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Zwischen Hamburg und Lomé – 2 Häfen, 1 Problem: Rassismus 

(c) Amadeu Antonio Stiftung
(c) Amadeu Antonio Stiftung

Wie viel wissen wir eigentlich über unsere eigenen kolonialen Verstrickungen? Im theaterpädagogischen Projekt IM-PORTS | EX-PORTS untersuchen junge Menschen koloniale Spuren in den Häfen von Hamburg und Lomé. In Workshops befassen sich die Teilnehmenden intensiv mit Antirassismus, Privilegien und der eigenen Rolle in gesellschaftlichen Machtgefällen.

von Katharina Graf

Häfen verbinden die meisten von uns mit Aufbruch, Handel und Weltoffenheit. Doch ihre Bedeutung im Sklavenhandel, Kolonialismus und Imperialismus wird häufig nicht beachtet. Genau dort setzt das Projekt IM-PORTS | EX-PORTS des Vereins ASA-FF an. Das Netzwerk für Globales Lernen verfolgt das Ziel, Diskurse mit Mitteln der Kunst und Kultur zu beeinflussen. In den Häfen von Hamburg und Lomé, der Hauptstadt von Togo, untersuchen junge Menschen mit theaterpädagogischen Mitteln die kolonialen Spuren beider Städte. Anstatt nur über die Geschichte, Kontinuität und die eigene Rolle im Kolonialismus zu sprechen setzen sich die Teilnehmenden auch künstlerisch mit dem Thema auseinander. Das Endprodukt ist ein interaktives Theaterstück, das auch die Zuschauenden zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen gesellschaftlichen Machtposition motivieren soll.

In zwei Gruppen in Deutschland und Togo suchen die jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 Jahren nach der kolonialen Geschichte und den Verbindungen zwischen den Städten. Dabei beschäftigen sie sich auch mit ihren eigenen kolonialen Verstrickungen. Unter Fragestellungen wie: „Woher kommen persönliche Dinge? Unter welchen Bedingungen wurden und werden meine Konsumgüter hergestellt und transportiert? Habe ich, zum Beispiel durch meine Familiengeschichte, eine direkte Verbindung zum Hafen?“ reflektieren sie die Rolle des Hafens im eigenen Leben. Der klassische Ansatz, um sich mit Kolonialismus und Rassismus auseinanderzusetzen ist häufig darüber zu sprechen. Das Projekt IM-PORTS | EX-PORTS geht mit seinem theaterpädagogischen Ansatz darüber hinaus. Junge Menschen recherchieren die kolonialen Verstrickungen und bereiten sie als künstlerische Performance auf, die sie zum Abschluss des Projekts auf die Bühne bringen.

Welche Rolle spielt der Hafen im eigenen Leben?

Das Projekt startete mit einer getrennten Vorbereitungsphase beider Gruppen jeweils in Hamburg und Lomé. Hier recherchierten sie zuerst Verbindungen zwischen beiden Häfen. Sie hinterfragten die Bedeutung der Häfen in ihrer eigenen Lebensrealität, zum Beispiel durch die Suche nach der Herkunft von Kleidungsstücke. Eliana Schüler, künstlerische Co-Leitung des Projekts, erinnert sich an einen besonders spannenden Fund: „Ein Teilnehmer aus Lomé hat die Geschichte seiner eigenen Babywiege, die damals am Hafen gekauft wurde, untersucht. Er hat sich die Frage gestellt, welche Menschen zuvor in seiner eigenen Wiege lagen und wie sie dadurch miteinander verbunden sind.“ Durch die Auseinandersetzung hinterfragen die jungen Menschen die Bedeutung des Hafens in ihrem eigenen Leben – und die ist oft größer als man denkt.

Nach 2 Jahren Distanz endlich wieder gemeinsames Proben 

Nach der getrennten Vorbereitungsphase konnten sich die Teilnehmer*innen im Februar 2022 endlich zu einer Probephase in Lomé treffen. Eliana Schüler erinnert sich: „Es war toll, nach zwei Jahren Pandemie wieder gemeinsam arbeiten und sich austauschen zu können.“ Der persönliche Austausch sei für die künstlerische Arbeit besonders wichtig, betont sie: „Das digitale Arbeiten war eine gute Lösung zur Überbrückung, aber es hat uns auch gezeigt, wie wichtig reale Begegnungen für die theaterpädagogische Arbeit sind.“

Herausforderungen in der Antirassismusarbeit 

Die Auseinandersetzung mit vergangenen und gegenwärtigen rassistischen Strukturen ist nicht selten mit Herausforderungen verbunden. Es bedarf eines sensiblen Umgangs mit Personen, die von rassistischer Diskriminierung betroffen sind und einer selbstkritischen Reflexion der eigenen Position. Besonders in antirassistischen Projekten, in denen sich die Teilnehmenden sehr intensiv mit dem Thema Rassismus beschäftigen, ist eine transparente und selbstkritische Herangehensweise wichtig, da es auch dort zur Reproduktion von Rassismus kommen kann.

Vor diesen Herausforderungen stand auch das Projekt IM-PORTS | EX-PORTS  – und wird sich nun selbstkritisch mit Privilegien, globalen Machtgefällen und der Frage, wie wir sensibel über Rassismus sprechen können auseinandersetzen. In Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteur*innen finden vier Workshops in Rückblick auf die Arbeitsphase in Lomé statt. Ziel ist einerseits das Empowerment, andererseits das Hinterfragen der eigenen Position und Privilegien in gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt die Workshops mit einer Förderung.

Die Teilnehmenden sollen ihre eigenen Erfahrungen in Togo reflektieren und erarbeiten, wie die Reproduktion von Stereotypen und Rassismus in der weiteren Arbeitsphase verhindert werden kann. Außerdem wird besprochen, wie eigener politischer Aktivismus aussehen kann. Teilnehmer*innen und Team sollen noch einmal intensiv ihre eigenen kolonialen Verstrickungen hinterfragen und reflektieren, welche gesellschaftliche Position sie einnehmen. Eliana Schüler ist froh über die Bereitschaft der Teilnehmenden, sich selbstkritisch mit der eigenen Position und Reproduktion von Rassismus auseinanderzusetzen. „Mich beeindruckt die Bereitschaft der Teilnehmenden, sich Herausforderungen zu stellen und sich intensiv damit zu beschäftigen.“

Kolonialismus reflektieren – dort wo er passiert ist 

Im Anschluss an die Workshops treffen sich beide Gruppen dann noch einmal in Hamburg. Dort wird wieder intensiv geprobt und die Performance finalisiert. Krönender Abschluss des Projekts ist die Aufführung beim Internationalen Sommerfest auf Kampnagel. Es sollen drei Performances im öffentlichen Raum stattfinden, bei denen das Publikum durch Teile des Hafens mitgenommen wird. Das Ziel: Fragen aufwerfen, Denkanstöße liefern und die Zuschauenden motivieren, sich mit ihrer eigenen Rolle in kolonialen Verstrickungen zu beschäftigen.

 

 

 

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