert. Als Tweet postete Brandner ein Foto von der Rückseite eines Kinder-Schokoladenadventskalenders in Form einer Weihnachtselfenwerkstatt, auf der auch ein Schild mit der Aufschrift „Geschenke-Lager“ abgebildet ist. Dazu schrieb der AfD-Politiker: „Ganz früher hieß das mal #Adventskalender, oder?“

Im Kommentarbereiche wiesen sämtliche Twitter-Nutzende umgehend darauf hin, dass dieses Kinderprodukt durchaus den Titel „Adventskalender“ auf der Vorderseite trägt – Brandners Bild hatte schlicht die Rückseite des Kartons zeigte. Auf diese Richtigstellung antwortete Brandner mit einem Tweet, in dem er behauptete, er habe mit seinem ersten Tweet nur provozieren wollen und es sei alles nur eine „Wette“ gewesen, die er gewonnen habe. Interessanterweise sind die inzwischen rund 900 Kommentare, die der Tweet erhielt, durchgängig Kritik an Brandner und der AfD. Hoffentlich hat er alle gelesen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Belltower.News.

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