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Wie politisch ist Biogemüse?

©Netzwerk Solidarische Landwirtschaft

Gemüse aus nachhaltigem Anbau kaufen, ökologische Landwirtschaft betreiben, Selbstversorger*in sein – alles Dinge, die lange Zeit als links, weltoffen und friedlich galten. Dahin können sich doch gar keine Nazis verirren, oder? Das stellte sich in den letzten Jahren als Trugschluss heraus, denn es häuften sich Vorfälle von rechtsextremer Unterwanderung im Ökolandbau. So auch beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. Das Netzwerk gründete eine Arbeitsgemeinschaft, die sich mit Rechten Tendenzen auseinandersetzt. Sie informieren, unterstützen und beraten Mitglieder – und vor allem positionieren sie sich: Gegen antidemokratische und rechtsextreme Akteur*innen in ihren Reihen und in der Gesellschaft.

Im Jahr 2016 stellte sich heraus, dass eine solidarische Landwirtschaft des Netzwerks von rechtsextremen völkischen Bauern betrieben wurde. Auf dem nächsten Netzwerktreffen war schnell klar: Das ist nicht unbedingt ein Einzelfall, erzählt Babara Graf, Mitglied des Netzwerks. „Mehrere Leute konnten eine Geschichte von rechtsextremen Vorfällen im landwirtschaftlichen Bereich erzählen.“
Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist eine Alternative zur klassischen Landwirtschaft. Die landwirtschaftlichen Betriebe schließen sich dabei mit einer Gruppe privater Haushalte zusammen. Die Haushalte zahlen einen festen Betrag und erhalten dafür die Erzeugnisse. Diese Art der Vermarktung ist dabei nachhaltig und umweltschonend. Ein Gegenentwurf zur klassischen Landwirtschaft für umweltbewusste Stadtbewohner*innen, nachhaltig produzierende Landwirt*innen – und Rechtsextreme?

Nachdem die Vorfälle ans Licht kamen, gründete sich im Netzwerk die Arbeitsgemeinschaft Rechte Tendenzen. Seitdem kämpfen sie gegen rechte Vereinnahmungen ihrer Visionen. Wichtig ist ihnen dabei vor allem von Anfang an klarzumachen, dass sie keinen Ort für rechtsextreme Ökolog*innen bieten. Aber warum sind die Landwirtschaft und gerade der ökologische und nachhaltige Anbau so anfällig für rechte Strömungen?

Rechtsextreme in der Landwirtschaft
„Ökolandbau steht für den Schutz von Natur und Umwelt und ist damit total anschlussfähig an den rechtsextremen Klassiker ´Umweltschutz ist Heimatschutz´“, erklärt Anna Meier, Expertin für Rechtsextremismus im ländlichen Raum bei der Amadeu Antonio Stiftung. Ein Beispiel sind die Anhänger’*innen der rechts-esoterischen Anastasia Bewegung, die sich dem Leben als unabhängige Selbstversorger*innen verschrieben haben, autarke Siedlungen aufbauen und dabei rassistischen, verschwörungsideologischen und antisemitischen Weltbildern anhängen. Völkische Siedler*innen betreiben ebenfalls häufig ökologischen Landbau, verdienen teilweise sogar ihr Geld damit. So erhöhen sie ihre Akzeptanz in der Zivilgesellschaft und können ihre rassistischen Ideologien leichter verbreiten.

Landwirtschaft, Bio-Produkte und Selbstversorgung sind dabei ein idealer Deckmantel für die rechtsextremen Bewegungen. Die Beschäftigung scheint friedlich und völlig unabhängig von Politik. Aber auch hier fallen die menschenfeindlichen Strömungen irgendwann auf. „Viele Bio-Verbände haben sich mit dem Thema Rechtsextremismus in den eigenen Reihen auseinandergesetzt und in der Vergangenheit auch schon Positionierungen veröffentlicht für ein demokratisches Miteinander, gegen Diskriminierung und Antisemitismus“, sagt Anna Meier. „Aber das passiert noch viel zu wenig und nicht genug in der Öffentlichkeit“. Denn auch wenn das Thema erst mal nicht so scheine, sei „Landwirtschaft auf jeden Fall hochpolitisch und eine Auseinandersetzung damit total wichtig“, betont die Expertin.

Unter dieser Prämisse arbeitet auch die AG Rechte Tendenzen des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft. Seit ihrer Gründung sensibilisiert sie ihr Netzwerk und andere Verbände. Sie informiert die Öffentlichkeit und baut Beratungsstrukturen auf. Aber auch mit konkreten Fällen muss umgegangen werden. In Halle beispielsweise organisierte eine Gruppe der Identitären Bewegung eine Veranstaltung, die unter dem Namen Solidarische Landwirtschaft einlud. Das Netzwerk distanzierte sich mit einem Statement, in dem es klarstellten, dass es sich „dem Gedanken des Humanismus, der Völkerverständigung und den Allgemeinen Menschenrechten verbunden” fühlt und die rassistischen und menschenfeindlichen Bestrebungen der tatsächlichen Organisation nicht duldet.

Muss Landwirtschaft politisch sein?
Im letzten Sommer bezog das Netzwerk auch zu den Coronaprotesten Stellung und distanzierte sich von Verschwörungsideologien und Hass. Zwar sei einiges an Unverständnis zurückgekommen, aber „die überwiegende Zahl der Mitglieder steht dem sehr positiv gegenüber“, sagt Barbara Graf. Es gebe aber eben auch immer wieder die vereinzelten Stimmen, die vom Engagement und den Positionierungen irritiert seien, berichtet sie. „Die kommen mit dem Gedanken, ich bin weder links noch rechts, ich will doch einfach gesundes Gemüse essen. Ist Solawi etwa politisch?“ Babara Graf stellt klar: „Für uns gibt es nichts Politischeres als die Solawi. Da stecken so viele Themen drin und wir sehen ganz stark die Notwendigkeit, uns da zu positionieren.“ Viele der Mitglieder bemerken auch in den Diskussionen schnell, dass Landwirtschaft und Politik nicht zu trennen sind.

Das Netzwerk macht weiter. Im März veranstalten die Engagierten die von der Amadeu Antonio Stiftung geförderte Fachtagung „Kartoffel, Kürbis, Vaterland – Landwirtschaft aus rechter Hand“. Sie behandelt Themen rund um rechtsextreme Vereinnahmungsversuche im Ökolandbau. Vorträge, Workshops und Podiumsgespräche sollen Öffentlichkeit schaffen für die Gefahren von rechtsextremer Unterwanderung in der ökologischen Landwirtschaft. Die Idee kam sehr gut an, es gab viele positive Rückmeldungen und nach kurzer Zeit war die Veranstaltung schon ausgebucht. In Zukunft soll ein Fokus auf die verbandsübergreifende Vernetzung gelegt werden, um gemeinsam gegen rechtsextreme Strömungen vorzugehen. Denn eines hat das Netzwerk deutlich gemacht: Ökologische Landwirtschaft ist politisch.

Die Tagung ist leider schon ausgebucht, aber Informationen zum Netzwerk, der AG Rechte Tendenzen und zu weiteren Veranstaltungen gibt es hier.

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