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„Die Stimmung kippt“ – Newsletter Mai 2020

"Die Stimmung kippt" - Newsletter Mai 2020

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

„Die Stimmung kippt!“ hieß es heute in den Nachrichten. Gemeint sind die Maßnahmen gegen die Pandemie – und wie die Bevölkerung dazu steht. Klar ist: Sobald Lockerungen einer sehr angespannten Situation folgen, wollen die Menschen mehr davon. Plötzlich ist wieder der innere Platz für Kritik da, für Fragen, für Nöte, Sorgen und – nicht zu vergessen – für den Sinn für Gerechtigkeit im Umgang mit den Folgen der Krise. Das ist ein gutes Zeichen, es heißt, die Demokratie funktioniert und die Lebensgeister drängen an die frische Luft. Die Stimmung kippt also nicht, sie löst sich aus der unwirklichen Zeit erzwungener Stille, in der das Leben wie gedämpft und in Watte gepackt daherkam.

Der Virus ist erst einmal eingedämmt, doch nun grassiert eine andere Art Ansteckungsgefahr. Verschwörungsideologien gehen gerade um. Mit der Erleichterung und der gleichzeitigen Erkenntnis, dass die Welt noch lange mit der Pandemie zu tun haben wird, fangen viele Menschen an, Ursachen und Gründe für die Situation in vermeintlichen Verschwörungen zu suchen. Manche sind gruselig, andere skurril, aber sie alle haben eines gemeinsam: Ein perfider Plan sinistrer Mächte sei verantwortlich für die gegenwärtige Situation. Das Böse, die ganz große Apokalypse trieben sie voran, um die Menschheit zu kontrollieren.

In Krisen wie dieser tauchen immer Verschwörungsideologien auf. Ängste und Irrationalitäten sind Reaktionen auf solche Ausnahmesituationen. Weshalb sie aber gerade jetzt so stark in die politische Diskussion eindringen, hat einen anderen Grund. Den meisten, die gerade auf die Straße gehen, geht es nicht um Kritik an Einschränkungen. Hier sammeln sich Gruppen, die schon lange Verschwörungsmythen anhängen. Hier wird ein weiteres Thema gesucht, um Realitäten zu leugnen und die Demokratie zu bekämpfen. Wer Slogans über die „Neue Weltordnung“ vor sich herträgt oder von Zwangsimpfungen als geplantem Genozid phantasiert, wer wahlweise George Soros oder Bill Gates als Drahtzieher globaler Kontrolle anklagt, ist nicht besorgt über die Folgen der Pandemie, sondern folgt einem antisemitischen Muster. Wer sich einen gelben Davidsstern umhängt und sich als Opfer einer angeblichen Verschwörung inszeniert, ist kein Leidtragender, sondern aggressiv antisemitisch. Die ermordeten Jüdinnen und Juden so zu verhöhnen bricht mit allem, was demokratische Kultur in Deutschland bedeutet. Und klar: die Rechtsextremen und die AfD-Blase nutzen die Pandemie, um Unruhe und Unsicherheit, um Wut und Zweifel anzustacheln. Es sind Klimaleugner und Coronaleugner, ausgestattet mit einem Menschen- und Weltbild, das voll ist von Hass und Verachtung, gegen Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Schwarze Deutsche, Jüdinnen und Juden, und alle, die ihr weißes Herrenmenschentum ablehnen.

„Die Stimmung kippt!“ beschreibt daher vielleicht nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Doch der ist gefährlich, denn die Eskalation und Radikalisierung, die wir gerade in der verschwörungsideologischen Szene beobachten, kann Rechtsterror befördern. Erst vor einigen Tagen sind Waffen von einem rechtsextremen Angehörigen der Bundeswehr gefunden worden. Wir haben gerade in den letzten 12 Monaten erleben müssen, was Rechtsterror anrichtet. Der Mord an Walter Lübcke, die Toten der Anschläge von Halle und Hanau zeigen, wie gefährlich Radikalisierung ist. Die Täter hingen allesamt Verschwörungserzählungen an. Sie alle sind besessen von verschwörungsideologischen Vorstellungen, mit denen sie ihre Anschläge begründen.

Die Demonstrationen der Verschwörungsideologen, dieser Melange aus Rechten, Esoterikern, Reichsbürgern, Querfrontantisemiten und Pseudorevolutionären bekommen gerade sehr viel Aufmerksamkeit. Es ist gut, genau hinzuschauen, doch mehren sich die Stimmen, die sie für besorgte Bürger halten. Das sind nicht die besorgten Bürger, die Angst um ihre Zukunft haben oder sich überfordert fühlen. Das sind Demagogen, die es sich leisten können. Die Annäherung an diese Proteste erinnert an die oft unkritische Berichterstattung über Pegida. Auch das waren keine wirklich besorgten Bürger, sondern Rechtspopulisten und Rechtsextreme. Aus dieser Erfahrung heraus sollten Redakteure von Talkshows und manche Politiker nicht den Fehler machen, die Verschwörungsideologen für Opfer der Coronakrise zu halten. Sie sind keine Opfer, sie wollen die für uns alle schwere Zeit missbrauchen. Also sollte man ihnen Einhalt gebieten und sie nicht noch hofieren.

Wie die Verschwörungsideologen ticken, wer sie sind, was sie wollen und was man gegen ihre Welterklärungen tun kann, erfahren Sie an unserem heutigen Aktionstag gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen. Es ist wichtig zu wissen, zu analysieren und sich nicht Bange machen zu lassen, wenn Irrationalität und Hass grassiert.

Bleiben Sie gesund. In jeder Hinsicht!

Ihre Anetta Kahane

© Peter van Heesen

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