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Gute Nachrichten

Die „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ 2021: Ein Fazit

Über 80 Kooperationspartner:innen, mehr als 150 Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet, 5 Plakatmotive, die an über 1000 Standorten in acht Städten und insgesamt 10 Slogans für die Sozialen Netzwerke, die alle den Finger in die Wunde legten: Ob an die Verharmloser gerichtet, die jeden antisemitischen Vorfall für einen Einzelfall halten oder die Aufarbeitungsweltmeister, die toter Jüdinnen:Juden gedenken, aber von den lebenden nichts wissen wollen.

Mit diesen unterschiedlichen Motive haben die Aktionswochen gegen Antisemitismus in diesem Jahr gezeigt, dass sich Antisemitismus in den verschiedensten Erscheinungsformen zeigt – bewusst oder unbewusst, gewollt oder nicht: “Auch wer sich kritisch gibt, ist nicht davor gefeit komplexe gesellschaftliche Prozesse und Krisen zu vereinfachen und mit antisemitischen Deutungsmustern zu belegen”, erläutert Imke Kummer, Projektmitarbeiterin bei den Aktionswochen. “Das sehen wir sowohl im Querdenken-Milieu, die sich als „kritische“ Stimmen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung geben, aber in ihren Vergleichen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und der Shoah Geschichtsrevisionismus betreiben. Oder bei linken Stimmen, die sich israelkritisch geben, aber Israel dämonisieren und delegitimieren”, erläutert sie weiter.

In den vergangenen Wochen machten die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus, ein gemeinsames Projekt der Amadeu Antonio Stiftung sowie dem Anne Frank Zentrum, auf Antisemitismus aufmerksam. “Den Erfolg kann man natürlich nur bedingt in Zahlen bemessen – aber positive Rückmeldungen aus Workshops und Fortbildungen oder auch gelungene Netzwerktreffen und interessante Vorträge sind für uns ein Maß. Die hohen Klickzahlen unter Beiträgen in den Sozialen Netzwerken oder auch mehr als tausend Plakate, die in ganz Deutschland im öffentlichen Raum hingen sind ein weiteres. Es geht uns schließlich darum, auf Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem hinzuweisen”, beschreibt Nikolas Lelle, Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus die Ziele des Projektes.

Die Frage, wen die Kampagne erreicht – ob diejenigen, die Antisemitismus in seiner Breite sowieso schon auf dem Schirm haben, also die “Standhaften” oder die “Verbündeten” oder diejenigen, die als “Verharmloser” oder “Exportweltmeister” angesprochen werden, ist auch nicht immer klar zu beantworten: “Wir versuchen uns aber an diesem Spagat”, erläutert Imke Kummer. In der diesjährigen Plakatkampagne hat das Projekt versucht, die verschiedensten Gruppen anzusprechen und so in die gesamte Gesellschaft hineinzuwirken. Mit zielgruppenspezifischer Werbung auf den sozialen Netzwerken, Plakate an U-Bahnen oder Bahnhöfen und Fortbildungsangebote an Bildungsmultiplikator:innen versucht das Projekt dem nachzukommen. Gerade auf den sozialen Netzwerken haben dann auch zahlreiche Menschen Fotos mit dem eigens für die Kampagne produzierten Filter für Instagram sich gegen Antisemitismus positioniert und ihre Follower:innen zum Handeln aufgefordert sowie die Kampagnen- und Plakatmotive auf ihren Profilen geteilt.

“Dass wir darüber hinaus Leute erreichen, die die Dinge anders sehen oder bei denen wir im Zweifel genau ins Schwarze getroffen haben, sehen wir beispielsweise auch an den Reaktionen: Während bei der letzten Ausgabe vom Jüdischen Quartett eine rechte Troll-Armee den YouTube-Livechat mit antisemitischen und anderen menschenverachtenden Kommentaren überflutet hat, kriegen wir gerade im Bereich des israelbezogenen Antisemitismus Gegenwind aus dem eher linken Milieu”, erläutert der Projektleiter Nikolas Lelle. “Das bedeutet zwar nicht, dass wir sie überzeugen. Das hoffen wir aber”, führt er weiter aus. Eine weitere Herausforderung stellt für die Mitarbeitenden die Notwendigkeit dar, die Komplexität des Themas durch eine Kampagnenlogik, die mit prägnanten Schlagwörtern und Sätzen arbeitet, nicht zu reduzieren.

Mit dabei ist auch immer eine Vielzahl an Netzwerk- und Kooperationspartner:innen, ohne die die Aktionswochen gar nicht funktionieren: Vom Ariowitzsch-Haus in Leipzig, der jüdischen Gemeinde im Saarland, bis zur ZWST, dem Kompetenznetzwerk Antisemitismus oder dem AJC waren in diesem Jahr wieder mehr als 80 Kooperationspartner:innen dabei. Unter die prominenten Unterstützer:innen zählen Düzen Tekkal, Abdullah Unvar und Dr. Josef Schuster sowie Politiker:innen aus allen Fraktionen der demokratischen Parteien. Unterstützt wurden die Aktionswochen dieses Jahr durch Katharina von Schnurbein, die Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission. Schirmherr ist der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein. „An dieser Stelle wollen wir deshalb ein großes „Danke“ an all die Verbündeten und Standhaften richten, die bei der Kampagne mitgemacht haben und sich aber auch weiterhin tagtäglich im Kampf gegen den Antisemitismus engagieren!“, sagt der Projektleiter Nikolas Lelle.

Gleichzeitig beschränkt sich die Kampagnenarbeit nicht auf den Aktionszeitraum – und das soll sie auch nicht. Gerade der starke Fokus und das Eindampfen der Erinnerungskultur auf den einen Tag, den 09. November ist schon häufig Gegenstand der Kritik gewesen. Mit dem Anne Frank Zentrum zusammen kann damit der Bildungsauftrag ganzjährig verfolgt werden. “Eine lebendige Erinnerungskultur besteht auch darin, das ganze Jahr auf Antisemitismus aufmerksam zu machen, egal aus welcher Richtung er kommt”, führt Imke Kummer aus.

Nikolas Lelle ergänzt dazu: “Gleichzeitig brauchen wir einen konkreten Aktionszeitraum, in dem wir die Kampagne ausspielen und die Aufmerksamkeit bündeln. Gerade der Zeitraum zwischen dem 09. Oktober – dem Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags in Halle – und dem 09. November – dem Datum, an dem die Novemberpogrome ihren traurigen Höhepunkt 1938 fanden und damit sinnbildlich für die Verfolgung und Vernichtung von Millionen Jüdinnen:Juden durch die deutschen Täter:innen steht, ist deswegen sinnvoll”.

Wie gehts also weiter?

Gerade die Auseinandersetzungen um die Ausgestaltung der Erinnerungskultur sowie die Aufarbeitung der Shoah in ihrem Verhältnis zu dringend notwendigen Aufarbeitung der Verbrechen des deutschen Kolonialismus sind Themen, die das Projekt das ganze Jahr beschäftigen wird. Aber auch ganz allgemein: Ob zu der Frage: Was ist eigentlich Antisemitismus? Oder wie man Kritik an der israelischen Regierung von Antisemitismus unterscheiden kann. Das passiert sowohl in Workshops und Vorträgen, die die Mitarbeiter:innen anbieten, in verschiedenen Publikationen, als auch in der Schriftenreihe [tacheles] sowie dem Talk-Format “Das Jüdische Quartett”, die ebenfalls von dem Projekt organisiert werden.

“Judenfeindschaft und Antisemitismus haben eine jahrhundertelange Kontinuität in der deutschen Geschichte. Unsere Plakatkampagne und die Kampagnenschwerpunkte sind zum Jahreswechsel nicht obsolet, wir arbeiten also beständig weiter dran und streuen auch im kommenden Jahr das Salz in die Wunde”, freut sich das Team der Aktionswochen.

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