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„Hier gibt es keinen Hass mehr“

Bild: Torsten Stapel


Mehr als 120.000 Zwangsarbeiterinnen mussten für die Rüstungswirtschaft im Konzentrationslager Ravensbrück und dessen Außenstellen schuften. Mit der Ausstellung „Wiedersehen mit Eberswalde – Hier gibt es keinen Hass mehr“ erinnert der „Jugend- und Kulturverein Exil e.V.“ an das Schicksal der Häftlinge in Eberswalde. Unterstützt wird das Projekt von der Amadeu Antonio Stiftung.

Als „Hölle der Frauen“ ging es in die Geschichte ein. Zu seinen Gesetzen gehörte es, dass niemals jemand untätig sein durfte, damit niemand jemals zur Ruhe käme. Mehrmals am Tag mussten die Gefangenen zum Zählappell erscheinen. 1937 gab der SS-Führer Heinrich Himmler den Befehl bei Fürstenberg an der Havel ein „Schutzhaftlager“ für weibliche Häftlinge aufzubauen. Zwei Jahre später im Mai 1939 wurde das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück von den Nazis errichtet. Es sollte das größte Konzentrationslager für Frauen im Deutschen Reich werden. Insgesamt 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.000 Jugendliche waren dort zwischen 1939 und 1945 interniert. Ca. 25.000 – 26.000 von ihnen wurden ermordet oder überlebten die Tortur nicht.

Im Laufe des Krieges entwickelte sich das KZ-Ravensbrück zu einem ganzen Lagerkomplex. Über 60 Außenlager entstanden. Maßgeblich daran beteiligt war auch der Berliner Elektrokonzern Siemens & Halske. Als erstes Privatunternehmen beschäftigte er Zwangsarbeiterinnen und ließ sich mit 20 Werkshallen in unmittelbarer Nähe zum Lager nieder.

Eines der vielen Außenlager befand sich in Eberswalde. Das Besondere an ihm: Zwei seiner ehemaligen Baracken sind nahezu im Originalzustand erhalten. Trotz dessen sei die Existenz des ehemaligen Lagers im Bewusstsein der Stadt bislang nur unzureichend verankert, bemängelt der Jugend- und Kulturverein Exil e.V. Er möchte dies mit der Dauerausstellung „Wiedersehen mit Eberswalde – Hier gibt es keinen Hass mehr“ ändern: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit Hilfe einer Ausstellung, die Geschichte dieses Lagers den Menschen in Eberswalde näherzubringen“, erklärt Kai Jahns, Leiter des Projekts. Unterstützt wird die Ausstellung von der Amadeu Antonio Stiftung.

„Diesen Namen werde ich nie vergessen“

Ab 1943 begann die SS damit, zahlreiche Außenlager in unmittelbarer Nähe von Rüstungsbetrieben zu errichten. Weibliche Häftlinge wurden dort als Zwangsarbeiterinnen für die Kriegsproduktion ausgenutzt. Auch private Unternehmen, wie die Luftfahrtgerätewerke Hakenfelde GmbH (Siemens-Tochter), die Ernst Heinkel AG und die Hugo Schneider AG, waren an der Ausbeutung beteiligt. Im September 1944 errichteten die Nazis das Außenlager Eberswalde, direkt an der Hauptverkehrsstraße am Bahnhof Eisenspalterei. Ungefähr 800 Frauen, verschleppt aus Polen, der Sowjetunion und Italien, arbeiteten bis zum April 1945 zwangsweise für den ortsansässigen Rüstungsbetrieb, die Ardelt-Werke. Von den entwürdigenden Arbeitsbedingungen berichtet Wacława Gałęzowska, ehemalige Zwangsarbeiterin in Eberswalde: „Diesen Namen (Ardelt-Werke) werde ich nie vergessen. Ich musste Flakgeschosse hochheben, sie in eine Trommelmaschine legen und einen Schieber betätigen. Mir taten die Hände schrecklich weh, und ich musste sehr viele Stücke während einer Schicht bearbeiten. Das war so schwer, dass ich eines Tages ohnmächtig wurde. Ich war schwach und hungrig.“ Für die rücksichtlosen Unternehmerinnen und Unternehmer war die Zwangsarbeit ein lukratives Geschäft. Ließen sich die Arbeitsnebenkosten doch auf ein geringstes Maß reduzieren… Erschöpfte Häftlinge wurden einfach in das Hauptlager zurückgeschickt und gegen „Unverbrauchte“ ausgetauscht.

Sie warfen Steine nach uns

Wie war die Lebens- und Arbeitssituation der Häftlinge? Wovon ernährten sie sich? Wie schützten sie sich vor der Kälte im Winter? Seit dem Spätsommer arbeitet der Jugend- und Kulturverein Exil an der Umsetzung der Ausstellung. „Uns geht es vor allem darum, den örtlichen Bezug herzustellen“, sagt Kai Jahns. Drei ehemalige Zwangsarbeiterinnen aus Polen, Wacława Gałęzowska, Janina Wyrzykowska und Marianna Bogusz, erzählen in der Ausstellung von ihren Erlebnissen im Lager. Auch von ihrem Kontakt zur Eberswalder Bevölkerung berichten sie. Mitgefühl oder gar Hilfe wurde ihnen wenig zuteil. Vielmehr waren sie ständigen Herabwürdigungen und Beleidigungen ausgesetzt, wie Marianna Bogusz sich erinnert: „Deutsche Kinder und Frauen warfen Steine nach uns, spuckten und riefen ‚polnische Schweine‘!“ Doch einmal warf uns eine ältere Deutsche ein kleines Brot zu. Es fiel auf die Erde, mir fast unter die Füße. Die ganze Kolonne lief weiter, und das Brot wurde vollständig zertrampelt. Am Ende gab es nur noch weißen Staub.“

Grauen aber auch Freundlichkeit und Wärme

Heute, 65 Jahre nach der Befreiung des Lagers, hat sich – unter anderem durch das Engagement des Jugend- und Kulturvereins Exil – vieles in Eberswalde verändert. Auch wenn Eberswalde in der Erinnerung der drei polnischen Frauen immer der Ort bleiben wird, an dem ihnen unbeschreibliches Leid zugefügt wurde, blicken sie inzwischen nicht mehr ausschließlich mit Argwohn auf die Stadt. „1999 kam ich zum ersten Mal wieder auf Einladung nach Eberswalde. Ich sah die Reste der Baracken, in denen wir gewohnt hatten und konnte mich der Tränen nicht erwehren. Das ganze Grauen von damals kam hoch. Doch in den nächsten Tagen erfuhren wir soviel Freundlichkeit und Wärme. Hier gibt es keinen Hass mehr“, beschreibt Janina Wyrzykowska ihre heutigen Gefühle in Bezug auf die Stadt. Die positive Entwicklung in Eberswalde freut auch Wacława Gałęzowska. Aber auch mahnende Worte richtet sie an die Eberswalder Bevölkerung: „Dieser Ort muss geachtet werden, denn hier haben Menschen schrecklich gelitten.“ Einen Beitrag dazu möchte die Ausstellung leisten. Eröffnet wird sie am 21. Dezember 2010.

Von Christian Müller

 

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