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Morddrohungen in Zossen

Beschmierte Stolpersteine in Zossen, Foto: BI Zossen zeigt Gesicht

„Du stirbst bald Hagen“ steht am Honigladen in Zossen. Gemeint ist Hagen L., Mitglied der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“. Unterzeichnet wurde diese Morddrohung mit einem Hakenkreuz. Die Neonaziübergriffe in Zossen hören nicht auf.

 „Du stirbst bald Hagen“ steht an der Hauswand des Honigladens in Zossen. Das S ist geschrieben wie eine Sigrune. Gezeichnet ist diese Morddrohung mit einem Hakenkreuz. In der Nacht vom 6. auf den 7. März tauchten neben dieser Drohung noch weitere Neonazischmiereien in Zossen auf. Insgesamt wurden in dieser Nacht ungefähr 30 Hakenkreuze verteilt: an Fassaden, Schildern, am Rathaus und selbst auf Stolpersteinen. Stolpersteine erinnern an die Jüdinnen und Juden, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden. Hagen L. ist seit Gründung der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ aktives Mitglied. Die Inhaber des Ladens reinigten schnell die Fassade. Die Mitglieder der Bürgerinitiative und die Dabendorfer Feuerwehr kümmerten sich um die anderen Schmierereien in der Stadt.

Immer stärkere Neonazipräsenz in Zossen

„Nazis sind sehr präsent im Stadtbild“, sagt Jörg Wanke von der Bürgerinitiative. Zuletzt wurde zum Internationalen Holocaustgedenktag am 27. Februar, eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus von Neonazis mit „Lüge“-Rufen und Hitlergrüßen gestört. Die Polizei schritt nicht ein und ließ somit zu, dass es am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz möglich war, in Deutschland ungestört einen Hitlergruß zu zeigen und die Opfer zu verhöhnen. Schon am Holocaustgedenktag 2009 durften Neonazis in Zossen marschieren. Seit 2005 gibt es die sogenannten „Freien Kräfte Teltow-Fläming“, die sich am Konzept der „Autonomen Nationalisten“ orientieren. Kennzeichnend sind eine lose Organisationsstruktur, Verherrlichung des Nationalsozialismus und Aktionen wie beispielsweise Sprühereien bis hin zu gewalttätigen Übergriffen.

Brandanschlag

In die Presse geriet Zossen wegen eines Brandanschlags auf das „Haus der Demokratie“, das im Januar bis auf seine Grundmauern abbrannte. Und mit ihm auch alle Gegenstände, die sich darin befanden. So auch eine Ausstellung über die Residenzpflicht, die nun wieder aufgebaut werden soll. Verübt wurde der Anschlag von einem 16-jährigen mit Neonazihintergrund. Die Polizei ermittelt noch die genauen Hintergründe. Das „Haus der Demokratie“ wurde im September 2009 eröffnet und war Treffpunkt für viele, die sich für demokratische Kultur einsetzen und gegen Neonazis engagieren. Seit der Eröffnung wurde das Haus in erschreckender Regelmäßigkeit von Neonazis angegriffen. Sie schlugen Scheiben ein, verwüsteten Büroräume, warfen Farbbeutel und, vor allem, bedrohten sie die Mitglieder der Bürgerinitiative.

Wie reagiert die Stadt?

Die Bürgermeisterin Zossens, Michaela Schreiber, sagte kurz nach dem Brandanschlag auf das „Haus der Demokratie“ der Redaktion „Mut gegen rechte Gewalt“: „In Zossen kann man die Neonazis an einer Hand abzählen. Sie sind eher jung, unbedarft und ohne Führung“. Aktionsorientierte Jungnazis trifft es wahrscheinlich besser. Und die sind nicht zu unterschätzen, wie die gehäuften Angriffe und Bedrohungen zeigen. Der Justizminister Brandenburgs, Volkmar Schöneburg, zählt etwa 70 Personen in und um Zossen zur Neonazisszene. Wenn ein „Haus der Demokratie“ brennt und Mitgliedern, die es mit Leben füllen, mit dem Tod gedroht wird, sind das handfeste Beweise für ein ernstes Problem. Die Gerüchte um die Auflösung der „Freien Kräfte“ Ende letzten Jahres haben sich nicht bestätigt. Die Stadt muss dazu Position beziehen – einfach ignorieren hilft nicht. Mit der Bürgerinitiative spricht Michaela Schreiber allerdings nicht. Und „Zossen zeigt Gesicht“ kümmert sich lieber selbst. „Wir wollen an den Projekten weiterarbeiten“, so Wanke. „Wir haben schon ein neues Haus in Aussicht“. Für eine Stadt ist es allerdings ein Armutszeugnis, wenn gerade diejenigen keine städtische Unterstützung erhalten, die sich so engagiert für demokratische Kultur einsetzen.

Von Nora Winter

Update

Wie die Berliner Zeitung am 9. März mitteilte, sind an dem Brandanschlag auf das „Haus der Demokratie“ wohl sechs weitere Personen neben dem 16-Jährigen beteiligt gewesen. Der Sprecher des LKAs sagte, dass sie „teilweise der rechten Szene“ zuzuordnen seien. Noch während des Brands hatten sich Mitglieder der „Freien Kräfte Teltow-Fläming“ vor dem Haus fotografiert.
 

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