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Podcast #7 Jugendarbeit

 

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Antisemitismus, Rassismus und andere Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) stellen die Offene Kinder- und Jugendarbeit immer wieder vor große Herausforderungen. In dieser Folge widmen wir uns dem Thema Jugendarbeit und stellen Euch das Projekt »ju:an – Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit« vor. Wir sprechen mit der Bildungsreferentin Golschan Ahmad Hashemi, dem Pädagogen Jeff Hollweg vom Empowermentnetzwerk Hotspot of Power und Jugendlichen die das Jugendzentrum Lister Turm regelmäßig besuchen. Was heißt “offene Jugendarbeit” überhaupt? Wie schafft man Räume, in denen sich wirklich alle wohl fühlen können? Wie geht man mit verschiedenen Formen von Diskriminierung um? Wie können Pädagog*innen unterstützt werden?

Till Rühl: Schule stresst mich, Eltern stressen mich, ich möchte hier einfach in Ruhe sein. Also das wollen wir auch als Konzept „Offene Tür“ so beibehalten.

Golschan Ahmad Haschemi:Wie können wir unsere Einrichtung so gestalten, dass sie nicht ausschließend wirken, nicht exklusiv wirken.

Jeff Hollweg: Empowerment besteht aus zwei Teilen. Einmal ist das die Selbstliebe und der zweite ist dann Solidarität. Da geht es darum, dass man mit anderen Betroffenen und anderen Minderheiten solidarisch ist.

Was ist „offene Jugendarbeit“?

Das Jugendzentrum Lister Turm in Hannover. Ein zweistöckiges Haus mit großem Garten, Graffitiwand, Kicker, Diskoraum und gemütlicher Küche. Die Tür steht hier für alle Jugendlichen offen – das Prinzip heißt offene Jugendarbeit.

Doch was heißt “offene Jugendarbeit” überhaupt? Wie schafft man Räume, in denen sich wirklich alle wohl fühlen können? Wie geht man mit verschiedenen Formen von Diskriminierung um? Pädagog*innen stehen hier vor besonderen Herausforderungen und brauchen spezifische Kompetenzen. Wie können sie unterstützt werden? Und wer bietet diese Unterstützung?

Golschan Ahmad Haschemi: Ich bin Golschan Ahmad Haschemi, ich arbeite in der Amadeu Antonio Stiftung als Bildungsreferentin der Praxisstelle ju:an, antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit.

Das Projekt ju:an unterstützt Kinder- und Jugendeinrichtungen dabei, Strategien gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Ideologien von Ungleichheit zu entwickeln. Im Fokus stehen dabei nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern seit einiger Zeit vor allem Fachkräfte.

Golschan Ahmad Haschemi: Das heißt Multiplikator*innen, Sozialarbeiter*innen, Leute in der Sozialen Arbeit allgemein und sie darin zu schulen und zu coachen, was es heißt antisemitismus- und rassismuskritisch zu arbeiten. Wie können wir unsere Einrichtungen so gestalten, dass sie eben nicht ausschließend wirken, nicht exklusiv wirken.

Häufig sind es auch Pädagog*innen selbst, die diskriminierende Einstellungen reproduzieren oder nicht angemessen auf solche reagieren. Und sie sind oft überfordert. Das äußerst sich darin:

Golschan Ahmad Haschemi: Dass es nicht genügend Wissen zu Antisemitismus gibt, dass oft vielleicht weggehört wird, wenn rassistische, antisemitische oder homofeindliche Aussagen gemacht werden.

Haltung entwickeln – gegen Ungleichheitsideologien vorgehen

Genau hier setzt ju:an an: Es geht zunächst darum, eigene Sichtweisen selbstkritisch zu hinterfragen. Und es kann offen über Unsicherheiten gesprochen werden. So können Pädagog*innen eine Haltung entwickeln, um in Jugendeinrichtungen, Schulen oder Vereinen gegen Ungleichheitsideologien vorzugehen.

Golschan Ahmad Haschemi: Das heißt es geht für uns darum sowohl gegen Antisemitismus und Rassismus aufzuklären, dagegen vorzugehen und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, als auch diejenigen zu empowern, die von Rassismus, von Antisemitismus, von Homofeindlichkeit, von Sexismus betroffen sind. Und so gesehen dann in beide Richtungen agieren – einerseits stärken, andererseits auch aufklären.

Der Weg zu so einer Aufklärung ist nicht immer leicht. Häufig fehlt Vorwissen. Auch die hohe Fluktuation bei den Mitarbeitenden der Jugendarbeit ist ein Problem. Außerdem ist der Umgang mit Rassismus und Antisemitismus kein selbstverständlicher Bestandteil der Jugendarbeit – es fehlen fest verankerte Strukturen. Das macht die Arbeit von ju:an so wichtig.

Golschan Ahmad Haschemi: Wenn jetzt die Leute zu uns kommen, die zum Beispiel in höheren Positionen sind und sagen, „Ich würde gerne mein Team da fortbilden“, dann geht es oft darum erstmal ein grundsätzliches Verständnis zu haben von, warum ist es überhaupt wichtig antisemitismus- und rassismuskritisch zu arbeiten.

Es geht um elementare Fragen: Wie reagiere ich auf antisemitische Parolen, homofeindliche Sprüche oder rassistische Aussagen? Und welche Vorurteile habe ich selber verinnerlicht? Fragen, die nicht immer leicht zu beantworten sind. Sie erfordern Selbstreflexion und auch Selbstkritik.

Golschan Ahmad Haschemi: Was wir beobachten ist, wenn es eingangs vielleicht noch eine Unsicherheit oder Zurückhaltung gibt, dass im Laufe der Prozesse eigentlich immer mehr und mehr Vertrauen da ist, dass sich immer wieder an uns gewendet wird.

Neben der Arbeit mit Pädagog*innen stehen auch die Jugendlichen selbst im Fokus:

Stichwort Empowerment

Golschan Ahmad Haschemi: Gleichzeitig arbeiten wir auch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen direkt zusammen, unter dem Stichwort Empowerment zum Beispiel. Das ist uns sehr sehr wichtig. Wir haben ein ziemlich cooles Netzwerk hier in Hannover gegründet. Das ist das Empowerment-Netzwerk „Hotspot of Power“.

Jeff Hollweg: Mein Name ist Jeff Hollweg, ich bin 30 Jahre alt, Sozial- und Organisationspädagoge von Beruf, heute gut drauf, mit viel positiver Energie hier, und freue mich, vom „Hotspot Of Power“ zu berichten.

Jeff Hollweg erzählt begeistert vom „Hotspot of Power“: Einem Zusammenschluss von jungen Menschen aus ganz Hannover, die eigene Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben. Mittlerweile sind sie zu einer festen Gruppe geworden, die sich einmal im Monat trifft. Für die Entstehung des Netzwerks standen Golschan Ahmad Haschemi von ju:an und ihre Kollegin Verena Meyer vom Mädchenhaus zwei13 an ihrer Seite.

Golschan Ahmad Haschemi: Das heißt, wir haben erstmal ganz unverbindlich junge POC und junge Schwarze aus Hannover und Umgebung eingeladen, um sich ganz unverbindlich mit uns zu treffen und sich im Laufe des Jahres ein Netzwerk gebildet hat, von denen, die regelmäßig gekommen sind und auch Lust hatten, zusammen was zu starten.

PoC, das steht für “People Of Color”, ein Begriff mit einer langen Geschichte. Erstmals erwähnt wird er bereits im 18. Jahrhundert. In den 1970er Jahren wird er auch in Europa popularisiert. Er dient vor allem als Selbstbezeichnung für Menschen mit Rassismuserfahrungen.

Jeff Hollweg: Ich kann mich, dass aller erste Mal daran erinnern, das war im Kindergarten, dass ich eine rassistische Erfahrung gemacht habe. In dem Alter konnte ich das nicht einordnen. Und dann hat sich das durch mein Leben durchgezogen. Und dass man sich dann mit gewissen Leuten, meistens waren es POCs, besser austauschen konnte, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Geschützte Orte wie der “Hotspot of Power” bieten die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen, die ebenfalls Erfahrungen mit Rassismus machen. Dazu gehören auch ganz alltägliche Erfahrungen:

Golschan Ahmad Haschemi: Die jungen Leute konnten sich zum Beispiel darüber, warum heißt eigentlich durchsichtige Strumpfhose, hautfarbene Strumpfhose. Oder wie blöd es ist, dass es für bestimmte der Teilnehmer*innen einfach nicht das passende Makeup in der richtigen Farbe gab, weil es das nur bis zu einer bestimmten Nuance gibt und dadurch einfach ein Ausschluss aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen funktioniert. Das klingt so banal, wenn man über tiefgreifende Gesellschaftsanalysen und Diskurse spricht. Aber im Alltag der Jugendlichen macht sich so eine Veranderung, ein Othering, ein Anderssein genau an solchen Punkten fest. Und dann zu sagen, deine Wahrnehmung ist richtig, das stimmt und sich austauschen zu können mit anderen Jugendlichen, das ist total viel wert.

Der Hotspot of Power ermöglicht offene Gespräche über solche Rassismuserfahrungen. Und die hinterlassen Spuren:

Jeff Hollweg: Wenn man ständig Mückenstiche bekommt, rassistische Aggressionen im Sinne von „Wo kommst du her?“, „Du sprichst aber gut Deutsch!“ – das kann man sich vorstellen wie tagtäglich Mückenstiche zu bekommen. Und irgendwann ist das einfach zu viel. Und in einem geschützten Raum ist die Möglichkeit, keine abzubekommen eher gegeben.

Der Austausch bestärkt, schafft Selbstbewusstsein, zeigt, dass man nicht alleine ist. Das Ziel heißt: Empowerment. Es geht darum, sich klar zu machen, dass man als Person Of Color handlungsmächtig ist, dass man nicht auf fremde Hilfe angewiesen ist, die Möglichkeit hat, gemeinsam mit anderen PoCs etwas zu verändern. Jeff erklärt:

Jeff Hollweg: Empowerment besteht aus zwei Teilen. Einmal ist das die Selbstliebe, dass man mit sich selber im Reinen ist. Dass man sich gegenüber sich selbst positiv eingestellt ist und sich auch selbst liebt. Und der zweite Teil ist Solidarität. Da geht es darum, dass man mit anderen Betroffenen und anderen Minderheiten solidarisch ist. Und diese zwei Elemente oder Dimensionen von Empowerment probiere ich dann auch zu leben und arbeite tagtäglich daran, dass ich besser werde.

2016 veranstaltete „Hotspot of Power“ eine Konferenz mit überregionaler Vernetzung. Vorträge, Workshops, eine offene Bühne für eigenen Input – Empowerment in der Praxis.

Jeff Hollweg: War ein cooles Happening, das hatte auch teilweise Festivalcharakter. Ich fände es schön, wenn das wieder zustande kommen würde.

Selbstorganisierte Initiativen wie der „Hotspot of Power“ zeigen, wie wichtig rassismussensible Jugendarbeit ist und was sie bewirken kann. Diese Sensibilität können vor allem Pädagog*innen zeigen, die selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben.

Golschan Ahmad Haschemi: Weil sie wissen, was zum Beispiel Rassismus im Alltag bedeutet. Und deshalb sagen wir zum Beispiel auch, es braucht mehr Sozialarbeiter*innen, die in diesen Bereichen arbeiten, die zum Beispiel selber Schwarz sind, of Color sind, weil das oft schon ganz viel Vertrauen bringt.

Doch gerade in Hannover wird es in Zukunft wohl alles andere als leicht werden, diese wichtige Arbeit weiter voranzutreiben.

Golschan Ahmad Haschemi: Wenn dann zum Beispiel in bestimmten Ausschüssen darüber gesprochen wird, „es sollte nicht mehr heißen „Projektmittel gegen Rechts“, denn das wäre ja eine Disrkiminierung“, dass heißt sich bestimmte Begriffe auch noch angeeignet werden, die aus einer Bewegung kommen, die Missstände, Diskriminierung und Ausschluss benannt hat, dann ist das etwas, wo von allen Politiker*innen, von allen Leuten, die in diese Ausschüssen sitzen eigentlich ganz laut und vehement dagegen gesprochen werden müsste.

Der politische Klimawandel in Deutschland wirkt sich auch auf die Arbeit von Projekten wie ju:an aus. Golschan Ahmad Haschmi plädiert für eine klare Haltung.

Golschan Ahmad Haschemi: Auf Hannover bezogen würde ich sagen, wäre es einfach total wichtig immer wieder Kante zu zeigen. Sei es von Jugendgruppen, sei es sich zu wehren und zu sagen, wir lassen uns jetzt nicht, weil wir jetzt unter „linker Politik“ laufen, bestimmte Gelder abnehmen.

Es muss weitergehen. Während die Stadtpolitik über die Kürzung von Geldern für vermeintlich linke Jugendeinrichtungen diskutiert, wird dort Tag für Tag wichtige Arbeit geleistet.

Im Jugendzentrum Lister Turm

Bei ju:an, beim „Hotspot of Power“, und im Jugendzentrum Lister Turm.

„Kommt ihr regelmäßig her?“

Eigentlich komme ich jeden Mittwoch.“

„Ich komme eigentlich fast jeden Tag her.“

„Ich meistens mittwochs, zwei Mal die Woche ungefähr.“

„Meistens sind wir unten im Diskoraum, spielen Billard oder kochen halt.“ „Und wir essen!“

„Was gefällt euch denn hier?“

„Der Diskoraum an sich auch, weil man da alleine sein kann. Man wird nicht gestört.“

„Man kann einfach man selbst sein, man hat hier einfach Spaß und Harmonie.“

 „Und die Mitarbeiter sind cool.“

Wir treffen Till Rühl, der als Sozialarbeiter im Lister Turm arbeitet. Er führt uns durch die Einrichtung.

Till Rühl: Bei vielen die herkommen ist es auch so, manchmal, „ich möchte nicht gerne zu Hause sein, ich will einen Ort haben an dem ich mich mit Freunden treffen kann, alles drum herum, Schule stresst mich, Eltern Stressen mich, ich möchte hier einfach in Ruhe sein“. Das wollen wir auch als Konzept „Offene Tür“ so beibehalten.

Offen zu sein bedeutet aber auch eine klare Haltung gegenüber diskriminierenden Aussagen und Verhaltensweisen einzunehmen. Till Rühl setzt auf das Gespräch.

Till Rühl: Wir gehen in die Diskussion. Das kommt öfter vor. Dass ich Jugendliche hier habe, die sagen, „das ist voll schwul hier“. Als Schimpfwort. Wenn man mit ihnen darüber spricht, kommt ganz oft, „das habe ich nicht gemeint, das ist doch egal“. Dann gehe ich darauf ein, dass das nicht egal ist. Das hier nicht der Platz dafür ist. Das ist nirgendwo, aber hier ist der Freiraum, wo das nicht geht.

Nach Till Rühls Erfahrung eignen sich besonders Einzelgespräche, die Raum für einen intensiven Austausch bieten. Das geht jedoch nur, wenn es schon eine Vertrauensbasis gibt. Solche Auseinandersetzungen finden häufig über einen längeren Zeitraum statt. Auch für die Arbeit von ju:an spielt Vertrauen eine große Rolle. Golschan Ahmad Haschimi berichtet:

Golschan Ahmad Haschimi: Ich kann einen Menschen zitieren aus der Jugendarbeit, Fachbereich Jugend und Familie hier in Hannover, der mal gesagt hat, einmal ju:an immer ju:an. Und das ist natürlich ein ganz tolles Qualitätssigel und das erleben wir immer wieder.

Ob im Jugendzentrum, bei ju:an oder beim „Hotspot of Power“ – in ganz Hannover engagieren sich Menschen für eine offene, solidarische und empowernde Jugendarbeit – allen politischen Widerständen zum Trotz. Fragen der Jugendarbeit betreffen die ganze Gesellschaft: Politik, Pädagog*innen und die Jugendlichen selbst.

„Vernetzt euch, seid solidarisch!“

„Vielleicht noch als letzte Frage: Was würdest du jungen Menschen mitgeben, die von Antisemitismus und Rassismus betroffen sind?“

„Vernetzt euch, nutzt die Möglichkeiten, die die Informationsgesellschaft bietet. Bei YouTube und bei Instagram, da gibt es gute Vorbilder und denen einfach folgen, vernetzt euch, tauscht euch aus, verstärkt euch gegenseitig, liebt euch selbst, seid solidarisch!“

„Und was ist denn mit Leuten, die nicht davon betroffen sind, was würdest du denen sagen?“

„Macht das gleiche! Vernetzt euch, informiert euch, teilt die Power, die ihr habt, seid empathisch! Und gemeinsam machen wir diesen Planeten besser.“

De:hate – Ein Podcast der Amadeu Antonio Stiftung –

Konzeption und Umsetzung: Viola Schmidt und Matthias Goedeking

Musik: Kevin MacLeod

Credits: Shine (Hip Hop Instrumental) by Robbero (c) copyright 2012

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