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Gefördertes Projekt

Ein Willkommen, das für alle gilt – Freiwillige unterstützen BiPoC-Geflüchtete aus der Ukraine

Gelebtes Willkommen: Fetsum, Teddy, Darin, Ayyoub und Alex (v.l.n.r.)

Das Schicksal der Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine flüchten, hat in Deutschland zu einer selten gesehen Welle der Solidarität geführt. Doch die Hilfsbereitschaft hat einen schalen Beigeschmack, denn sie gilt nicht für alle Geflüchtete. Das Projekt “Bienvenida” des Vereins „Peace by Peace“/PxP unterstützt diejenigen, die gerade nicht mit offenen Armen empfangen werden. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt die Arbeit mit einer finanziellen Förderung.

Am frühen Morgen des 24. Februars 2022 überschreiten russische Truppen die Grenze zur Ukraine bei Charkiw. Es ist der Beginn des brutalen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und Auslöser für die größte Flüchtlingsbewegung innerhalb Europas seit dem zweiten Weltkrieg. Rund 5,5 Millionen Menschen sind laut UNO Flüchtlingshilfe bisher geflohen  – unter ihnen auch Darin, 26 Jahre alt und Ayyoub, 18 Jahre alt. Vom ersten Tag ihrer Flucht an bekommen sie zu spüren, dass sie Geflüchtete zweiter Klasse sind. In der Logik des Asyl- und Ausländerrechts der Europäischen Union gehören Darin und Ayyoub zur Kategorie der sogenannten “Drittstaatsangehörigen” –  ein Terminus, der weitaus mehr ist, als nur ein Rechtsbegriff, denn er hat Auswirkungen auf ihr gesamtes Leben.

“Als wir die Bomben zwischen Charkiw und Kiew hörten, beschlossen wir zu fliehen.“

Darin und Ayyoub stammen aus Marokko. Vor zwei Jahren gehen sie unabhängig voneinander nach Dnipro. In der viertgrößten Stadt der Ukraine, rund 400 km südöstlich von der Hauptstadt Kiew entfernt, beginnen sie Medizin zu studieren, lernen Russisch und Ukrainisch, bauen sich ein neues Leben auf. Bis zu dem Tag, als sich alles ändert. “Als wir die Bomben zwischen Charkiw und Kiew hörten, beschlossen wir zu fliehen.” Darin spricht mit klarer Stimme, wenn sie von den Erlebnissen ihrer Flucht erzählt. Mit Freunden sei sie zum Bahnhof von Dnipro gegangen. Dort herrschte Chaos. “Alle kämpften um ihr Leben, um in einen Zug zu kommen. Irgendwie schafften wir es,” erzählt Ayyoub und zeigt ein Video: Menschenmassen auf dem Bahnsteig, im Zug, dicht an dicht, dazwischen gestapelte Koffer. Zwölf Stunden dauert die Fahrt bis nach Uschgorod an der slowakischen Grenze. Dort angekommen, wird klar, dass selbst in einer Ausnahmesituation wie dieser, nicht alle Menschen gleich behandelt werden. “Sie hatten zwei Grenzausgänge, einen für Ukrainer, einen für alle anderen Nationalitäten”, berichtet Ayyoub. “Während die Urkrainer in einem stetigen Fluss durchgelassen wurden, ließen sie an unserem Übergang immer nur vier Leute durch, um die Grenze dann wieder für mehrere Stunden zu schließen.” Nicht mal die Pässe seien in der ukrainischen Schlange kontrolliert wurden. Mit bitterem Lachen ergänzt Darin: “Ich glaube, wenn ich meine Haare vorher blond gefärbt und Kontaktlinsen getragen hätte, hätte ich einfach durchgehen können.” Statt vom ukrainischen Militär über die rettende Grenze gelassen zu werden, setzten die Soldaten Schlagstöcke und Tränengas ein, schlagen mit Waffen auf BiPoC-(Black, Indigenous, People of Color)-Geflüchtete ein. “Wir waren im Krieg, aber die Angreifer waren nicht die Russen, sondern das ukrainische Militär. In diesem Moment dachte ich, ok, ich bleibe hier im Krieg, alles ist besser als das hier. Im Krieg sterbe ich vielleicht, aber dann ist es vorbei, dann muss ich das hier nicht erleben.” Doch Darin und Ayyoub schaffen es schließlich über die Grenze und gelangen über die Slowakei nach Österreich und von dort nach Berlin.

Der Rassismus fing im Krieg an

Inzwischen sind fast zwei Monate vergangen. Darin resümiert: “Der Rassismus fing im Krieg in der Ukraine an, bevor wir Rassismus hier in Deutschland erfuhren.“ Rassismus in Deutschland ist für BiPoC-Geflüchtete auf mehreren Ebenen spürbar. Auf alltäglicher Ebene sind es Situationen wie diese, die Darin kurz nach ihrer Ankunft erlebte: “Ich ging zum Hauptbahnhof, weil dort Freiwillige Hygieneprodukte verteilt haben. Alle Frauen in der Schlange vor mir bekamen eine Tüte mit sämtlichen Produkten. Als ich an der Reihe war, fragte die Frau, die die Tüten verteilte in barschem Ton, was ich wolle. Ich sagte “Binden” und bekam genau ein Paket. Eine Tüte bekam ich nicht – das Angebot sei nicht für Leute wie mich.” An dem Tag habe sie viel geweint. Zu diesen Erfahrungen von Alltagsrassismus kommt struktureller Rassismus. Denn im Unterschied zu Geflüchteten mit ukrainischem Pass, haben Drittstaatsangehörige keinen Anspruch auf den temporären Schutzstatus, der ihren Aufenthalt für ein Jahr finanziell und rechtlich absichern würde.

Dann fielen Sätze wie “Wir wollen echte Ukrainerinnen”

Gegen diesen Missstand engagieren sich Alex und Laura López Castro. Das Ehepaar hat das Projekt “Bienvenida” ins Leben gerufen, um gezielt die Geflüchteten zu unterstützen, die gerade nicht mit offenen Armen empfangen werden. “Am Anfang war es vor allem Feuerlöschen”, erzählt Alex, 36 Jahre alt und Vater von drei Kindern. Anfang März ruft ein Freund über Social Media dazu auf, BiPoC-Geflüchteten aus der Ukraine bei der Unterbringung in Berlin zu helfen. Daraufhin hängen sich Alex und Laura ans Telefon und rufen in mehreren Berliner Hotels an. Schnell haben sie die Zusage für 60 Plätze. Als sie am selben Tag zum Hauptbahnhof fahren, sind dort schon viele Freiwillige: “Da standen Leute mit selbstgemalten Schildern, die Hilfsbereitschaft der Menschen, Geflüchtete aufzunehmen war groß. Doch als dann auch BiPoC-Geflüchtete an private Hosts vermittelt werden sollten, haben wir Sätze gehört wie” ‘Oh ne, Schwarze wollen wir nicht’ oder “Wir wollen echte Ukrainerinnern’”.

Schnell ist klar, dass es schon am Bahnhof eine Infrastruktur braucht, die speziell BiPoC-Geflüchtete in Empfang nimmt, um rassistische Begegnungen wie diese zu vermeiden. Mit diesem Anliegen sind Alex und Laura nicht allein. Aus der Berliner BiPoC-Community heraus gründet sich das Tubman Network, darunter auch Engagierte aus dem Bildungs- und Empowerment-Projekt Each One Teach One (EOTO) e.V.  Und so wird die Lücke in der Unterstützung von BiPoC-Geflüchteten durch die BiPoC-Community selbst geschlossen. Auch Darin und Ayyoub kommen so an eine Erstunterbringung im Hotel. “Die Leute mussten erstmal irgendwo unterkommen, mal duschen, in einem ordentlichen Bett schlafen und ein bisschen zur Ruhe kommen,” erzählt Alex. Doch nach zwei, drei Tagen, stellten sich drängende Fragen: Wie geht es weiter? Wie kann ich hier bleiben? Wie kann ich hier studieren? Aber auch ganz praktische Fragen wie ‘Darf ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Wie bekomme ich eine Sim-Karte? Kann ich zum Arzt gehen?’ Um diese Fragen zu beantworten und die Unterstützungsstrukturen zu erweitern, vernetzen sich Alex und Laura mit zivilgesellschaftlichen Geflüchteten-Organisationen, mit Anwält:innen und Expert:innen auf dem Gebiet Flucht und Asyl. Und noch etwas wird Alex und Laura in den Tagen nach der Erstunterbringung klar: Sie brauchen Geld, um die Hotels zu bezahlen. Sie starten einen privaten Spendenaufruf und wenden sich auch an einen langjährigen Freund: Fetsum Sebhat. Gemeinsam mit Teddy Tewelde hat der Musiker vor sechs Jahren den Verein Peace by Peace/pxp gegründet – ein Verein, der Bildungs- und Empowermentangebote für Kinder mit Fluchterfahrung und in prekären Situationen organisiert. Beide haben selbst Fluchterfahrung und kamen Anfang der 1980er als Kleinkinder mit ihren Familien aus Eritrea nach Deutschland, wo sie in der Nähe von Stuttgart aufwuchsen. Wenn Teddy und Fetsum über die Arbeit mit ihrem Verein sprechen, merkt man, dass es sich um ein Herzensprojekt handelt. “Wir hatten damals das Privileg, viel Unterstützung von Menschen aus der Nachbarschaft zu erfahren. Und diese Erfahrung, die wir durchleben durften, setzen wir heute in unserer Arbeit fort,” erzählt Teddy. Sofort ist klar, dass PxP das Anliegen von Laura und Alex unterstützt.

“Es heißt ja immer, ihr könnt sicher in euer Herkunftsland zurückkehren – aber das ist viel komplexer”

Die Erstunterbringung war nur der erste Schritt. Alex, Laura, Fetsum und Teddy wollen aus dem Feuerlöschmodus rauskommen und weiterdenken. Es geht ihnen darum, Darin, Ayyoub und anderen BiPoC-Geflüchteten eine langfristige Perspektive zu geben. “Wir arbeiten gerade an einer Kampagne, denn wir wollen politischen Druck machen, um die rechtliche Gleichstellung für alle Menschen, die aus der Ukraine fliehen, zu erreichen.” Alex ist überzeugt, dass die Öffentlichkeit sensibilisiert werden muss. “Es geht hier um eine große Gruppe, die man nicht immer ganz am Ende nennen kann, wenn es um irgendwelche Direktive oder Verordnungen zur Ukraine geht. Es heißt ja immer, ihr könnt sicher in euer Herkunftsland zurückkehren – aber das ist viel komplexer. Weil die Leute zum Beispiel queer sind, weil sie weiblich sind und in ihrem Herkunftsland nicht Medizin studieren können, oder fürchten, dass sie auf der Straße gesteinigt werden, weil sie schwul sind.” Bei Politik und auch in weiten Teilen der Gesellschaft fehlt dafür aber noch das Bewusstsein. “In den Medien,” sagt Darin, “sieht man immer nur Familien. Sie zeigen uns nicht, aber wir sind hier.”

Darin und Ayyoub sind hier und sie haben Pläne, Ziele, Wünsche – der Schwebezustand in dem sie sich seit ihrer Flucht befinden, ist zermürbend. Fragt man Darin und Ayyoub, was sie heute in einem Jahr gerne erreicht hätten, antworten sie schnell und bestimmt. Darin möchte an einer Universität aufgenommen werden und Medizin weiter studieren. Ayyoub möchte eine Ausbildung als Krankenpfleger beginnen. Hoffnung, dass das gelingt, geben ihnen Alex und seine Mitstreiter:innen. Dass sie auf  “Bienvenida” gestoßen sind, sei wie eine Wiedergeburt gewesen, sagt Darin. “Ich übertreibe nicht – sie haben uns wirklich ein neues Leben gegeben. Sie gaben uns eine Unterkunft, Essen, haben uns in Kontakt mit Anwälten gebracht. Sie sind unsere Eltern,” Darin lacht und fügt in Richtung Alex hinzu: “Fühl dich nicht alt! Ihr seid unser Leuchtturm in Deutschland. Ohne euch, ich weiß nicht, was mit uns wäre. Wir haben eine Richtung wegen euch, danke.”

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(c) Amadeu Antonio Stiftung. İsmet Tekin mit Unterstützer*innen aus Halle und von der Amadeu Antonio Stiftung.
Gefördertes Projekt

TEKIEZ in Halle: Es muss weitergehen, auch wenn es schwer ist

İsmet Tekin ist Überlebender des antisemitischen und rassistischen Anschlags von Halle im Oktober 2019. Er arbeitete damals im Imbiss „Kiez-Döner“ im belebten Paulusviertel, einem der Anschlagsorte. Seit drei Jahren setzen er, sein Bruder und Unterstützer*innen sich ohne Pause gegen das Vergessen ein. Leicht gemacht wird ihnen das nicht. Im Gedenkort TEKIEZ organisieren sie das Gedenken an die Opfer des Anschlags derzeit weitgehend ehrenamtlich. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt sie dabei mit einer Projektförderung.

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