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Gastbeitrag

Laut, leise, landesweit

Stephan Anpalagan wurde 1984 in Sri Lanka geboren und wuchs in Wuppertal auf. Seit Jahren schreibt er über Rechtsextremismus, Sicherheitsbehörden und Identität. Er ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Strategieberatung „Demokratie in Arbeit“. 2023 erschien sein Debütbuch „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft“. Foto: Boris Breuer

Es ist laut. So ungeheuer laut.

Die Nachrichten fliegen über die Bildschirme. Zu den Radiosendungen gesellen sich politische Podcasts. Zeitungen werden unterstützt von Blogs, Webseiten und Sozialen Medien. Den ohnehin zahlreichen Expert*innen werden in Fernsehsendungen Meinungsmacher*innen zur Seite gestellt, damit sich niemand von Fakten und Tatsachen ablenken lässt.

Meldungen schießen in meinen Kopf. Die allermeisten sind schlecht. Schlechte Nachrichten über Menschheitskrisen: der Sturm aufs Kapitol, der russische Angriff auf die Ukraine und jetzt der Terror gegen Israel.

Der Terror gegen Israel: ein Massenmord an mehr als 1.400 Jüdinnen*Juden. 200 Menschen verschleppt und in der Geiselhaft von Terroristen. Kleinkinder, Männer, Frauen, Senior*innen.

In manchen Ecken ist es nicht so laut, wie man es sich wünschen würde. Einige, die sonst laut sind, schweigen. Andere, die besser schweigen sollten, sind laut. Man sieht Demonstrationen, auf denen der Terror gegen Israel geleugnet und verharmlost wird. Süßigkeiten, mit denen der Mord an Jüdinnen*Juden gefeiert wird. Davidsterne, mit denen die Häuser jüdischer Familien markiert werden. Gefährdungslagen für jüdische Fußballvereine, die ihre Spiele absagen müssen. Kein einziger Mund in diesem Land dürfte leise bleiben. Viel zu viele sind verstummt, wo lautstarker Widerspruch, wo Solidaritätsbekundungen notwendig wären.

Dafür wissen nun andere die Gelegenheit zu nutzen und ihre Thesen in die öffentliche Debatte einzubringen. Lautstark. Beinahe atemlos.

Der muslimische Antisemitismus. Der importierte Judenhass. Über kaum etwas anderes wird dieser Tage geredet. Das ist immerhin zum Teil angemessen. Der Terror der Hamas begründet sich mit einer fundamentalistischen Version des Islam. In einigen Teilen der islamischen Welt wird die Hamas offen unterstützt. In Deutschland schwenken viele Muslim*innen in Solidarität mit den Terroristen palästinensische Fahnen und rufen Allahu Akbar! Yallah Intifada! Nicht alle. Bei weitem nicht alle. Aber genug, dass es denjenigen Auftrieb verleiht, die schon immer auf den muslimischen Sündenbock gesetzt haben. Vor allem aber sind zu viele Muslim*innen zu still. Stellen sich den lauten Antisemit*innen in ihren Reihen zu wenig entgegen.

Überhaupt die Jüdinnen*Juden in unserem Land. Die vom Antisemitismus Betroffenen sind unbestechlich. Sie wissen ganz genau, dass die Gefahr durch den muslimischen Antisemitismus nicht die ganze Wahrheit abbildet.

Vor wenigen Wochen erst diskutierte Deutschland über die Vergangenheit des stellvertretenden Ministerpräsidenten Bayerns, Hubert Aiwanger. Ein Flugblatt, das als ersten Preis einen Freiflug durch den Schornstein des KZ Auschwitz auslobte, wurde zum Lackmustest dafür, wie dieses Land mit Antisemitismus und Judenhass umgeht.

Aiwanger schwieg, beschwichtigte, leugnete, verharmloste. Markus Söder, der Koalitionspartner Aiwangers, zögerte, zauderte, schielte auf seine Umfragewerte. Das unwürdige Schauspiel endete mit Stimmenzuwachs für einen Mann, der eine offensichtliche antisemitische Vergangenheit mit sich herumschleppt. Ende Oktober unterschreiben Söder und Aiwanger einen gemeinsamen Koalitionsvertrag.

Die in Teilen offen antisemitische AfD erzielte bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern ihre bisher stärksten Ergebnisse in Westdeutschland. In Ostdeutschland ist sie in Umfragen bereits stellenweise stärkste Kraft. Ihre Wähler*innen stellen sich dort vor die Kamera und bekennen sich zum Nationalsozialismus. In Thüringen versuchte die CDU zur letzten Bundestagswahl mit Hans-Georg Maaßen einen Mann in den Bundestag zu hieven, der es sich in antisemitischen Gefilden gemütlich gemacht hat.

Es ist ein „Nie wieder!“ mit Pausen-Taste.

Einen der schlimmsten antisemitischen Vorfälle der vergangenen Jahre in Deutschland verübte ein Rechtsterrorist, der ein Blutbad an 50 Jüdinnen*Juden in Halle nur deshalb nicht begehen konnte, weil er an der Holztür der Synagoge scheiterte. Nicht an den Sicherheitsbehörden. Im Anschluss an den Terroranschlag beschwerte sich der sachsen-anhaltinische Innenminister, Holger Stahlknecht von der CDU, dass er nun die Polizei zum Schutz von Synagogen abstellen müsse. Ein Polizist, der im Zuge des Anschlags in Halle für die Sicherheit der jüdischen Gemeinden in Hannover verantwortlich war, entpuppte sich später als „Querdenker“, verglich die Bundesregierung mit dem „Dritten Reich“ und rief seine Kolleg*innen zur Befehlsverweigerung auf. Die antisemitischen WhatsApp-Gruppen, in denen Polizist*innen Hakenkreuze und Hitlerbilder teilen, scheinen bei den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft keinen lautstarken Protest hervorzurufen, höchstens Verärgerung über schlechte Schlagzeilen.

Diejenigen, die zu alledem stets leise waren, sind nun laut. Möchten den Antisemitismus „ohne Wenn und Aber“ bekämpfen. Den Antisemitismus der Migrant*innen. Den Migrantisemitismus.

„Gegen jeden Antisemitismus“ bedeutet allerdings, Judenhass konsequent zu benennen und zu bekämpfen. Egal, aus welcher Ecke er kommt. Insbesondere aber den, der in der eigenen politischen Heimat wie Unkraut aus dem Boden sprießt. Und den wiederum gibt es leider überall.


Stephan Anpalagan wurde 1984 in Sri Lanka geboren und wuchs in Wuppertal auf. Seit Jahren schreibt er über Rechtsextremismus, Sicherheitsbehörden und Identität. Er ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Strategieberatung „Demokratie in Arbeit“. 2023 erschien sein Debütbuch „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft“ im S. Fischer Verlag.

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