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Gefördertes Projekt

Chor der Vergebung? Gegen das Vergessen der Verbrechen des NSU!

Die Selbstenttarnung des “Nationalsozialistischen Untergrundes” (NSU), wie sie sich selbst nannten, jährt sich dieses Jahr zum zehnten Mal. Anlass für Betroffene, Kulturinstitutionen und zivilgesellschaftliche Initiativen noch lauter als sonst den Opfern zu gedenken und an die Verbrechen des NSU zu erinnern. So wie auch das Projekt „Kein Schlussstrich!“: In der Kölner Keupstraße ringen Engagierte seit Jahren aktiv um Aufklärung, erinnern an den Nagelbombenanschlag von 2004 und fordern einen zentralen Gedenkort. Mit einem partizipativen Chorprojekt knüpfen sie jetzt an diese Forderungen an.

von Charlotte Sauerland

Der Tathergang und seine Folgen: Rassistische Kontinuität 

Im Juni 2004 beging der NSU in der Kölner Keupstraße einen Anschlag mit einer Nagelbombe. 22 Menschen wurden damals verletzt, einige davon schwer. Ein Friseursalon wurde komplett zerstört, viele Läden beschädigt. In der Keupstraße leben viele Menschen aus den verschiedensten Herkunftsländern nebeneinander: das türkische Gemüsegeschäft reiht sich an den libanesischen Grill.

Direkt nach der Tat wurde eine Rasterfahndung ausgeschrieben, die auf migrantische junge Männer ausgerichtet war, Verletzte und Angehörige wurden stundenlang verhört. Noch jahrelang verdächtigten die Ermittlungsbehörden die Anwohner:innen, selbst etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Die Stadtöffentlichkeit widersprach dem weitestgehend nicht. Diese Verdächtigungen, diese Täter-Opfer-Umkehr war für die Betroffenen sehr schmerzhaft – wie eine „Bombe nach der Bombe“, so drückt es eine Anwohnerin im eindrucksvollen Film „Der Kuaför von der Keupstraße“ aus dem Jahr 2015 aus. Erst mit der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 stand endgültig fest, was viele Anwohner:innen schon geahnt hatten: der Nagelbombenanschlag wurde von Rechtsextremen verübt, mit dem Ziel, Menschen, die nicht in ihr rassistisches Weltbild passen, zu ermorden.

Zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Rassismus rund um die Keupstraße 

Seitdem ist viel passiert: Betroffene, Anwohner:innen und Unterstützer:innen haben sich zusammengefunden, zum Beispiel in der Interessengemeinschaft Keupstraße, der Initiative “Keupstraße ist überall” oder der Initiative „Herkesin Meydanı – Platz für alle“. Sie veranstalten Kunst- und Kulturfeste, erinnern an den Anschlag, fordern restlose Aufklärung und machen den Rassismus in der Gesellschaft sichtbar und legen so den Finger in die Wunde.

Auch das bundesweite Theaterprojekt zum NSU-Komplex „Kein Schlussstrich!“ hat zum Ziel, eine breite Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NSU sowie strukturellem und institutionellem Rassismus anzuregen. . Getragen wird das Projekt von einem Netzwerk aus Theatern, Kultureinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen aus 15 Städten, in denen der NSU Anschläge beging und in denen die Täter:innen des NSU aufwuchsen und lebten. Die Perspektiven der Angehörigen der Opfer und (post-)migrantischen Communities sollen dabei im Vordergrund stehen.

Auch das Schauspiel Köln, das sich seit Jahren mit der Aufarbeitung des NSU beschäftigt, ist beteiligt. Teil des Projekts „Kein Schlussstrich!“ ist das Oratorium „Manifest(o)“ des Komponisten und Gitarristen Marc Sinan. Das abendfüllende Werk findet an sieben Schlüsselorten des NSU statt und besteht aus sieben Einzelperformances von Orchestern, Chören und Solist:innen. Eine dieser Performances ist der „Affetme Korusu“, türkisch für „Chor der Vergebung“. Auf der Kölner Keupstraße kommen verschiedene Chöre zusammen, Laien und Profis, vom Türkischen Gesangsverein bis hin zum Chor der Technischen Hochschule Köln. Nach Einzelbeiträgen der Chöre singen sie gemeinsam aus der Komposition von Marc Sinan.

Marc Sinan wurde vom Projekt „Kein Schlusstrich!“ angefragt, das Oratorium zu komponieren, weil er sich in seinem Werk immer wieder mit den Themen Gedenken und Erinnerung auseinandersetzt. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie hat er den Genozid an den Armenier:innen 1915 in einer Komposition verarbeitet. Seine Großmutter hatte damals den Genozid überlebt.

„Chöre, die kapiert haben, worum es geht, waren sofort dabei.“, erzählt Marc Sinan. Im Vorfeld habe er viel Neugier und Diskussionsbedarf erlebt. Ein türkischer Chor stellte zum Beispiel die Frage, warum die Aufführung „Chor der Vergebung“ heiße. „Warum sollten wir irgendwem irgendwas vergeben?“, wurde gefragt. „Es soll darum gehen, die Wichtigkeit von kollektivem Handeln und Gedenken sichtbar zu machen. Wir sind in einer Zeit, in der wir wenige Rituale haben. Das Ganze wird eine zarte, schwarmhafte Qualität haben, geheimes Flüstern, wie gemeinsames Beten – aber all das nicht religiös, nicht exklusiv aufgeladen.“ Durch die Übertragung in einem Livestream und die Einladung an Besucher:innen mitzusingen, soll das Gefühl der Gemeinsamkeit im Gedenken gestärkt werden.

Kölner Engagement für eine demokratische Erinnerungskultur 

In Köln setzen sich Anwohner:innen und Initiativen seit Jahren auch für ein Mahnmal zum Gedenken an die Verbrechen des NSU in der Stadt ein. Erinnert werden soll nicht nur an den Anschlag in der Keupstraße, sondern auch an den “vergessenen” Anschlagsversuch in der Probsteigasse im Januar 2001. „An den meisten anderen Orten, an denen der NSU Anschläge begangen hat, gibt es Mahnmale. In Köln noch nicht.“, berichtet Jonas Zipf, der das Schlussstrich-Projekt leitet. „Unser Projekt kann auch als eine Plattform verstanden werden, die Initiativen und Betroffene nutzen können, um die Verbrechen des NSU sichtbar zu machen und weiter aufzuarbeiten.“  Ein Entwurf für ein Mahnmal wurde schon im Jahr 2016 von Professor Ulf Aminde vorgelegt und stieß auf breite Zustimmung bei Betroffenen und in der Stadtpolitik. Das Mahnmal sollte an einer Ecke der Keupstraße auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes entstehen. Eine Betonplatte in Form des Grundrisses des zerstörten Friseursalons bildet demnach das Herzstück des Mahnmals. Mit einer App können Besucher:innen des Mahnmals virtuelle Wände entstehen lassen, auf denen Filme gezeigt werden sollen, die sich mit dem Rassismus und Perspektiven von Betroffenen beschäftigen. Schwelende Streitigkeiten zwischen der Stadtverwaltung und dem Privatinvestor, dem das Gelände an der Keupstraße gehört, verzögerten den Bau des Mahnmals immer weiter.  Jetzt scheint Bewegung in den Konflikt gekommen zu sein. Im Juni 2021 veröffentlichte die Stadt Köln eine Pressemitteilung über die Einigung mit dem Investor, dass dem Bau des Mahnmals am angedachten Ort nichts mehr im Wege steht. Am 9. November wird der Kölner Rat endgültig über die Umsetzung beraten. Die Beharrlichkeit der Initiativen scheint sich endlich auszuzahlen.

Auch durch den  Chor auf der Keupstraße wird der Anschlag in Erinnerung gehalten. „Jede erneute Thematisierung hilft dabei, dass das Denkmal umgesetzt wird.“ ist Jonas Zipf überzeugt.

Mehr zum Event

Die Performance findet am 28.10. ab 19 Uhr auf der Keupstraße statt. Weitere Infos finden sich hier.
Hintergründe und Stimmen von Betroffenen zum Anschlag in der Keupstraße gibt es hier.

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