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Interview

„Niemand wusste, was kommt“

Copyright: Biss Magazin

Karin Lohr ist Geschäftsführerin des BISS-Magazin, der ältesten und einer der erfolgreichsten Straßenzeitungen Deutschlands. Mit der Amadeu Antonio Stiftung sprach sie über die Situation von armen und wohnungslosen Menschen während der Coronapandemie.

Wofür steht “BISS” und welche Ziele verfolgen Sie?

BISS heißt ausgeschrieben: Bürgern in sozialen Schwierigkeiten. Das ist die Münchener Straßenzeitung, die armen und obdachlosen Menschen zu einem neuen Start im Leben verhelfen möchte. Die Zeitung erscheint monatlich und wird von armen und sozial benachteiligten Menschen auf der Straße verkauft.

Wie hat sich die Covid19-Pandemie auf BISS ausgewirkt?

Es war wirklich keine einfache Situation für uns, weil niemand wusste, was kommt. Wir haben uns relativ früh entschlossen, keine Zeitungen mehr auszugeben: Wir wollten die Verkäufer und Kunden schützen. Wir hätten nicht gedacht, dass wir im April gar keine Zeitung herausbringen. Jetzt ist unsere Auflage deutlich gesunken und es gibt weniger aktive Verkäufer als vorher. Aber wir hoffen, dass das so nach und nach wieder zurückkommt.

Welche Schwierigkeiten und Konsequenzen gab es für Verkäufer*innen?

Einmal sollen die Leute natürlich Geld verdienen und Geld einnehmen, wenn sie Zeitungen verkaufen. Der Verkäufer verdient an jeder verkauften Zeitung mindestens 1,10€. Im Vordergrund steht aber die Hilfe durch die sozialen Kontakte. Das ist schon sehr schwierig, wenn die Leute dazu verdammt sind, nur noch zu Hause zu bleiben. Oft sind das Leute, die im besten Fall eine kleine Wohnung haben, keinen Garten, keinen Balkon. Sie vermissen ihre Kunden, die Kollegen, die herkommen und hier die Zeitungen kaufen. Auch die Anerkennung, Wertschätzung, Freundlichkeit im Umgang fehlen. Die tun gut: Wenn die Kunden grüßen und sagen „Ich habe sie schon vermisst, wo waren sie denn gestern?“ oder nach dieser langen Pause: „Oh Gott, ich habe mir schon Gedanken gemacht und Sie schauen gut aus“. Das ist das, worauf sich die Menschen freuen und das verankert sie in der Gesellschaft.

Haben ihre Beschäftigten in der Corona-Krise besonders viele Erfahrungen mit sozialdarwinistischen Abwertungen gemacht?

Unangenehme Begegnungen kommen immer mal wieder vor, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Im Gegenteil: Viele Kunden waren total froh, die Verkäufer wiederzusehen, und haben in der Zwischenzeit einigen Verkäufern gemailt oder Briefe geschickt.

Wie geht es während der Corona-Pandemie den Menschen, die arm bzw. wohnungslos sind und rassistisch diskriminiert werden?

Manche der Verkäufer sind Sinti oder Roma. Wir bieten an, dass die Verkäufer Verkäuferwesten tragen können, wo groß, in Rot, BISS steht. Wir mussten feststellen, dass mehr Verkäufer sagen, sie möchten gerne so eine Weste tragen, weil das offizieller wirkt. In Kombination mit dem Ausweis ist dann klar, das sind die BISS-Verkäufer.

Was halten Sie von privaten Initiativen wie Gabenzäunen?

Ich sehe das – von unserem professionellen Standpunkt – eher kritisch. Was wir ja immer wollen, ist „Hilfe zur Selbsthilfe“: jemand kommt wieder so auf die Beine, dass er eben über ein Einkommen verfügt und dann entscheidet, wofür er das Geld ausgibt. Das finde ich immer besser, als wenn Menschen quasi von den Resten der Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft leben. Ob dann gerade das am Gabenzaun hängt, was er braucht – sei es das Lebensmittel, was er verträgt oder der Pullover, der gerade passt, bleibt fraglich. Da finde ich Ausgabestellen besser. Dort können die Menschen aussuchen, was ihnen gefällt und was sie gerne haben.

Welche strukturellen Maßnahmen müssten ergriffen werden, um Wohnungslose besser zu unterstützen?

Es fängt früh an: die Bildungspolitik muss verhindern, dass Menschen durch Raster fallen – sei es in den Kitas oder in der Schule. Wichtig ist dafür: Gute Bildung auch für Menschen aus benachteiligten Familien. Zum anderen geht’s um bezahlbaren Wohnraum, da muss man politisch ansetzen. Es muss klar sein: Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdevolles Wohnen. Man muss Spekulationen verhindern. Außerdem ist es so, dass Menschen auch eine Beschäftigung brauchen. Jeder Mensch kann in der Gesellschaft einen positiven Beitrag leisten. Da sollte es eine bessere Förderung geben. So muss der Beitrag von großen Firmen von Global Players auch der sein, dass da auch nicht nur die Leistungsstarken mitlaufen, sondern alle eine Aufgabe und ein würdevolles Leben haben können.

Das Interview führte Jule Müller-Dormann.

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