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„Wir brauchen mehr Solidarität“

©Pride Parade Berlin

Laura Mench kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen, zu groß ist die Gefahr für die junge Journalistin mit eingeschränkter Atemmuskulatur, sich mit Corona zu infizieren. Sie gehört zur Risikogruppe. Die Selbstisolation ist für sie zwar eine große aber auch eine notwendige Einschränkung. Was Laura Mench jedoch fassungslos macht: Die erstarkenden Verschwörungsmythen und der aufflammende Hass gegen die Presse in Zusammenhang mit der Corona Berichterstattung. Sie nutzt die diesjährige Pride Parade um ihrem Unmut Raum zu geben und um ihr Unverständnis gegenüber den Verschwörungsmythiker*innen auszudrücken.

Von Carlotta Voß

Seit 2013 bringt die Pride Parade eigentlich ganz verschiedene Menschen auf die Straße. Unter dem Motto „Behindert und Verrückt feiern“ kämpfen sie gemeinsam für eine inklusivere Welt, in der Menschen mit Behinderung sicht- und hörbarer werden. Und genau deswegen fördert die Amadeu Antonio Stiftung das Projekt, dass sich Jahr für Jahr für eine inklusive demokratische Gesellschaft einsetzt. Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Corona zwingt uns zum Umdenken. Veranstaltungen und Partys müssen ausfallen, Demonstrationen können nur unter der Einhaltung strenger Regeln stattfinden. Und für viele Menschen, die sonst bei der Pride Parade mitmachen, ist Corona besonders gefährlich.

Deswegen hat sich das Veranstalter*innen-Team der Pride Parade eine kreative Lösung einfallen lassen, damit trotz Corona gemeinsam demonstriert und gefeiert werden kann. Zwar versammeln sich die Teilnehmenden nicht so wie bei früheren Paraden auf den Straßen Berlins. Stattdessen wird online gefeiert, mit einem Film, der zeigt: Wir sind viele, wir sind schön, wir sind stolz! Aber auch: Wir sind wütend und wir kämpfen!

Der Pride Parade Film
Bereits lange im Voraus hatten die Veranstalter*innen dazu aufgerufen, kurze Videoclips einzureichen. Viele internationale Künstler*innen und Aktivist*innen folgten dem Aufruf und haben mit politischen und künstlerischen Liedern, Gedichten, Geschichten und Dokumentationen dazu beigetragen, dass die Pride Parade nun auch online ein voller Erfolg geworden ist. Und das beste: Jede*r kann von zu Hause aus mitfeiern. Selbst Menschen, die sich sonst auf Demonstrationen nicht wohlfühlen, oder Menschen, für die Filme sonst nicht barrierefrei sind. Denn für den Film gibt es eine Audiodeskription, jeder Beitrag wird in deutscher Gebärdensprache begleitet. Außerdem ist der Film in deutscher, englischer sowie russischer Lautsprache und mit verschiedensprachigen Untertiteln verfügbar.

Alle Videobeiträge kritisieren den gesellschaftlichen Druck, „normal“ sein zu sollen und sich an willkürliche Normen anzupassen. Und das mit verschiedener thematischer Rahmung: Gender und Begehren, Identität und Behinderung, Gewalt, Kapitalismuskritik und gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten. Die Clips zeigen vielfältige, schöne und bewundernswerte Menschen.

Zusätzliche Einschränkungen durch Corona
Natürlich spielt auch Corona in vielen der Beiträgen eine Rolle. „Wir brauchen dringend einen Wechsel zu mehr Solidarität“, fordern die Veranstalter*innen der Pride Parade, die sich zum größten Teil selbst als behindert oder verrückt bezeichnen oder so wahrgenommen werden, in ihrer Begrüßungsrede. „Zu Beginn der Pandemie hieß es: vor Corona sind alle gleich. Jetzt wissen wir, dass das so nicht stimmt. Es gibt Menschen, die ein höheres Risiko haben, sich anzustecken.“ Hierzu gehören auch viele derjenigen, die normalerweise mit der Pride Parade auf die Straßen gehen, rollen oder humpeln, um zu demonstrieren. Sie können ihre Kontakte oftmals nicht so drastisch einschränken, wie aktuell empfohlen, da sie beispielsweise auf persönliche Assistenz angewiesen sind, in Wohnheimen oder Psychiatrien leben, oder obdachlos sind.

Alte Menschen oder Menschen mit Behinderungen erkranken oftmals schwerer an dem Corona Virus und sind deswegen besonders gefährdet. Auch auf die zunächst schwierige Situation von Menschen ohne Internet sowie Menschen, die auf Gebärdensprache oder leichte Sprache angewiesen sind, machen die Veranstalter*innen aufmerksam. Für sie war es zu Beginn der Corona Pandemie besonders schwierig, an Informationen zu kommen, ihrem Job nachzugehen, Sozialkontakte zu pflegen oder Hilfsangebote wahrzunehmen.

Abstand halten ist unmöglich
Silja Korn beschreibt die Probleme, mit denen sie als Person mit Sehbehinderung aktuell konfrontiert ist. Besonders schwer sei es für sie, die Abstandsregelungen einzuhalten: „Das Leben ist für mich noch mehr eingeschränkt als so schon. Ich kann nicht arbeiten gehen, denn U-Bahn fahren kann ich nicht alleine, weil ich den Abstand zu anderen Menschen nicht halten kann.“ Seit der Pandemie sitzt sie, wie viele andere Menschen mit Behinderung, zu Hause. Sie ist auf die Begleitung ihres Mannes angewiesen und büßt ein hohes Maß an Selbstständigkeit ein. Ihr Appell an alle da draußen: „Wenn ihr Menschen kennt, die keinen haben, der für sie einkauft, oder sie mal anspricht, geht doch einfach mal an deren Tür, klingelt und fragt, ob sie Hilfe brauchen“.

Eines haben die vielen verschiedenen Beiträge des Pride Parade Filmes gemeinsam. Die Künstler*innen, Aktivist*innen und Veranstalter*innen bleiben optimistisch, trotz der vielen Einschränkungen in diesem Jahr. Oder um es mit dem poetischen Filmbeitrag von Thomas Szewsczyk zu fassen: „Stell dir doch mal vor das Leben wär nur toll, nie mies. Es muss schon positiv und negativ geben, nur so läuft das Leben“.

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