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Eberswalde 25 Jahre nach dem Mord an Amadeu Antonio

Der Verein Palanca und die Initiative Light me Amadeu setzen sich bis heute für die Umbenennung der Straße am Tatort nach Amadeu Antonio ein.

Amadeu Antonio wurde im brandenburgischen Eberswalde von Neonazis zu Tode geprügelt. Heute gilt der Ort als vorbildliches Beispiel im Kampf gegen Rechtsextremismus – ein langer Prozess, der von der Amadeu Antonio Stiftung maßgeblich gefördert wurde.

Von Alice Lanzke

Der Mord an Amadeu Antonio hat Eberswalde geprägt. Der Name der Stadt wurde wie Mölln und Solingen zu einem Synonym für die tödlichen Auswirkungen rechtsextremer Menschenverachtung. Gleichzeitig steht er exemplarisch für die fatalen Strukturen, die nach der Wende das Entstehen einer aktiven Neonazi-Szene begünstigten: Zu jener Zeit herrschte in den neuen Bundesländern ein Machtvakuum, viele Polizeidienststellen waren mit der Umstrukturierung überfordert und teilweise nicht wirklich arbeitsfähig. Und dennoch bleibt unerklärlich, warum die Polizei in der Nacht des Überfalls nicht eingriff. Später wurde gegen drei Beamte wegen „Körperverletzung mit Todesfolge aufgrund unterlassener Hilfeleistung“ ermittelt, jedoch keine Anklage erhoben. Der Mord selbst wurde als „schwere Körperverletzung mit Todesfolge“ eingestuft, die Angeklagten kamen mit Jugendstrafen zwischen zwei und vier Jahren davon – ein mildes Urteil, das symptomatisch für jene Zeit steht, denn damals wurden Straftaten mit rassistischen Motivationen oft bagatellisiert. Rechte Gewalttäter wurden nicht als „echte“ Nazis gesehen, sondern nur als verwirrte Jugendliche. Wie falsch diese Einschätzung war, zeigt nicht zuletzt das Beispiel von Sven B., einem der Haupttäter beim Mord an Amadeu Antonio: Ein Jahr später prügelt dieser gemeinsam mit anderen Nazis erneut einen Menschen zu Tode und wird dafür zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Eine Nazi-Stadt „zurückkippen“

Es sollte einige Zeit dauern, bis sich Eberswalde mit dem Mord an Amadeu Antonio wirklich auseinandersetzte. Zunächst einmal geschah wenig. Selbstkritisch gab dann auch der damalige Bürgermeister Hans Mai (SPD) zum 20. Todestag Antonios zu, viel versäumt und nicht klar genug Stellung bezogen zu haben. Und dennoch gilt heute – 25 Jahre später – Eberswalde als ein Beispiel dafür, wie erfolgreiches Engagement gegen Rechtsextremismus aussehen kann. Das liegt zum einen daran, dass sich das Bewusstsein von Politik sowie Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden verändert hat und zum anderen am Entstehen einer starken Zivilgesellschaft. Beide teils mühsamen und langwierigen Prozesse wurden intensiv von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert. So sei es gelungen, die einstige Nazi-Stadt „zurückzukippen“, wie Stiftungsvorsitzende Anetta Kahane es nennt, und eine breite Basis des Engagements von unterschiedlichsten Seiten zu schaffen.

2003 gab die Stiftung beispielsweise Starthilfe für die Bürgerstiftung Barnim-Uckermark, der ersten Bürgerstiftung Deutschlands, die sich explizit der Förderung einer demokratischen Kultur in ihrer Region verpflichtet hat. Zu diesem Zweck organisiert und vernetzt sie Demokratie-fördernde Projekte in verschiedenen Bereichen, vergibt etwa einen Preis für demokratisches Handeln und organisiert Veranstaltungen zum freiwilligen Engagement für Jugendliche. Die Amadeu Antonio Stiftung war maßgeblich an der Konzeption und Durchführung erster Projekte in der Region beteiligt und steht der Bürgerstiftung bis heute zur Seite.

2012 beschloss die Stadt schließlich, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft ein Erinnerungskonzept zu entwickeln. Das Ergebnis: Am 9. August eröffnete mitten in Eberswalde das „Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio“. „Das Bürgerbildungszentrum ist ein wichtiger Ort für Eberswalde. Aber viel größeren Wert legen die ehemaligen angolanischen Kollegen von Amadeu Antonio und „Light me Amadeu“ auf eine Forderung, die auf unbestimmte Zeit vertagt wurde: die Umbenennung eines Teils der Straße am Ort des Verbrechens nach ihm“, erklärt Kai Jahns, Koordinator für Toleranz in Eberswalde. In zwei von der Stadt organisierten Workshops wurde darüber heftig und oftmals auch durch rassistische Vorurteile geprägt gestritten. Bis dahin erinnerte im Ort nur eine schlichte schwarze Tafel an Amadeu Antonio.

Vorbild Eberswalde?

Könnte sich das menschenfeindliche Verbrechen von 1990 heute noch einmal in Eberswalde wiederholen? Vermutlich nicht. Diese Auffassung teilt auch Kai Jahns, betont aber, „die Nagelprobe kommt erst jetzt. Bald leben in der Stadt einige Hundert Flüchtlinge. Und jetzt wird sich zeigen, wie die Stadtgesellschaft diese Menschen aufnimmt.“ Und sollte doch etwas geschehen, würde es in der Stadt wahrscheinlich ein breites Unrechtsbewusstsein geben, basierend auf dem Dreiklang aus starker Zivilgesellschaft, engagierten Politikern und sensibilisierter Polizei. Bei aller Entwicklung darf allerdings nicht ausgeblendet werden, dass es in Eberswalde immer noch ein rassistisches Milieu gibt, wie auch Anetta Kahane betont, „doch es ist relativ begrenzt“. Diese Eindämmung des Rechtsextremismus ist nicht zuletzt der steten Arbeit der Amadeu Antonio Stiftung zu verdanken. Umso frustrierender erscheint es, wenn im Zuge der aktuellen Asyldebatte in Orten wie Heidenau oder Freital neue besorgniserregende Allianzen zwischen organisierten Neonazis und vermeintlich besorgten Bürgern entstehen, gegen die es scheinbar kein Mittel gibt. Solche Strukturen können eingedämmt werden – in Eberswalde wurde es vorgemacht.

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