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„Wer die Opfer waren – das war eine Frage der Gelegenheit“ – Eine Stadt durchbricht das Schweigen

Begleitet wurde das interaktive Live-Hörspiel von verschiedenen Illustrationen, hier zu sehen der Biberbrunnen in den 90ern.

Das niedersächsische Städtchen Beverstedt ist das was man wohl ein normales Städchen nennt: eine kleine Gemeinde mit mehreren umliegenden Dörfern, wie es sie in Deutschland tausendfach gibt. Doch vor 20 Jahren versammelten sich am Ortswahrzeichen, dem Biberbrunnen, regelmäßig rechtsextreme Jugendliche, die die Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzen.  Mittlerweile hat die Stadt das Problem in den Griff bekommen, die gewaltvolle rechtsextreme Raumnahme konnte unterbunden werden – es ist Ruhe eingekehrt am Biberbrunnen. Dennoch stellt sich die Frage was diese Zeit mit den Bewohner*innen des Ortes gemacht hat. Das Projekt „Biberbrunnen – worüber wir nicht gesprochen haben“ möchte zurück zu den schmerzvollen Erinnerungen an die 90er Jahre, um dieses Kapitel Stadtgeschichte aufzuarbeiten und damit eine Debatte über die Vereinnahmung des ländlichen Raums durch Rechtsextreme anzustoßen. Basierend auf den Erinnerungen der Bewohner*innen und in enger Zusammenarbeit mit Schüler*innen mündete die Auseinandersetzung in ein dokumentarisches Live-Hörspiel. Gefördert wurde das Projekt durch die Amadeu Antonio Stiftung.

von Lorenz Blumenthaler

Beverstedt im Jahr 1996: ein 6000 Einwohner*innen Städtchen im Herzen Niedersachsens. Ein Ort mit drei Schulen, heimeligen Reihenhäusern und einem Brunnen im Ortskern, der von mehreren Bronzebibern geziert wird – dem Biberbrunnen, das Wahrzeichen des Ortes. Es ist, was man wohl eine gute Nachbarschaft nennt. Doch der Schein trügt, zumindest in den 90ern. Damals war der Biberbrunnen als Treffpunkt für Neonazis berüchtigt. Deutschlandweite Aufmerksamkeit erlangte der Ort durch die Berichterstattung im Spiegel im Jahr 1996. Vielleicht auch weil Beverstedt und der Biberbrunnen exemplarisch für eine Art #baseballschlägerjahre in Westdeutschland steht, die aber nie als rechte Gewalt verhandelt wurden. Damals versetzen die Jugendlichen die Gegend mit ihrer Gewaltbereitschaft in Angst und Schrecken. Neben regelmäßigen „Sieg Heil“-Rufen manifestierte sich ihre rechtsextreme Gesinnung durch Angriffe auf Andersdenkende und Migrant*innen. „Man nannte sie ›die Rechten‹ oder auch ›die Neonazis‹, man schaute hin, man schaute weg“, beschrieb damals eine Journalistin des Spiegels die Reaktionen der Beverstedter.

Wenn etwas schiefläuft, merkt man es meistens erst zu spät.

Im Artikel war die Rede von „Jugendgewalt“, „sozialem Terror“, von jungen Männern, deren Leben perspektivlos sei. Die politisch motivierten Aspekte kamen wenig zur Sprache – sie wurden als jugendliche Provokation abgetan. Als Beverstedt trotz ähnlicher, zeitgleicher Vorkommnisse in Bayern oder Schleswig-Holstein durch die Berichterstattung als „brauner Fleck Westdeutschlands“ verschrien war sah sich die Stadt zum Handeln und das Land zum Zahlen genötigt. Gemeinsam mit der Jugendarbeit, den Schulen, der Polizei, den Gerichten und Vereinen versuchte die Gemeinde der Clique vom Biberbrunnen Herr zu werden. Mit Erfolg: Seit Beginn der 2000er ist Ruhe eingekehrt am Biberbrunnen. Was bleibt, ist die Frage wie es damals so weit kommen konnte, dass aus einer Gruppe Jugendlicher, die sich anfangs dort zum Abhängen traf, ein 30-köpfiger Pulk gewalttätiger Rechtextremer wurde, um die sich am Ende sogar die NPD bemühte.

Genau dieser Frage widmet sich „Biberbrunnen – worüber wir nicht gesprochen haben“. Monate der Archivrecherche, der Interviews mit Zeitzeug*innen oder etwa dem Staatschutz gingen dem Projekt voraus. „Wir haben versucht zu rekonstruieren, was ist damals eigentlich passiert, was waren die Taten die hervorstachen?“ so Nele Dehnenkamp. Nach der Recherchephase gingen sie und ihr Team direkt an den Ort des Geschehens, um die Bewohner*innen von Beverstedt zu befragen, wie sie diese Zeit erinnern. Aber auch in die Schulen trugen sie das Thema „um einerseits aufzuklären und auch einen Diskurs anzustoßen.“ Gerade die Schüler*innen waren überrascht davon, was sich damals in ihrem Heimatort zutrug: „Das ist eigentlich schon krass, wenn man so überlegt, dass man selber an den Orten chillt, wo damals sehr viele Nazis oder Neo-Nazis gechillt haben.“ Gleichzeitig verblüffte sie, dass damals niemand etwas unternahm und dass ihre Eltern mit ihnen nie über diese Zeit redeten.

Einen Ort zum Reden schuf das Projekt online, denn dort war den Bewohner*innen des Ortes möglich, ihre Erinnerungen und Erfahrungen an diese Zeit in einer Art Forum zu schildern. Das Projekt schuf so einen Raum des gemeinsamen Austauschs über eine, für viele Bewohner*innen immer noch traumatische Zeit. So berichtete eine anonyme Person online “Ich denke heute noch, dass wir einfach Glück gehabt haben, dass damals niemand gestorben ist.“ Es sind Sätze wie diese, die wehtun und zeigen, was für einen Prozess das Projekt angestoßen hat.

Das Schweigen lichtet sich.

Nele Dehnenkamp ist begeistert, wie gut ihre Initiative, trotz des schwierigen Themas und der unterschiedlichen Methoden, von allen angenommen wurde „Man merkt, dass die Leute, ganz egal welche Meinung sie letztendlich haben, da ganz viel loswerden mussten. Da steckten krasse Emotionen dahinter“. All diese Emotionen, Erinnerungen und Meinungen der Bewohner*innen flossen in ein Live-Hörspiel ein, das im Rahmen des Beverstedter Herbstmarktes in einer Kirche öffentlich aufgeführt wurde.

Am Tag der Aufführung wurde der Biberbrunnen geputzt und geschmückt – man wollte auch optisch ein Zeichen für ein buntes und offenes Beverstedt setzen. Nele Dehnenkamp und ihr Team waren angespannt: Wie würden die Bewohner*innen von Beverstedt auf das Hörspiel reagieren? Während der Aufführung waren alle sehr ergriffen. „Die Leute waren total berührt, uns war das gar nicht bewusst“ so Dehnenkamp. „Jeder hatte ein Puzzleteil in Erinnerung, im Stück haben wir das lediglich zusammengeführt und danach haben sich alle gefragt: Wie ist das eigentlich passiert?“ Fragmentarische und unaufgearbeitete Erinnerungen, die ohne das Projekt Biberbrunnen wohl verloren gegangen wären. Nach 20 Jahren hat das Projekt das Schweigen durchbrochen – und den Anfang zur Auseinandersetzung mit der traumatischen Vergangenheit gemacht.

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