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Vierter Jahrestag des Halle-Anschlags: Gegen das Vergessen 

Am 9. Oktober 2023 fand in Halle ein Gedenken an den antisemitischen Terroranschlag vor vier Jahren statt. Unter anderem vor der Synagoge kamen Betroffene rechtsextremer Gewalt zu Wort. (Foto: Dustin Lose)

Am Montag jährte sich zum vierten Mal der antisemitische, rassistische und antifeministische Anschlag in Halle 2019. Am Nachmittag zogen bei teilweise strömendem Regen rund 150 Menschen bei einem Gedenkrundgang durch die Stadt, um vor allem zwei Menschen zu gedenken: Jana L. und Kevin S, die am 9. Oktober 2019 kaltblütig von einem Rechtsterroristen ermordet wurden, nachdem das Attentat auf die Synagoge scheiterte. 

Von Lea Wolters

Vom Steintor aus, wo auf großen Aufstellern Zitate von Überlebenden zu lesen waren, ging es zur Synagoge, wo es weitere Redebeiträge gab und den Ermordeten bei einer Schweigeminute gedacht wurde. Gemeinsam erinnerten die Teilnehmenden  daran, dass es nur die schwere, verriegelte Eingangstür der Synagoge war, die den Mord an 53 Jüdinnen*Juden verhinderte, die an diesem Tag Yom Kippur feierten.

Beim Gedenken am 9. Oktober 2023 ist es nicht nur das Trauma vom Überleben des Anschlags, das reaktiviert wird. Auch der brutale Angriffskrieg der Hamas auf Israel und der Mord an tausenden israelischen Zivilist*innen schreibt sich in transgenerationale Traumata von Verfolgung und Vernichtung ein. Jüdinnen*Juden in Deutschland wissen genau: Der antisemitische Hass wird nicht im Nahen Osten bleiben. Auch in der hiesigen Gesellschaft müssen Jüdinnen*Juden und jüdische Einrichtungen verstärkt um ihre Sicherheit fürchten.

Ein erkämpfter Gedenkort

Der Gedenkrundgang endete am TEKIEZ, dem ehemaligen Kiez-Döner, wo unter dem Motto „Erinnern-Kämpfen-Verändern. Selbstbestimmt und solidarisch” eine Kundgebung für „eine schöne Gesellschaft” der Soligruppe 9. Oktober stattfand. Das Gedenken an die Opfer des Anschlags wird seit Jahren weitgehend ehrenamtlich durch İsmet Tekin, der den Anschlag überlebte, seinem Bruder Rıfat Tekin und ihre Unterstützer*innen organisiert.

Es ist ihr unermüdliches Engagement, dass das TEKIEZ zu einem einzigartigen Gedenk- und Erinnerungsort für die Opfer des Anschlags, sowie für Überlebende und alle Betroffenen rechter Gewalt gemacht hat. Trotz aller Rückschläge und kaum Unterstützung von der Stadt und der Politik, setzen sich die Tekins ohne Pause dafür ein, dass der selbstgestaltete Gedenkort auch in Zukunft erhalten bleibt. Gemeinsam mit der Soligruppe 9, Unterstützer*innen und der Solidarität anderer Initiativen können sie trotz aller widrigen Bedingungen vor allem eins zeigen: Dass der Täter nicht gewonnen hat. Und dass es kein Vergessen geben wird.

Jahrzehnte des Terrors

Auch in diesem Jahr findet sich auf der Kundgebung ein großes solidarisches Netzwerk aus Überlebenden, Angehörigen, Freund*innen und Unterstützer*innen zusammen.

Zu Beginn der Kundgebung wird eine Audiobotschaft von Kevin S. Vater eingespielt. Er spricht von dem Schmerz, den er jedes Jahr erneut durchleben muss, vor allem, wenn er sich an die letzten Worte seines Sohnes erinnert, als dieser dem Attentäter gegenüber um sein Leben bettelt: „Bitte nicht!”. Er möchte an seinen Sohn erinnern, als einen liebevollen und fürsorglichen Menschen. Und vor allem möchte er das Vergessen verhindern. Er wünscht sich, dieselbe Unterstützung, die er durch das Land erhalten hat, auch für andere Betroffene und Angehörige.

Jana L.s Familie möchte im stillen Gedenken. Auf der Kundgebung spielt jedoch Jana L.’s  Chorgruppe  “Missklang”. Bei einem Lied, dass Jana L. einmal zum Chor mitbrachte, wird ihr gemeinsam gedacht.

Es folgen viele weitere, kraftvolle Redebeiträge, an diesem grauen, regnerischen Tag. Neben dem Angriffskrieg der Hamas auf Israel, sind es vor allem auch die Wahlerfolge der AfD, die zusätzlich beschweren. Trotz der zermürbenden Ereignisse der letzten Tage sind viele angereist oder haben Audiobotschaften gesendet. Es sprechen Menschen unterschiedlicher Generationen, aus unterschiedlichen Städten, die verschiedene rechtsextreme Anschläge miterleben mussten und Angehörige verloren haben.

Darunter sind Betroffene und Angehörige aus Solingen, Mölln, Dortmund, München, Hanau, Halle und viele mehr. Es geht um den niemals endenden Schmerz um die Verlorenen, die Folgen der Anschläge auf das alltägliche Leben und um transgenerationale Traumata, in die sich das Attentat in Halle eingeschrieben hat, das in einer Reihe von rechtsterroristischen Anschlägen in der BRD nach 1945 steht.

Hört man den Redner*innen zu, wird vor allem eins erneut deutlich: Die Kontinuität und die Parallelen der rechtsextremen Attentate, die teilweise bis heute als Einzelfälle verharmlost  werden, über Jahrzehnte hinweg. Ob der Anschlag am OEZ in München, die NSU-Morde, oder die rechtsextremen Attentate in Hanau und Halle – immer wieder ist es nicht nur die menschenverachtende Gewalt und das rechtsextreme Morden, das traumatisiert.

Es ist auch die Erfahrung, in einer Gesellschaft zu leben, die rechtsextreme Gewalt verharmlost, entpolitisiert und das Leid der Betroffenen nicht anerkennt, die erneut traumatisiert. Es ist die Ignoranz der Politik, die es bis heute nicht schafft, entschlossen gegen Rechtsextremismus vorzugehen und das wiederholte Behördenversagen, durch das Betroffene jegliches Vertrauen verlieren und sich im Stich gelassen fühlen. Das fehlende gesellschaftliche Bewusstsein dafür, dass viele Menschen in dieser Gesellschaft in einer alltäglichen Angst und Unsicherheit leben, weil nicht alle Körper und Leben gleichermaßen geschützt werden, schafft eine schmerzhafte Kluft.

„Wir werden nicht ruhen, bis sich etwas ändert” 

Doch neben der Trauer, dem Frust und der Enttäuschung war an diesem Abend auch eines deutlich zu spüren: Wut. Eine Wut, die dazu antreibt, sich zu vernetzen und weiterzukämpfen, bis sich etwas verändert. Unter den Redner*innen sind Yasemin und Engin Kılıç, die Eltern des 2016 in München ermordeten Selçuk Kılıç. Nach vielen Jahren der Trauer haben sie heute die Kraft, an die Öffentlichkeit zu treten, zu sprechen und Veränderung einzufordern. Jahrelang hat es gedauert, bis das Attentat beim OEZ in München als rechtsterroristische Tat anerkannt wurde. Bis heute denken viele Menschen, es hätte sich um einen Amoklauf eines verwirrten Einzeltäters gehandelt. Im Gedenken an die rechtsextremen Morde in Halle macht sie heute vor allem eins wütend: Wäre der Anschlag in München von Anfang an als rechtsextreme Tat anerkannt worden, wäre entsprechend ermittelt worden, hätte die Tat in Halle vielleicht verhindert werden können. Denn heute ist, wie Engin Kılıç anprangert, bekannt, dass der Täter aus München mit dem aus Halle durch eine Spielplattform vernetzt war.

Auch Emiş Gürbüz, die Mutter von Sedat Gürbüz, der 2020 in Hanau ermordet wurde, ist angereist und hält eine Rede. Sie ist wütend, dass es bis heute keine lückenlose Aufarbeitung und Konsequenzen des Attentats in Hanau gibt. Bis heute habe sie keine Gerechtigkeit zu spüren bekommen. Sie kann es kaum fassen, wenn sie daran denkt, dass am Ende des Untersuchungsausschusses in Hanau das Behördenversagen wiederholt verschleiert wurde, als der hessische Innenminister Peter Beuth die „gute Polizeiarbeit” lobte. Dass bis heute, mehrere Jahre nach der Tat, keine Fehler eingestanden werden, zeigt für sie einmal mehr, dass es keinen glaubwürdigen Willen gibt, rechtsextremen Terror zukünftig zu verhindern.

Die Wahlergebnisse in Hessen treffen auch die Betroffenen und Angehörigen des Attentats in Hanau schwer. Erneut wird die Angst vor rechtsextremer Gewalt verstärkt. Doch Emiş Gürbüz will sich auch davon nicht entmutigen lassen. „Wir werden keine Ruhe geben, bis sich etwas verändert“, sagt sie kämpferisch. Die aktuelle politische Lage sieht sie vor allem als ein deutliches Signal dafür, dass der schwierige Weg im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus noch entschlossener gegangen werden muss.

Es sind die starken, solidarischen Allianzen, die Kraft geben, weiterzukämpfen und trotz des andauernden Hasses und der Gewalt Raum für Hoffnung lassen. Der Glaube daran, dass ein selbstbestimmtes und solidarisches Erinnern Veränderung in der Gesellschaft schaffen kann, hält davon ab, zu resignieren.  Im Gedenken an Jana L. und Kevin S. erinnert sich Yasemin Kılıç an die kämpferischen und bewegenden Worte von Jessica Haim, einer Überlebenden aus der Synagoge in Halle, die sie bei der „Ceremony of Resilience” traf: „Möge die Erinnerung an sie eine Revolution sein.”

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