Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Drei Jahre nach Hanau: Ein geschützter Raum für Jugendliche

Am 19. Februar 2020 ermordete ein 43-Jähriger in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven. Der Anschlag hat tiefe Wunden hinterlassen. Auch bei Jugendlichen, die in Hanau leben und selbst von Rassismus betroffen sind. Das Jugendcafé der Bildungsinitiative Ferhat Unvar will ihnen einen geschützten Raum geben.

von Robert Lüdecke

Es ist kein Zufall, dass am 19. Februar vor drei Jahren eine Shisha-Bar zum Anschlagsziel des Attentäters in Hanau wurde. Über Jahre wurden Shisha-Bars stigmatisiert, dämonisiert und somit als Anschlagsziel markiert. In der Logik des zutiefst rassistischen Weltbildes des Täters war dieser Ort genau der richtige, um seine mörderischen Anschlagspläne in die Tat umzusetzen.

Nur wenige Monate vor der Tat soll der Attentäter für kurze Zeit im bayerischen Hof (Saale) gewohnt haben und dort ebenfalls Shisha-Bars beobachtet haben. Regelmäßig wurden – und werden bis heute – Shisha-Bars mit “Ausländerkriminalität” in einen Zusammenhang gestellt. Stigmatisierende Debatten in Medien, Politik und Gesellschaft, die ohnehin rassistisch aufgeladen sind, werden durch Rechtsextreme befeuert: Die AfD Hessen hetzte im Vorfeld des Anschlags gezielt gegen Shisha-Bars. Damit bereitete auch sie den Nährboden für rechte Anschläge.

Shisha-Bars sind für viele, vor allem junge Menschen, wichtige Treffpunkte und Rückzugsräume. Hier werden sie nicht nach ihrer Herkunft gefragt, hier spielt die Hautfarbe keine Rolle. Hier gibt es keinen Türsteher, der sie abweist, wie das in Clubs und Diskos sonst oft der Fall ist.

Selbst eure liebsten Orte sind nicht sicher

Rechte Gewalttaten, das sind immer auch Taten mit Botschaft: Sie treffen nicht nur die Opfer, sie richten sich gegen die gesamte Gruppe, für die die Opfer vermeintlich stehen. Sie sollen Verunsicherung auslösen und sollen sagen: Selbst eure liebsten Orte sind nicht sicher.

In den Tagen nach dem Anschlag in Hanau am 19. Februar gab es weitere Angriffe: Eine Brandstiftung nahe einer Shisha-Bar und einem Döner-Imbiss im sächsischen Döbeln (21. Februar) sowie Schüsse auf eine Shisha-Bar in Stuttgart (22. Februar). Shisha-Bars sind nach Hanau keine Rückzugsorte mehr, sonder immer auch potentiell bedrohte Orte. Sie sind immer mit dem Anschlag verbunden – in ganz Deutschland, aber besonders in Hanau. Gerade dort sind geschützte Räume seit dem 19. Februar 2020 wichtiger denn je. Räume, in denen sich junge Menschen treffen und austauschen können, im Wissen um gegenseitiges Verständnis bei diskriminierenden Erfahrungen. Das Jugendcafé der Bildungsinitiative Ferhat Unvar in Hanau ist so ein Ort.

Das Jugendcafé der Bildungsstätte Ferhat Unvar

Im November 2020 gründete Serpil Temiz Unvar, Mutter des ermordeten Ferhat Unvar, die “Bildungsinitiative Ferhat Unvar”. Ihr Ziel: Einen Raum schaffen, für Jugendliche und jungen Erwachsene, in dem sie miteinander ins Gespräch kommen und ihre Erfahrungen teilen können, in dem Platz ist, um sich selbst auszudrücken und eigene Bedürfnisse zu benennen. In den letzten zwei Jahren fanden in der Bildungsstätte Veranstaltungen, Themenabende, Kreativ- und Antidiskriminierungsworkshops statt. Im vergangenen Herbst startete das Jugendcafé mit einer Pilot-Phase und fand großen Anklang. Wir unterstützen das Jugendcafé mit einer Förderung, damit es diesen Ort auch zukünftig geben kann. Denn er wird dringend gebraucht.

Weiterlesen

Die TikTok Strategie der AfD (1920 x 1080 px)
Analyse

Warum die AfD auf TikTok gerade so erfolgreich ist

Mehr als sechs Millionen Likes und knapp 400.000 Follower*innen: Die AfD ist die erfolgreichste Partei auf TikTok. Auf der Plattform gibt die rechtsextreme Partei den Ton an und das ist sehr gefährlich, nicht nur in Hinblick auf das Superwahljahr 2024. Doch was macht die AfD so erfolgreich? Welche Strategien nutzt die Partei? Und was kann man dagegen tun?

LagebildAntifeminismus2023_Beitragsbild
Neuerscheinung

372 antifeministische Vorfälle über Meldestelle Antifeminismus registriert – Lagebild Antifeminismus veröffentlicht

Ein Jahr nachdem die Meldestelle Antifeminismus den Betrieb aufgenommen hat, veröffentlicht die Amadeu Antonio Stiftung ein erstes Lagebild zur Auswertung, 372 der in 2023 eingegangenen Meldungen wurden als antifeministische Vorfälle eingeordnet. Sie umfassen eine Bandbreite von Bedrohungen und Beleidigungen über antifeministische Mobilisierung bis hin zu Sachbeschädigung und Gewalt.

Mitmachen stärkt Demokratie

Engagieren Sie sich mit einer Spende oder Zustiftung!

Neben einer Menge Mut und langem Atem brauchen die Aktiven eine verlässliche Finanzierung ihrer Projekte. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Arbeit der Stiftung für Demokratie und Gleichwertigkeit.