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Von Bōsō nach Mecklenburg-Vorpommern

Mensch Monster Maschine.

Als Beate Nelken im März 2011 rund 300 Kilometer entfernt von Fukushima war, erlebt sie die Naturkatastrophe und den darauf folgenden schweren Störfall des Atomkraftwerkes hautnah. Sie beginnt sich viele Fragen zu stellen: was hinterlässt man jungen Menschen für eine Situation, wie können Perspektiven einer Gesellschaftsgestaltung aussehen?

Weltweit öffnete die Katastrophe Augen und wurde für viele ein Auslöser, sich gesellschaftlich einbringen zu wollen. Erst zwei Jahre zuvor zog die Fotografin Beate Nelken nach Mecklenburg-Vorpommern. „In eine Region von Deutschland, in dem das soziokulturelle Angebot gering ist – vor allem für junge Menschen“, so Nelken. Im ländlichen Raum der Region wurden in den letzten Jahren beinahe alle öffentlichen Freizeiteinrichtungen gestrichen, pädagogische Angebote eingestellt.

Rechtsextreme haben diese Situation für sich zu nutzen gewusst und inszenieren sich als „Kümmerer“ vor Ort. Von der Hausaufgabenhilfe bis zur Sozialberatung bieten sie selbst Angebote und suchen so den unmittelbaren Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern. Mit dem Fokus auf lokale Themen, die die Anwohner unmittelbar betreffen, konnte die NPD bei der letzten Landtagswahl Stimmenanteile von teils mehr als 20 Prozent erreichen.

Gesellschaftspolitik für junge Menschen

Einen Raum für wechselseitigen Austausch auf Augenhöhe zu schaffen wurde Beate Nelken zur Herzensangelegenheit, doch die Voraussetzungen vor Ort waren dürftig. „Da war kein Material für die Vorstellung der eigenen Perspektive von Jugendlichen, der Bedarf an einem kreativen Begegnungsort ist sehr hoch“, schildert sie ihre Eindrücke.

Wie aber bekommt man junge Menschen dazu, über sich selbst herauszuwachsen und eine Vision für eine weit entfernte und nicht greifbare Zukunft zu entwickeln?
Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und Kreativität zu schaffen, dafür muss Raum geschaffen werden. So entstand die Idee für das Projekt „science fiction mal anders“.
Wichtig war es den Initiatoren, nicht nur mit einer kleinen Gruppe zu interagieren, sondern ein offenes Angebot für alle Jugendlichen mit verschiedensten Erfahrungshintergründen zu ermöglichen. In künstlerischen Laboren wurde den Teilnehmenden Freiraum gegeben, mittels unterschiedlichster Ausdrucksformen ihre Erfahrungen einzubringen, Behauptungen auszutauschen und Visionen zu entwickeln.

Neue Perspektiven gegen rechte Parolen

Für eine Woche verwandelte sich das Volkstheater Rostock in ein Kunstlabor. Ausgehend von ihrem unmittelbaren Lebensumfeld versuchten sich die Jugendlichen an einer Vision für „Rostock im Jahr 2063“. Unterstützt wurden sie dabei von Experten aus der Wissenschaft ebenso wie von Künstlern verschiedenster Disziplinen. Von der Hochschule über das Asylbewerberheim bis hin zu verschiedensten Vereinen waren auch Einrichtungen aus dem urbanen Umfeld involviert und eröffneten neue Denkwege und Perspektiven jenseits der polemischen und rassistischen Parolen der Rechtsextremen, die die Wahrnehmung in der Region wesentlich beeinflussen.

Und der Projektauftakt war ein voller Erfolg: „Es kamen generationsübergreifend und aus allen Kulturen und sozialen Milieus über 70 Kinder. Auch bei der Abschlusspräsentation waren zahlreiche Besucher und Besucherinnen. Die Menschen warteten darauf, dass sie ihr Potential entfalten können und wir haben große Solidarität erfahren.“
Dass die Projektwoche in eine Lücke mit großem Bedarf stieß, zeigte sich auch an den Reaktionen aus der Region. „Es kam viel Unterstützung durch Sach- und Geldspenden – und genau darum ging es ja: in die Zukunft zu schauen und zu forschen, wie eine Perspektive funktionieren kann. Und das geht nur dann, wenn es mal anders läuft, gemeinschaftlich. Die Botschaft ist: Dass wir die Zukunft nur zusammen schaffen können.“

Gefördert wurde das Projekt des muse work e.V. von der Amadeu Antonio Stiftung. Anknüpfend an den großen Erfolg wird im nächsten Jahr das Folgeprojekt „Kunstlabor Rostock 2“ stattfinden. Wir freuen uns darauf!

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