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Was hat das mit mir zu tun?

An einer Wand sind Bilder und Texte ausgestellt
©Heinrich-Hertz-Schule Hamburg

Die Geschichte von Anne Frank, ihre Tagebuchaufzeichnungen aus dem Versteck vor den Nationalsozialisten und ihr viel zu früher Tod haben tausende Menschen tief bewegt. Doch was bewirkt die Auseinandersetzung wirklich, wenn der Alltag von Jüd*innen in Deutschland noch heute von Antisemitismus geprägt ist? Wie kann eine würdige Erinnerungskultur an die getöteten Jüd*innen im Nationalsozialismus aussehen? Diese Fragen bewegte auch die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg. Sie hat sich ihnen gestellt – und Antworten gefunden: In einem Aktionsjahr mit Unterrichtseinheiten, Ausstellungen und Lesungen will sie den ermordeten Jüd*innen gedenken.

An der Schule gibt es bereits eine Tradition des Erinnerns. Vor der Aula hängt eine Gedenktafel und erinnert an die Schicksale ermordeter jüdischer Schüler*innen. Die Schule ist gleichzeitig eine UNESCO-Schule und hat sich damit zum Ziel gesetzt, für eine Kultur des Friedens einzustehen. Als dann ein neues Leitbild erarbeitet werden sollte, war klar, dass da mehr kommen musste als warme Worte, um Antisemitismus und Rassismus aktiv entgegenzutreten.

Aber um sich wirklich mit der Thematik zu beschäftigen, reiche auch eine einmalige Ausstellung, ein Vortrag oder eine Projektarbeit nicht aus, darüber waren sich die Beteiligten schnell einig. So kam die Idee des Aktionsjahrs auf – dem Anne Frank Jahr. Inhaltlich soll ein Bogen gespannt werden von geschichtlichen Ereignissen bis in die Gegenwart. Dazu gehört neben der Geschichte der Shoah eben auch die aktuelle Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus sowie ihrer Bekämpfung.

Anne Franks Tagebuch
Im Zentrum steht Anne. Von der fünften Jahrgangsstufe bis zu den Abschlussklassen wird Anne Franks Tagebuch gelesen, darüber gesprochen und diskutiert. Die jugendliche Anne Frank kommt näher an die Lebensrealitäten der Schüler*innen und bietet ihnen eine Identifikationsfigur, mehr als es ein Geschichtsbuch je könnte. „Das junge Mädchen, das auch ihre alltäglichen Sorgen und Probleme schildert, über die Pubertät, Liebe und Einsamkeit schreibt, berührte die Schülerinnen und Schüler auf einer emotionalen Ebene“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Stefan Schönefeld. Schnell war das Interesse geweckt, eigene Nachforschungen wurden angestellt. Noch über die tragische Geschichte hinaus bietet das Buch Ansatzpunkte, um an Diskussionen anzuknüpfen. Wie können wir verschieden sein und gleichzeitig Unterschiede aushalten? Und am wichtigsten: Was hat das alles eigentlich mit mir zu tun?

Diese Frage stellt auch die Wanderausstellung „Deine Anne – Ein Mädchen schreibt Geschichte“ des Anne Frank Zentrums. Sie soll eigentlich das Kernstück des Jahres darstellen, wurde wegen der Pandemielage aber zunächst verschoben. Das Besondere der Ausstellung – Schüler*innen werden als Ausstellungsbegleiter*innen geschult. Sie können mit ihrem Wissen Mitschüler*innen und, wenn die Umstände es zulassen, auch die Öffentlichkeit durch die Ausstellung führen.
Gezeigt werden Bilder aus Anne Franks Leben. Vor dem zweiten Weltkrieg, als ganz normales Mädchen am Strand, beim Schlittschuhlaufen oder zusammen mit ihren Freundinnen. Eine glückliche Kindheit. Dann kommt die Flucht und die Zeit im Versteck in Amsterdam, ihre Texte, ihr Tagebuch. Die abschließenden Fragen richten sich an die Besuchenden: Wer bin ich? Was kann ich bewirken? Wen schließe ich aus?

Was bleibt?
Die Corona-Pandemie durchkreuzte viele der Pläne für den weiteren Verlauf des Aktionsjahres. Stefan Schönefeld ist aber wichtig zu betonen, dass die Unterbrechung vieler Projekte durch die Schließung der Schulen, nicht dazu führen wird, dass das nun das Ende sei. Zu wichtig sei das Thema. „Notfalls gehe es auch über den Sommer hinaus weiter“.

Es wird deutlich, dass auch die Beendigung des Aktionsjahrs nicht das Ende der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus von Gestern, Heute und der Zukunft sein wird. Es handelt sich vielmehr um einen dauerhaften Prozess. Dafür werden in der Schule die Grundlagen gelegt. Schüler*innen werden einbezogen, um langfristige Strategien für das Erinnern und gegen Antisemitismus zu entwickeln. Das Kollegium wird fortgebildet zu antisemitischen Angriffen und der “Neuen” Rechten.

Das Aktionsjahr wird alle Beteiligten also nicht nur wegen der aufwühlenden Geschichte Anne Franks im Gedächtnis bleiben. Es ist ein weiter Weg zu einer angemessenen und stetigen Erinnerungskultur, die auch das Heute und die Zukunft einbezieht. Die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg geht diesen Weg.

Eine Auswahl der bisherigen Projekte und Ergebnisse des Aktionsjahrs gibt es hier.

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